Brasília. Der brasilianische Verband der Pflanzenölindustrie (ABIOVE), dem die global führenden Sojahändler ADM, Bunge, Cargill, Cofco und Louis Dreyfus angehören, ist zum 15. Februar aus dem Soja-Moratorium ausgestiegen. Dies könnte die Abholzung im Amazonasgebiet bis 2045 um bis zu 30 Prozent erhöhen und Millionen Tonnen Kohlenstoff zusätzlich emittieren, was Brasiliens Erreichung der Klimaziele gefährdet.
2006 hatten sich nahezu alle großen brasilianischen Produzent:innen und -exporteur:innen verpflichtet, den Handel mit Soja einzustellen, das aus dem Anbau auf neugerodeten Flächen des Regenwaldes stammt. Dieses sogenannte Amazonas-Soja-Moratorium entstand nach einer intensiven internationalen Kampagne von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen, die von europäischen Käufer:innen unterstützt wurden.
ABIOVE begründete den Schritt damit, dass das Moratorium in anderen Biomen wie der Cerrado-Savanne nicht mit derselben Strenge umgesetzt werde, wo die Ausweitung des Sojaanbaus ebenfalls Millionen Hektar zerstöre. Die Kontrollen trieben die Kosten in die Höhe und beschränkten die Expansion im globalen Wettbewerb.
Die Umweltorganisationen Greenpeace, WWF und Imaflora bezeichneten den Austritt der Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung hingegen als "schwerwiegenden Rückschritt für die Umwelt" und verwiesen darauf, dass dies zur Zerstörung von 9,2 Millionen Hektar Wald führen könne.
Der Anbau von Soja zählt mit 15 Prozent aller Exporte zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Brasiliens. Die großen Handelsunternehmen kontrollieren wiederum etwa 70 Prozent des weltweiten Getreidehandels. Ihre Entscheidung, Umweltverpflichtungen aufzugeben, ist ein Signal an Finanzmärkte, Investmentfonds und landwirtschaftliche Produzent:innen.
Neben Millionen Hektar Tropenwald sind daher auch Milliarden US-Dollar an Außenhandel, Investitionen und Finanzierungen nach sogenannten ESG-Kriterien (Environmental, Social and Corporate Governance) zur Berücksichtigung von Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Sozialfragen bei der Unternehmensführung und öffentlichen Investitionen gefährdet.
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So hat die EU 2023 die Entwaldungsfreie Lieferketten-Richtlinie (EUDR) verabschiedet, die den Import von Produkten verbietet, die mit Entwaldung in Verbindung stehen. Die Nichteinhaltung von Umweltverpflichtungen ist ein Reputationsrisiko und könnte den Zugang zu Krediten für die brasilianische Agrarwirtschaft beeinträchtigen. Auch die Beziehung zu China, dem weltgrößten Soja-Importeur, könnte belastet werden. China importiert über 60 Prozent des weltweit gehandelten Sojas für seine Schweine- und Geflügelindustrie.
Das Moratorium hat gezeigt, dass Auflagen zu Verbesserungen im Umweltschutz führen können. Im Jahr 2004 erlebte Brasilien einen Höhepunkt der Waldzerstörung; der Amazonas verlor fast 27.700 km². Infolge staatlicher Kontrollen und Marktdruck sank die Entwaldung in den folgenden zehn Jahren drastisch auf einen historischen Tiefstand von etwa 4.500 km² pro Jahr. Eine große Rolle spielte dabei die Überwachung des Amazonasgebietes mithilfe von Satelliten. Laut Greenpeace ging die Waldzerstörung in den überwachten Regionen um fast 70 Prozent zurück.
In den letzten 20 Jahren ist die brasilianische Soja-Anbaufläche dennoch von etwa 22 Millionen auf über 44 Millionen Hektar gestiegen. Dies liegt einerseits an der Umnutzung bereits gerodeter Flächen im Regenwald, zum Beispiel von Weideland, andererseits an der Ausweitung der Anbauflächen außerhalb des Amazonas-Regenwaldgebietes auf Kosten biodiverser Savannen wie des Cerrado. Jeder Hektar Soja bringt einen Bruttoertrag zwischen 1.000 und 1.500 US-Dollar pro Zyklus; der wirtschaftliche Anreiz ist enorm. Vor allem als Futtermittel für die Fleischindustrie sind Sojabohnen gefragt.
Der brasilianische Amazonas umfasst über vier Millionen km² und speichert (noch) etwa 100 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Jede abgeholzte Fläche vernichtet nicht nur die Artenvielfalt, sondern setzt auch enorme Mengen an CO₂ frei. Der Amazonas fungiert wie eine Pumpe, die Feuchtigkeit recycelt. Ein Anstieg der Entwaldung verschlechtert auch das Niederschlagsregime Südamerikas. Der Sojaanbau, der die Abholzung vorantreibt, ist paradoxerweise vom klimatischen Gleichgewicht abhängig, das der Regenwald gewährleistet.
Der Amazonas steht an einem kritischen "Point of no Return" (amerika21 berichtete). Laut Wissenschaft könnte sich das Ökosystem in eine degradierte Savanne verwandeln, wenn die Abholzung 20 bis 25 Prozent des Bioms überschreitet. Etwa 17 Prozent der ursprünglichen Waldfläche sind bereits verloren gegangen.


