Berlin: Protest gegen die Ausbeutung im internationalen Obsthandel

Gespräch mit zwei Aktivist:innen über Lieferketten, deutsche Pestizide in Brasilien und das Freihandelsabkommen zwischen EU und Mercosur

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Die Kundgebung der Aktivist:innen vor der Berliner Messe
Die Kundgebung der Aktivist:innen vor der Berliner Messe

Berlin. Die Fruit Logistica, das "führende internationale Branchentreffen der Fruchthandelswelt" mit über 90.000 Teilnehmer:innen, findet vom 4. bis 6. Februar in Berlin statt. Nach eigener Darstellung "übernimmt die Fruit Logistica Verantwortung für Umwelt und Menschen" und "fördert nachhaltige Lösungen".

Dem widerspricht ein breites Bündnis von Organisationen. Am Donnerstag haben rund 40 Menschen vor der Tür der Halle demonstriert.  Am Protest haben sich Gruppen aus Deutschland und Spanien beteiligt, darunter die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, die Initiative Grüne Gewerke der Freien Arbeiter:innen-Union, das Emanzipatorische Landwirtschaftsnetzwerk, die Interbrigadas, die Deutsche Umwelthilfe, die Ecologistas en Acción und die Soc-Sat Gewerkschaft.

Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sprachen sie mit den Vorbeikommenden, klärten über die Geschäftspraktiken im Agrarsektor auf und machten auf das Schicksal der Beschäftigten aufmerksam. amerika21 hat mit Moritz und Franca gesprochen, die den Protest mitorganisiert haben.

amerika21: Worum geht es bei eurem Protest?

Franca: Wir versuchen schon seit Längerem, die Beschäftigten entlang der Lieferketten zu organisieren und sie in ihrem Kampf um faire Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Die Fruit Logistica ist eine der größten Messen und quasi Sinnbild der Machtkonzentration der Agrar- und Großkonzerne, die für die ganze Ausbeutung der Beschäftigten verantwortlich sind. Deswegen haben wir diesen Protest organisiert, kritisieren aber im Prinzip das ganze Agrarsystem, das auf Ausbeutung beruht.

amerika21: Welche sozialen und ökologischen Auswirkungen hat der Handel mit Obst und Gemüse im Globalen Süden?

Moritz: Die Umweltfolgen in Südamerika sind enorm, Brasilien ist ganz vorne mit dabei. Es gibt viele deutsche Chemie-Konzerne wie BASF oder Bayer, die Pestizide herstellen, die in der EU verboten sind. Produzieren dürfen sie die aber und exportiert wird vor allem nach Brasilien und Argentinien. In Brasilien führt das dazu, dass es auf dem gesamten Markt fast kein Gemüse und Obst gibt, das nicht mit diesen Pestiziden verseucht ist. Ungefähr 90 Prozent der Gewässer in Brasilien sind durch Pestizide kontaminiert, weil es kaum Regularien gibt und Unmengen davon eingesetzt werden.

amerika21: Seit drei Jahren gilt in der EU das sogenannte Lieferkettengesetz. Es verpflichtet Unternehmen, entlang ihrer Lieferketten Verantwortung zu übernehmen. Welche Rolle spielt dieses Gesetz im Agrarsektor?

Moritz: In Lateinamerika konnten damit klare Erfolge erzielt werden. Das NGO-Bündnis Oxfam hat Beweise für die Ausbeutung und Repression auf zwei Bananenplantagen in Ecuador und Costa Rica gesammelt. Weil diese Plantagen deutsche Supermärkte beliefern, konnten die Verstöße in Deutschland angezeigt werden. Das hat dazu geführt, dass die Beschäftigten gerechte Löhne bekommen und sich gewerkschaftlich organisieren durften.

amerika21: Also hat das Gesetz sinnvolle Veränderungen gebracht?

Franca: Ja, aber die aktuelle Bundesregierung will es wieder abschaffen, weil es viel zu streng sein soll. Wir aber sagen, es muss auf jeden Fall bleiben und sollte noch verschärft werden, damit Großkonzerne zur Rechenschaft gezogen werden können. Es kann nicht sein, dass Edeka, Rewe und Co. aufgrund von Ausbeutung enorme Profite einstreichen.

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amerika21: Vor wenigen Wochen wurde zwischen der EU und den Mercosur-Staaten ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Was wird sich dadurch verändern?

Moritz: Viele Präsident:innen in Südamerika feiern das Abkommen, allen voran der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (amerika21 berichtete). Bislang haben vergleichbare Freihandelsabkommen aber hauptsächlich den Ländern des Globalen Nordens genutzt, vor allem durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Im Globalen Süden profitieren eigentlich nur Großunternehmen und auch die nur durch die Ausbeutung der Umwelt und der Beschäftigten. Durch die Freihandelsabkommen können sie billiger exportieren, und sobald ein entsprechender Preisdruck da ist, landet der fast ausschließlich bei ihren Beschäftigten, also ganz unten in der Lieferkette. Und das ist eine riesengroße Gefahr.

amerika21: Welche Auswirkungen hat das Abkommen in der EU?

Moritz: Viele Bäuer:innen bangen um ihre Existenz, weil der Markt vermutlich mit günstigeren Produkten aus Südamerika geflutet wird. Weil die Bäuer:innen hier höhere Kosten haben, kann das ihre Existenzen bedrohen.

Franca: Gleichzeitig steigen die Preise in den Supermärkten, gerade in den letzten vier bis fünf Jahren. Das Problem ist, dass die nicht steigen, weil mehr am Anfang der Lieferketten ankommt, sondern weil Großunternehmen wie die Schwarz-Gruppe, also unter anderem Lidl und Kaufland, davon profitieren. Das Vermögen von Dieter Schwarz, dem die Schwarz-Gruppe gehört, ist in den letzten Jahren von 30 Mrd. Euro auf 44 Mrd. Euro gestiegen.

amerika21: Was sollte sich eurer Meinung nach ändern?

Franca: Wir fordern eine Preisobergrenze für Lebensmittel in den Supermärkten, den Stopp der Deregulierung der Umwelt- und Agrarpolitik durch die Europäische Kommission, volle Transparenz der Lieferketten, faire Arbeitsbedingungen und Entlohnung weltweit und die Legitimierung von gewerkschaftlichen Protesten.

amerika21: Was würdet ihr den Veranstalter:innen der Fruit Logistica gerne sagen?

Moritz: Wenn man so eine Messe organisiert, dann sollte man das auch ehrlich und transparent machen. Die Bedingungen in der Landwirtschaft, wie Umweltschäden und Unterdrückung von Arbeiter:innen, müssen thematisiert werden.

Am Tag nach dem Protest haben die Organisationen außerdem ein People’s Tribunal durchgeführt. Hier kommen Stimmen von Personen zu Wort, die unter den ausbeuterischen Bedingungen im Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor arbeiten und/oder Widerstand dagegen leisten.

Die globale Dimension des Problems wird an diesem Tag deutlich. Menschen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa teilen ihre Erfahrungen und Perspektiven. Durch das Tribunal wird das Bewusstsein für die Situation geschärft und eine Plattform für den Austausch geschaffen. Neben den Organisationen vom Vortag sind die Jornaleras en Lucha, das Lieferandos Workers’ Collective, die Asociación Pro Derechos Humanos Andalucía, die marrokanische Gewerkschaft FSNA, der BUND, der BDS Berlin und die Solidarische Landwirtschaft Rote Beete beteiligt.