Chile / Menschenrechte / Umwelt

Verschwinden von Julia Chuñil in Chile: Kritik an Ermittlungen gegen ihre Kinder

Staatsanwaltschaft Los Lagos lässt vier Angehörige festnehmen. Vorwürfe: Mord, Beihilfe und Behinderung der Ermittlungen. Drei stehen unter Hausarrest, ein Sohn sitzt in Untersuchungshaft

donde_esta_julia_chunil.jpg

Transparent: "Wo ist Julia Chuñil?"
Transparent: "Wo ist Julia Chuñil?"

Santiago, Valdivia. Die Staatsanwaltschaft der Stadt Los Lagos hat vier Familienangehörige der seit November 2024 vermissten Mapuche-Aktivistin Julia Chuñil festnehmen lassen. Sie wirft den Söhnen Pablo und Javier, der Tochter Jeannette sowie dem Ex-Schwiegersohn Mord und Beihilfe zum Mord sowie Behinderung der Ermittlungen vor.

Die Familie Chuñil sowie Menschenrechts- und Umweltorganisationen lehnten die Maßnahme ab und warfen der zuständigen Staatsanwältin politische Voreingenommenheit sowie Beweisdefizite vor. Sie habe Hinweise auf einen Landkonflikt mit einem Großgrundbesitzer ignoriert, der Chuñil von ihrem Land habe vertreiben wollen (amerika21 berichtete). Ebenso habe sie die Suche nach Chuñils Leiche ein Jahr lang vernachlässigt.

Laut der Staatsanwaltschaft gab es Widersprüche in den Aussagen der Familienmitglieder. Das Mordmotiv sei Bereicherung. Aussagen von anonymen Zeugen und von Julias Ex-Schwiegersohn belasteten Julias Sohn Javier. Demnach soll Javier in betrunkenem Zustand seine Mutter im Streit erwürgt und gemeinsam mit seinem Bruder Pablo die Leiche beseitigt haben. Befragte Nachbarn wollen Schreie gehört haben, die plötzlich verstummt sein sollen. Die Polizei sucht weiterhin nach Beweisen.

Julia Chuñil hatte kurz vor ihrem Verschwinden ihrem Sohn Pablo ein Grundstück überschrieben. Der Vertrag regelte das lebenslange Wohnrecht für Chuñil auf dem Anwesen und die volle Nutzung des Grundstücks durch Sohn Pablo nach ihrem Ableben. Bereicherung als Mordmotiv sieht die Staatsanwaltschaft auch im Verkauf von Tieren und Arbeitsgeräten aus dem Eigentum der Mutter.

Die Anwältin der Familie Mariela Santana erklärte jedoch, dass Javier am Tag des Verschwindens seiner Mutter nicht vor Ort war, sondern in Puerto Montt bei medizinischen Untersuchungen. Sie habe die entsprechenden Unterlagen eingereicht, die Ermittlungsbehörde habe sie jedoch nicht beachtet. Darüber hinaus gäbe es zahlreiche Verfahrensmängel.

Ohne Moos nix los

Ihnen gefällt die Berichterstattung von amerika21? Damit wir weitermachen können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

"Von Anfang an bis heute richteten sich die Ermittlungen fast ausschließlich gegen die Kinder von Julia Chuñil", klagte Santana. "In einer perversen Umkehrung der Gerechtigkeit hat diese Entwicklung die Opfer zu Angeklagten gemacht und dient nur dazu, die wirklich Verantwortlichen zu schützen", heißt es in einer Erklärung der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Global Witness. Auch die Stiftung Escazú äußerte ihre Besorgnis wegen der Festnahmen von Chuñils Kindern.

In ganz Chile und den Nachbarländern formierten sich Sympathisantengruppen und Protestaktionen. Die Coordinadora por Julia Chuñil veröffentlichte nach den Verhaftungen auf Instagram eine Erklärung, in der sie der Familie bedingungslose Solidarität zusichert und eine zügige Aufklärung des Falles fordert.

Der Gründer der Organisation, Javier del Río Richter, äußerte in einem Interview zurückhaltend: "Falls sich die Anschuldigungen als wahr herausstellen sollten, hätte ich das Gefühl, manipuliert und getäuscht worden zu sein." Er fordert Gerechtigkeit für Julia Chuñil und wird weiter gegen Ungerechtigkeit kämpfen, wann immer sie sich präsentiert.

Derzeit stehen Pablo, Jeannette und der Ex-Schwiegersohn unter Hausarrest, während Javier als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft verbleibt.