Washington. Zum 1. Mai haben in den USA Latino-Organisationen zu Demonstrationen und Veranstaltungen mobilisiert. Beteiligt waren die "Coalition for Humane Immigrant Rights" in Los Angeles, "Movimiento Cosecha" in Städten wie New York und Boston, "United We Dream" in landesweiten Hochschul- und Jugendnetzwerken, "Voces de la Frontera" in Milwaukee und Madison sowie CASA im Großraum Washington D.C. Sie bilden das Rückgrat breit angelegter Bündnisse, die Arbeitskämpfe, Migrationspolitik und soziale Rechte miteinander verbinden.
In diesem Jahr begehen in den USA so viele Aktivist:innen, Gewerkschafter:innen und zivilgesellschaftliche Organisationen den 1. Mai wie lange nicht mehr. Der internationale Kampftag der Arbeiter:innenbewegung, in den Vereinigten Staaten historisch randständig, erfährt eine Wiederbelebung.
Viele dieser Gruppierungen knüpfen an die Massenmobilisierungen vom Frühjahr 2006 an, als die Einwanderungsbewegung landesweit Proteste gegen eine "Immigrationsreform" in Gang setzte. Ein Gesetzesentwurf sollte undokumentierte Migrant:innen kriminalisieren und Unterstützungsnetzwerke bestrafen. Allein in Los Angeles demonstrierten am 1. Mai 2006 schätzungsweise über eine Million Menschen.
Heute zeigt sich eine enge Verzahnung mit Gewerkschaften und progressiven Nichtregierungsorganisationen. Der Kampftag der Beschäftigten gewinnt in den USA als gesamtgesellschaftlicher Protesttag an Bedeutung.
Dabei spielt "Mi Familia Vota" (meine Familie wählt), eine landesweit aktive Organisation mit Schwerpunkten in den Bundesstaaten Arizona, Nevada und Kalifornien, eine Rolle. Mit Wählerregistrierung und politischer Bildungsarbeit soll der Brückenschlag zwischen Straßenmobilisierung und institutioneller Politik erfolgen.
Die Zahl von Latino-Amtsträger:innen steigt auf lokaler Ebene laut Los Angeles Times kontinuierlich. Politikwissenschaftler:innen führen diesen Trend auf eine doppelte Dynamik zurück: langjährige Basisorganisierung und eine anhaltende politische und mediale Stigmatisierung, insbesondere seit der Trump-Ära. Die "unablässigen Angriffe auf Latinos im ganzen Land" und die Erfahrung kollektiver Abwertung würden dabei zum Motor politischer Selbstermächtigung, zitiert die Publikation eine US-Politologin.
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Nach aktuellen Schätzungen gibt es landesweit rund 7.700 gewählte Amtsträger:innen lateinamerikanischer Herkunft – ein Anstieg gegenüber 2020. Gleichzeitig bleibt ihre politische Repräsentation hinter ihrem demografischen Gewicht zurück: Mit etwa 55 Millionen Menschen stellen Latinos rund 16 Prozent der US-Bevölkerung und sind damit die größte ethnische Minderheit des Landes.
Mehr Latino:innen kandidieren, um ihre Communitys zu verteidigen und jenen eine Stimme zu geben, die sich im aktuellen Klima nicht öffentlich äußern wollen. Auf lokaler Ebene schlagen gewählte Vertreter:innen Maßnahmen vor, die etwa den Schutz vor Abschiebebehörden stärken oder den Ausbau von Internierungseinrichtungen verhindern sollen.
Die Los Angeles Times nennt als Beispiel die Stadt Lancaster im Bundesstaat Pennsylvania, wo rund 40 Prozent der Bevölkerung hispanischer Herkunft sind. Mit Jaime Arroyo wurde dort erstmals ein Latino zum Bürgermeister gewählt. Die zunehmende Repräsentation sei auch Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe um Bürger:innenrechte, wird Arroyo zitiert.
Auch in anderen Bundesstaaten markieren Wahlerfolge Zäsuren: In Iowa, Georgia und Ohio zogen erstmals Latino:innen in kommunale Parlamente ein. In Lansing im Bundesstaat Michigan entstand erstmals ein Stadtrat mit Latino-Mehrheit. Ähnliches gilt für Salt Lake City, wo Lateinamerikaner:innen inzwischen die Mehrheit im Stadtrat stellen. Eine neu gewählte Abgeordnete verweist auf die Vorarbeit früherer Generationen: Erst deren Engagement habe Räume geschaffen, in denen Lateinamerikaner:innen Führungsrollen übernehmen konnten.
Gleichzeitig wächst auch die Präsenz auf Bundesebene. Im aktuellen Kongress sind 56 Abgeordnete hispanischer Herkunft vertreten. Auch auf Ebene der Bundesstaaten steigt die Zahl, insbesondere unter Frauen. Dennoch bleiben strukturelle Grenzen: Latina-Gouverneurinnen beispielsweise sind insgesamt weiterhin eine Ausnahme, und die politische Repräsentation entspricht nicht dem Bevölkerungsanteil.

