San Cristóbal de las Casas. Im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas haben sich Ende Dezember Aktivist:innen, Akademiker:innen und zapatistische Unterstützungsbasen getroffen. Ziel des Seminars war der Austausch von Kapitalismus- und herrschaftskritischen Analysen, um Aktionen des Widerstandes und der Rebellion zu fördern. Eingeladen hatte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) im Rahmen des 32. Jahrestages ihres Aufstandes. An den Aktivitäten in der Universidad de la Tierra – CIDECI beteiligten sich 500 indigene Unterstützungsbasen der EZLN und 900 Teilnehmer:innen aus 38 Ländern.
Das als Semillero (Saatbeet) bezeichnete, mehrtägige Seminar fand unter dem Motto "Von Pyramiden, Geschichten, Liebe und, na klar, Liebenskummer" statt. "Wir bitten um mittel- und langfristige Ideensamen, die dem Sturm des Unmittelbaren widerstehen und sich dagegen auflehnen", erklärte Capitán Marcos bei der Eröffnung der Aktivitäten am 26. Dezember. In Begleitung von Subcomandante Moisés und weiteren Mitgliedern des Generalkommandos der EZLN hob Marcos die Wichtigkeit des kritischen Denkens gegenüber dem ideologischen Denken hervor und betonte, dass die Zapatist:innen weit in die Geschichte blickten.
An den folgenden vier Tagen teilten eingeladene Akademiker:innen und Aktivist:innen ihre Reflexionen zu verschiedenen Themengebieten. So sprachen zum Beispiel der Soziologe Raúl Romero und der Wirtschaftswissenschaftler Carlos Aguirre Rojas über die Interpretation und Manipulation der Geschichte durch die herrschenden Klassen. Die Anwältin Bárbara Zamora ging in ihrem Beitrag auf die in den letzten Jahrzehnten in Mexiko durchgeführten Verfassungsreformen und Gesetzesänderungen ein und darauf, wie diese zur Enteignung von Land und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen genutzt werden. Der spanische Klimaforscher Carlos Tornel referierte über den grünen Kapitalismus und den Zusammenbruch des Ökosystems.
Zentrales Thema des Seminars war die Analyse und Kritik an hierarchischen und pyramidalen Herrschafts- und Organisationsstrukturen. Dabei wurde auch starke Kritik an progressiven Regierungen Lateinamerikas und revolutionären Bewegungen laut. So wies Aguirre Rojas darauf hin, dass die Rückkehr rechter und faschistischer Regierungen in Lateinamerika zu großen Teilen an den Fehlern der progressiven und linken Regierungen liege, welche die Interessen der dominierenden Klasse unangetastet ließen, während Übergriffe gegen die Arbeiter:innenklasse, indigene Völker, Femizide und die Unterdrückung von Protesten weitergingen. Raúl Zibechi erklärte am fünften und letzten Tag des Seminars, die sozialistischen Revolutionen hätten "weder den Kapitalismus noch die herrschenden Hierarchien zerstört, sondern vielmehr neue Formen davon geschaffen." Der Aktivist und Autor aus Uruguay hob die Inspiration und Anregung für die Völker Lateinamerikas beim Aufbau von Autonomien und Rebellionen hervor, die vom Zapatismus ausgehen.
Über den Tellerrand schauen?
Mit Ihrer Spende können wir Ihnen täglich das Geschehen in Lateinamerika näher bringen.
Die Zapatist:innen stellten dem kapitalistischen Herrschaftssystem die Idee des "Gemeinschaftlichen" (Común) gegenüber. Dieser Vorschlag der EZLN zur Organisation auf Grundlage der kollektiven Arbeit ist ein Gegenentwurf zum privaten Landbesitz und wird seit Dezember 2023 in den zapatistischen Gemeinden praktiziert. Subcomandante Moisés berichtete über die Erfahrungen, Fortschritte und Schwierigkeiten der zapatistischen Gemeinden im Aufbau der neuen Organisationsstruktur. Anhand von konkreten Beispielen erzählte Moisés, wie diese Struktur in die Praxis umgesetzt und auftretende Schwierigkeiten gelöst werden. Moisés hob hervor, dass sich die Idee des "Común" nicht nur auf den Landbesitz beziehe, sondern alle Bereiche der Organisierung umfasse.
Die Veranstaltung war Teil der internationalen Treffen der Rebellionen und Widerstände 2024–2025, zu denen die EZLN unter dem Thema "Der Sturm und der Tag danach" eingeladen hatte. Die Feierlichkeiten zum 32. Jahrestag des EZLN-Aufstands – der am 1. Januar 1994 stattfand – endeten mit einer Zeremonie und einem Tanz am 31. Dezember und 1. Januar im Caracol von Oventic in der Gemeinde San Andrés Larrainzar.
Auf der Webseite von Enlace Zapatista finden sich die Aufzeichnungen der gesamten Aktivitäten.


