Kolumbien / Soziales / Umwelt

"Cerrejón hat uns nur Zerstörung gebracht": Anwohner blockieren Kohlemine in Kolumbien

Lebensgrundlagen indigener und Schwarzer Gemeinden zunehmend zerstört. Glencore soll Verantwortung übernehmen für Folgen des Steinkohletagebaus

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"Cerrejón belügt die Welt - Cerrejón bedeutet Tod"
"Cerrejón belügt die Welt - Cerrejón bedeutet Tod"

La Guajira. Der südliche Teil der Kohlemine El Cerrejón im kolumbianischen Departamento La Guajira wird seit Anfang September durch Wayúu- und Afro-Gemeinschaften blockiert. Laut Pressemitteilung des Unternehmens vom Dienstag sind 70 Prozent des Betriebs von Cerrejón von diesen Blockaden betroffen.

El Cerrejón, der größte Steinkohletagebau Lateinamerikas und einer der größten weltweit, befindet sich im Besitz von Glencore aus der Schweiz, der weltweit größten im Rohstoffhandel und Bergwerksbetrieb tätigen Unternehmensgruppe.

Laut der Betreiberfirma Cerrejón beteiligen sich aktuell die Gemeinschaften Tamaquito II und San Francisco an den Protesten. Andere Quellen besagen, dass auch Mitglieder der Gemeinschaften Patilla, Roche, Chancleta, Las Casitas sowie Manantialito, Crucetal, Sabana El Medio und Tierra Azul an den Blockaden teilnehmen.

Die Protestierenden aus der Gemeinde Papayal, welche die Blockaden initiierten, beendeten letzte Woche ihre Aktion. Für das Gebiet von Papayal und die Gemeinde Barrancas seien erste Lösungen für die Versorgung mit Wasser erarbeitet worden. Die Gemeinde teilte mit, dass diese Vereinbarungen mit Beteiligung der zuständigen Ministerin, des Gouverneurs des Departamentos sowie den Firmen Cerrejón und Veolia Aguas de la Guajira unter Federführung der Gemeindebehörde zustande kamen.

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Der Protest richtet sich auch gegen die Nicht-Einhaltung der Vereinbarungen seitens Cerrejón
Der Protest richtet sich auch gegen die Nicht-Einhaltung der Vereinbarungen seitens Cerrejón

Die Forderungen der Gemeinden sind vielfältig. So verlangt María de los Ángeles Garcia Mejía, Präsidentin des Rates der Schwarzen Gemeinschaften von Manantialito und Crucetal, dass Cerrejón das Urteil T-704 des Verfassungsgerichts aus dem Jahr 2016 berücksichtigt, welches die vorausgehende Befragung (Consulta Previa) und Kompensationen für Umweltschäden anordnet.

Ebenso müsse das Urteil T-256 von 2015, nämlich die Erarbeitung eines Wasserversorgungsplans für die Gemeinschaften des Südens von La Guajira, umgesetzt werden. Durch den Kohlebergbau werden auch Bäche, Quellen und Flüsse geschädigt. Dies führt zu massiven Problemen beim Zugang zu Wasser. "In allen diesen Gemeinschaften gibt es kaum Wasser und wenn wir ein wenig Wasser haben, kann dies nicht konsumiert werden, weil es dazu nicht geeignet ist. Wir müssen das Wasser, das wir trinken, kaufen", erklärte García Mejía.

Aufgrund dieser Urteile trafen das Unternehmen Cerrejón und 63 Gemeinden der Region im November 2021 Vereinbarungen. Dabei verpflichtete die Firma sich, die Lebensqualität der Einwohner durch soziale Investitionsprojekte zu verbessern, die von den Gemeinden durchgeführt werden sollten.

Die Protestierenden betonen nun, es habe seit Jahren Gespräche gegeben, aber das Unternehmen übernehme keine Verantwortung, halte sich nicht an Gerichtsurteile und arbeite nicht mit den Gemeinden zusammen, daher hätten sie nun diesen Weg der Straßenblockaden gewählt.

Jairo Fuentes, Wayúu-Ratsvorsitzender der Gemeinde Tamaquito II, deren Bevölkerung vor Jahren umgesiedelt wurde, erklärte: "Wir leiden unter dem Kohleabbau. Das Einzige, was er uns gebracht haben, ist Verseuchung, Umwelt- und Gesundheitsschäden, sozioökonomische, kulturelle und geistige Schäden. Das Einzige, was Cerrejón uns gebracht hat, ist der Tod", so Fuentes.

Die Demonstrierenden verlangen eine Aussprache mit Delegierten des Innenministeriums, des Ministeriums für Umwelt und nachhaltige Entwicklung, des Ministeriums für Bergbau und Energie sowie Glencore. Gegenüber amerika21 sagte Fuentes, dass am gestrigen Mittwoch eine Sitzung stattfand. Aufgrund der unnachgiebigen Haltung seitens Cerrejón seien keine Vereinbarungen getroffen worden und somit würden die Blockade vorläufig weitergeführt. Die Gespräche sollen jedoch weitergehen.

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Staat und Unternehmen müssen die Rechte der indigenen und Schwarzen Gemeinden respektieren, fordern diese Aktivisten
Staat und Unternehmen müssen die Rechte der indigenen und Schwarzen Gemeinden respektieren, fordern diese Aktivisten

Das Bergbauunternehmen Cerrejón ließ in einer Pressemitteilung verlauten, man respektiere das Recht auf friedlichen Protest und werde "weiterhin zum Wohlergehen der benachbarten Gemeinschaften beitragen", so wie man das seit über 30 Jahren täte. Man sei – mit Begleitung der Behörden – "offen, um sich an konstruktiven Gesprächen zu beteiligen".

Erst im August hatte sich das Kollektiv indigener Frauen der Wayúu in der Gemeinde Barrancas, La Guajira, an die nationale und internationale Öffentlichkeit gewandt und angeprangert, dass die Kohlemine zu schweren Krankheiten und frühen Todesfällen in der Gemeinde geführt habe, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Sie beklagten auch die übermäßige Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die Auswirkungen auf Wasserquellen.

Das Frauenkollektiv wurde 2017 nach dem Tod eines neun Monate alten Kindes gegründet, das an Atemversagen infolge einer Bronchitis gestorben war. Diese Art von Erkrankungen werden durch die Mine verursacht, die Feinstaub aufwirbelt, der direkt in die Lunge der Anwohner gelangt. Die Initiative ist Teil der Plattform "La Guajira spricht zum Land" (La Guajira le habla al país), die die verschiedenen Probleme durch den Kohlebergbau in ihrem Gebiet aufzeigt.

Die Mine förderte im vergangenen Jahr 23,4 Millionen Tonnen Kohle, ausschließlich für den Export ‒ unter anderem auch nach Deutschland. Nach Angaben der Bundesregierung hat sich der Kohleimport aus Kolumbien von Februar auf März dieses Jahres verdreifacht.

In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Partei Die Linke versicherte die Ampelkoalition im Juli, dass "eine Verbesserung der Menschenrechtslage" in Kohleregionen wie La Guajira zu beobachten sei und dass der Bergwerksbetreiber Cerrejón "zunehmend Maßnahmen zur Wiedergutmachung und Verbesserung der Lebensqualität der örtlichen Bevölkerung" getroffen habe.

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