Kolumbien: Indigene Amtsträgerin im Cauca ermordet

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Sandra Liliana Peña Chocue
Sandra Liliana Peña Chocue

La Laguna, Cauca. Die eskalierende Gewalt gegen Aktivist:innen und marginalisierte Gemeinden in Kolumbien hat ein weiteres Opfer gefordert. Am Dienstag ist Sandra Liliana Peña Chocue, oberste Repräsentantin des indigenen Selbstverwaltungsgebietes von La Laguna im Landkreis Caldono, bei einem Attentat getötet worden.

Die 35-jährige Gemeindeaktivistin wurde am frühen Morgen auf dem Weg zu einem Treffen zwischen der Regierung und der Dachorganisation der indigenen Gemeinden im Cauca (CRIC) von bewaffneten Männern auf Motorrädern angehalten und erschossen.

Peña hatte zuvor mehrere Morddrohung durch die Columna Dagoberto Ramos erhalten. Dabei handelt es sich um eine abtrünnige Einheit der ehemaligen Farc-Guerilla, die den Friedensvertrag von 2016 nicht anerkennt. Seit dessen Unterzeichnung entwickeln sich Konflikte verschiedener bewaffneter Gruppierungen. Im Kontext wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und extremer Ungleichheit finanzieren sie sich vor allem durch die Kontrolle der Drogenwirtschaft.

Die organisierten indigenen Gemeinden stemmen sich mit ihren autonomen Strukturen und rein zivilen Mitteln dagegen. Da diese bewaffneten Gruppen die Selbstverwaltungsgebiete als Anbaugebiete und Transportkorridore kontrollieren wollen, greifen sie deren basisdemokratische Strukturen an. Hunderte Amtsträger:innen und Mitglieder:innen der Guardia Indígena, der Selbstschutzstrukturen der Gemeinden, wurden bedroht und ermordet.

Auch Peña hatte noch vor wenigen Tagen den zunehmen Anbau von Pflanzen, die zu illegalen Substanzen weiterverarbeitet werden können, in ihrem Selbstverwaltungsgebiet verurteilt. Aufgrund der bestehenden Marktstrukturen und der extremen Marginalisierung sind Koka und Marihuana in den indigenen Gemeinden des Cauca die einzigen landwirtschaftlichen Produkte, die wirtschaftlich etwas einbringen. Ihr Anbau ist für viele Familien eine individuelle Überlebensstrategie, gesellschaftlich jedoch hat er fatale Auswirkungen.

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Im indigenen Selbstverwaltungsgebietes von La Laguna nimmt die Gemeinde Abschied von ihrer obersten Repräsentantin
Im indigenen Selbstverwaltungsgebietes von La Laguna nimmt die Gemeinde Abschied von ihrer obersten Repräsentantin

Die Politik der Regierung von Iván Duque trägt zur Eskalation der Lage bei. Sie beschränkt sich auf symbolisch-medienwirksame militärische Aktionen. So vernichten Soldaten Pflanzungen, die aber wegen fehlender Alternativen bald wieder angelegt werden. Im Friedensvertrag vereinbarte Programme, die wirtschaftliche Unterstützung bei der Umstellung auf andere Erzeugnisse sowie Infrastrukturaufbau vorsehen, werden von der Regierung kaum umgesetzt – obwohl diese laut einer Studie der Vereinten Nationen sehr erfolgreich sind.

Vor diesem Hintergrund hob die Familie der getöteten Amtsträgerin in einer Stellungnahme hervor: "Aufgrund der Nichterfüllung des Friedensvertrages müssen die indigenen Gemeinden die Folgen des Kampfes gegen die verbotenen Pflanzen alleine tragen. Sie leben mit der ständigen Gefahr der körperlichen und gesellschaftlich-kulturellen Vernichtung. Insbesondere die jungen Menschen, die ihre Stimme erheben und nach Auswegen aus dem gewalttätigen Konflikt suchen, sind bedroht und werden zum Schweigen gebracht."

Zu ihrem Engagement hatte Sandra Liliana Peña Chocue erklärt: "Wenn uns die espiritus, die Gemeinde und die verdienten Gemeindeaktiven unser Amt verleihen, nehmen wir Gefahren und Bedrohungen auf uns. Aber wir verteidigen unser Gebiet mit ganzem Herzen."

Das jüngste Attentat reiht sich ein in eine Serie von Morden und Drohungen gegen Aktivist:innen und marginalisierte Gemeinden im Land. Das unabhängige Friedensforschungsinstitut Indepaz zählt aktuell 52 getötete Aktivist:innen und Menschenrechtsverteidiger:innen allein 2021. Seit dem Friedensschluss im Dezember 2016 sind es laut ihrer Zählung bereits 1.166 Opfer.

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