Währung und Energie: Brasilien intensiviert Zusammenarbeit mit Argentinien

Handelswährung Sur soll US-Dollar ablösen. Geplante Zusammenarbeit im Energiesektor. Erschließung von Ölschiefergebiet und Ausbau von Gas-Pipelines

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Fernando Haddad und Sergio Massa diskutierten ihre Pläne in São Paulo
Fernando Haddad und Sergio Massa diskutierten ihre Pläne in São Paulo

São Paulo. Der argentinische Wirtschaftsminister Sergio Massa ist vergangene Woche mit einer hochrangigen Delegation nach São Paulo gereist, um mit führenden Vertreter:innen der kommenden brasilianischen Regierung zu sprechen. Die Treffen sind ein erster Schritt für eine Intensivierung der Kooperation zwischen den beiden Staaten. Von besonderer Bedeutung waren Massas Austausch mit dem künftigen brasilianischen Finanzminister Fernando Haddad sowie dem Handels- und Industrieminister in spe, Geraldo Alckmin, der auch der neue Vizepräsident sein wird.

Im Gespräch mit Haddad ging es Massa um eine geplante neue Währung, die den Namen Sur (Süden) tragen soll. Der Sur soll keine vollwertige Währung sein, sondern eine Handelswährung, mit der Differenzen in der Handelsbilanz zwischen Argentinien und Brasilien ausgeglichen werden können. Dadurch soll die Abhängigkeit vom US-Dollar gesenkt werden, dem bislang diese Funktion zukam. Auch weitere Länder Lateinamerikas sollen dem Währungssystem in der Zukunft beitreten können, wenn sich der Sur etabliert und als funktional herausgestellt hat.

Das Treffen mit Alckmin wiederum sollte dem Ausbau der Zusammenarbeit beider Staaten im Energiesektor dienen. Insbesondere die Erschließung des riesigen Ölschiefergebiets Vaca Muerta im westlichen Zentralargentinien steht dabei im Mittelpunkt. Dafür soll eine Pipelinenetzwerk von Vaca Muerta bis nach Südbrasilien gebaut werden, um dadurch vor allem Gas zu transportieren. Brasiliens Entwicklungsbank Bndes, die Alckmins künftigem Ministerium untersteht, stellt für den Ausbau knapp 690 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Weitere 540 Millionen US-Dollar wird die Entwicklungsbank Lateinamerikas (CAF) beisteuern.

Der Ausbau der Pipeline ist ein langfristiges Projekt, die Bauzeit wird mit zehn Jahren veranschlagt. Dann aber könnte Argentinien Bolivien als wichtigsten Gaslieferanten für die brasilianische Industrie ablösen. Neben den Exporterlösen wäre die Erschließung von Vaca Muerta auch für den Binnenkonsum in Argentinien interessant. Trotz der enormen Vorkommen ist das Land am Rio de la Plata bislang auf den Import von Flüssiggas angewiesen.

Haddad und Alckmin gelten als Schwergewichte der neuen brasilianischen Regierung. Sie sind bereits seit geraumer Zeit für ihre Ministerposten bestätigt. Dies ist grade deshalb bemerkenswert, da die Kabinettsbildung ein kompliziertes Unterfangen für Lula ist. Bei seiner Wahl hat er sich auf ein breites Bündnis von Parteien gestützt, die nun belohnt werden wollen. Wenige Tage vor seiner erneuten Amtseinführung ist immer noch unklar, wer an der Spitze von 16 der 37 Ministerien stehen wird. Für Argentinien ist eine enge Kooperation mit Haddad und Alckmin auch daher interessant, da beide schon jetzt als potenzielle Nachfolger von Lula gehandelt werden. Dieser hat bereits angekündigt, nicht noch ein weiteres Mal antreten zu wollen.

Lulas Wahl wird den Kurs der kommenden Jahre in Lateinamerika entscheidend mitbestimmen. Es wird davon ausgegangen, dass die neue Regierung die 2020 von Bolsonaro auf Eis gelegte Mitgliedschaft Brasiliens in der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC) erneuern und wichtige Impulse für die regionale Integration Lateinamerikas liefern wird.

Die Zeichen dafür stehen günstig, da in den letzten Jahren viele linke Kandidat:innen in der Region Wahlsiege erringen konnten, wie 2022 Gustavo Petro in Kolumbien und Gabriel Boric in Chile sowie 2019 Alberto Fernández in Argentinien. Brasilien als größtes, bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes Land in Lateinamerika kommt dabei eine Schlüsselposition zu. Für Lulas Amtseinführung werden dementsprechend auch Delegationen aus 120 Ländern, darunter 30 Präsident:innen und Regierungschef:innen erwartet. Ein prominenter Gast wird jedoch fehlen: Lulas Vorgänger Bolsonaro verweigert die traditionelle Übergabe der Präsident:innenschärpe und wird stattdessen in die USA reisen.

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