Menschenrechtsgruppen in USA prangern Zwangssterilisationen in Abschiebegefängnis an

Migrantinnen berichten, dass ohne ihr Wissen und Zustimmung Hysterektomien vorgenommen wurden. Mexiko fordert Informationen von US-Behörden

usa_protest_gegen_immigrant_detention_center.jpg

Seit Jahren fordern Menschen- und Bürgerrechtsgruppen in den USA die Schließung der Immigrant Detention Center
Seit Jahren fordern Menschen- und Bürgerrechtsgruppen in den USA die Schließung der Immigrant Detention Center

Atlanta. Im US-Bundesstaat Georgia melden sich immer mehr Frauen bei Anwälten und Menschenrechtsorganisationen, die im privat betriebenen Abschiebegefängnis Irwin Co. Detention Center (ICDC), etwa 300 Kilometer südöstlich von Atlanta, einem ungewollten gynäkologischen Eingriff unterzogen wurden.

Der Fall wurde vor einer Woche ins Rollen gebracht, als die Krankenschwester Dawn Wooten über massive Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Einrichtung und in dem Krankenhaus berichtete, das die Inhaftierten betreut.

Wooten, die mittlerweile als Whistleblowerin von den Bürgerrechtsorganisationen Project South und Government Accountability Project vertreten wird, gab an, dass ein Arzt in den vergangenen sechs Jahren mindestens 20 Hysterektomien (Entfernung der Gebärmutter) an inhaftierten Frauen vorgenommen habe.

"So gut wie jede, die er sieht, bekommt eine Hysterektomie", erklärte Wooten. "Ich habe von mehreren Insassinnen erfahren, dass sie beim Arzt waren, dass sie eine Hysterektomie hatten und dass sie nicht wissen, warum sie dort waren." Mehrere Frauen sagten, dass sie keinen Zugang zu geeigneten Dolmetschern gehabt hätten und das medizinische Personal oft kein Spanisch spreche.

Eine inhaftierte Immigrantin berichtete dem Project South, dass sie mit fünf Frauen in der Einrichtung gesprochen habe, bei denen zwischen Oktober und Dezember 2019 eine Hysterektomie durchgeführt worden sei und die "verwirrt reagierten", als sie nach den genauen Umständen fragte.

US-Medien haben mittlerweile verschiedene Berichte von Zeuginnen und Betroffenen zusammengetragen, die die Anklage von Wooten stützen. Sie beschuldigen den Gynäkologen Mahendra Amin, der in der Nähe des ICDC praktiziert und der unter den inhaftierten Frauen "der Uterus-Sammler" genannt wird.

Die Kongressabgeordnete Pramila Jayapal berichtet, sie habe mit drei Anwälten betroffener Frauen aus dem Immigration Detention Center Irwin gesprochen, die ihr gegenüber bestätigten, dass andere Kollegen 17 oder 18 weitere Frauen vertreten, die gezwungen worden seien, sich dem Verfahren zu unterziehen.

usa_sterilisierungen_migrantinnen_dawn_wooten.jpg

Die Krankenschwester Dawn Wooten, hier bei einer Kundgebung vor dem Gefängnis, machte die ersten Fälle publik (Screenshot)
Die Krankenschwester Dawn Wooten, hier bei einer Kundgebung vor dem Gefängnis, machte die ersten Fälle publik (Screenshot)

Mileidy Carpentey, eine 39-jährige Kubanerin, die nun von Anwältinnen vertreten wird, gibt an, wegen angeblicher Zysten behandelt worden zu sein. Allerdings ist sie einen Monat später immer noch nicht sicher, welcher medizinische Eingriff tatsächlich an ihr vorgenommen wurde. Das ICDC hat ihr mehr als 100 Seiten medizinische Unterlagen übermittelt, aber nichts über den Tag der Operation.

Pauline Binam, die im Alter von zwei Jahren aus Kamerun in die USA kam, war 2019 bereits zwei Jahre in Haft im ICDC, als sie Probleme mit ihrer Regelblutung bekam. Doktor Amin habe ihr erklärt, dass er Gewebe aus dem Uterus entnehmen werde. Doch nach der Operation habe er ihr mitgeteilt, dass er einen ihrer Eileiter entfernt habe, weil dieser entzündet gewesen sei. "Sie war schockiert und hat ihn damit konfrontiert, dass sie ihre Zustimmung dazu nicht gegeben hat", sagte ihr Anwalt, Van Huynh.

Amin erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal "The Intercept", dass er Operationen an Migrantinnen durchführe, die aus der Einrichtung gebracht wurden. Dafür benötige er aber die Zustimmung der Hafteinrichtung. In den vergangenen zwei oder drei Jahren habe er "nur eine oder zwei Hysterektomien durchgeführt“, so Amin.

Der Anwalt Andrew Free, der mehrere Betroffene vertritt, geht allerdings von einem systematischen Vorgehen aus. "Es gibt Anzeichen dafür, dass es einen Mangel an informierter und rechtsgültiger Zustimmung zur Durchführung dieser Operationen gibt", sagte er der Nachrichtenagentur AP.

Mexikos Außenminister Marcelo Ebrard bezeichnete die berichteten Zwangssterilisation mexikanischer und anderer Migrantinnen als "inakzeptabel" und forderte "Strafmaßnahmen", wenn sich diese bestätigen.

Mexikos Konsulardienst in den USA habe bereits mit sechs Frauen gesprochen, die "von diesem Verfahren betroffen gewesen sein könnten" und werde in dieser Woche weitere Kontakte aufnehmen, sagte Ebrard bei der täglichen Pressekonferenz von Präsident Andrés Manuel López Obrador.

Am 17. September hatte das Außenministerium informiert, dass die Konsulate in Atlanta und El Paso (Texas) "eine Reihe von nicht autorisierten Hysterektomien bei spanischsprachigen Frauen" in den Einwanderungshaftanstalten in Irwin und El Paso untersuchen. Man habe von den Behörden der USA "detaillierte Informationen" über die Entfernung der Gebärmutter dieser Frauen erbeten.

Politikerinnen und Politiker in den USA fordern inzwischen Konsequenzen. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, erinnerte an die Geschichte von Zwangssterilisierungen schwarzer und indigener Frauen in den USA. 168 Kongressabgeordnete forderten in einem Brief an den Inspektor des Nationalen Gesundheitssystems, Joseph Cuffari, eine Untersuchung der Vorwürfe.

Die Befragung der Betroffenen könnte in einigen Fällen schwer werden. Viele Frauen wurden nach dem medizinischen Eingriff in ihre Heimatländer abgeschoben.

Weder die US-Regierung, noch das zuständige Heimatschutzministerium oder das Privatunternehmen, das das Gefängnis betreibt, haben sich in der Sache bislang geäußert.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr