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24.03.2015 Brasilien / Menschenrechte

Das Abtreibungsverbot und seine tödlichen Folgen

In Brasilien ist – wie in vielen lateinamerikanischen Ländern – der Umgang mit unerwünschten Schwangerschaften stark umkämpft. Obwohl jedes Jahr zahllose Frauen an der Folgen einer illegalen Unterbrechung sterben, machen die großen Kirchen Stimmung gegen eine Ende des Abtreibungsverbots
Das Gesetz des weißen Mannes: Der Abbruch einer Schwangerschaft wird in Brasilien weiterhin kriminalisiert

Das Gesetz des weißen Mannes: Der Abbruch einer Schwangerschaft wird in Brasilien weiterhin kriminalisiert

Ende August 2014 schockierten Brasilien die Todesfälle von Jandira Magdalena dos Santos Cruz und Elizângela Barbosa. Beide Frauen waren um die 30 Jahre und Mütter von mehreren Kindern. Jandiras verbrannte Leiche wurde in einem verlassenen Auto in Rio de Janeiro gefunden. Die Hände und Füße hatte man ihr abgeschnitten, um eine Identifizierung der Leiche zu erschweren. Elizângelas Leiche wurde in einem Wassergraben gefunden. Bei der Obduktion wurde ein Plastikrohr in ihrem mit Rissen beschädigten Uterus gefunden.

Vor allem wegen der brutalen Umstände, unter denen die beiden Frauen gefunden wurden, verbreitete sich diese Nachricht in den Boulevard-Medien. Dadurch geriet ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit, das sonst eher ausgeblendet wird: Die in Brasilien streng verbotene Praxis der Abtreibung und ihre lebensgefährlichen Folgen.

Denn Jandira und Elizângela starben aufgrund schief gelaufener Abtreibungsversuche. Und sie sind keine Ausnahme. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnte sich die Zahl von Frauen auf über eine Million belaufen, die sich jährlich trotz einer drohenden Haftstrafe von bis zu vier Jahren für eine illegale Abtreibung entscheiden. Laut einer nationalen Abtreibungsstudie hat in Brasilien jede fünfte Frau im fruchtbaren Alter schon mindestens eine Abtreibung hinter sich. In deren Folgen könnten bis zu 200.000 Frauen jedes Jahr ums Leben kommen. Genauere Zahlen lassen sich unmöglich feststellen – aufgrund des Verbotes und der Stigmatisierung, die das Thema in Brasilien umgibt.

Die Befürworter der Legalisierung sehen zwischen der vermuteten Sterblichkeitsrate und dem Abtreibungsverbot eine direkte Verbindung. Ihnen stellen sich besonders hartnäckige Vertreter der beiden größten Religionen Brasiliens entgegen, die katholische und die protestantische Kirche. Sie erklären sich nicht nur gegen die Legalisierung, sondern verlangen sogar eine Verschärfung des über siebzig Jahre alten Schwangerschaftsabbruchgesetzes.

Eine schnelle Lösung ist dadurch nicht in Sicht. Währenddessen werden die Frauen, die sich einer illegalen Abtreibung unterziehen, mit dem Problem allein gelassen. Die dramatischen Schicksale derjenigen, die dafür mit ihrem eigenen Leben bezahlen, entgehen meistens jeder öffentlichen Wahrnehmung.

Probleme jenseits der Öffentlichkeit

Ein aussagekräftiges Beispiel dafür ist die Geschichte von Nilse de Souza. Am 17. September 2005 wurde Nilse, damals 36 Jahre alt, bewusstlos in ein Krankenhaus in Rio Verde gebracht, 450 Kilometer der Hauptstadt Brasilia entfernt. Die Namen des Mannes und der Frau, die sie bis dahin begleiteten und angaben, sie schon in diesem Zustand auf der Straße gefunden zu haben, wurden entgegen dem üblichen Vorgehen nicht registriert.

Nilse starb im Komazustand einen Tag nach ihrer Aufnahme im Krankenhaus. Dem offiziellen Bericht zufolge, der erst ein Jahr später veröffentlicht wurde und der sich auf die Diagnose der unmittelbaren, physiologischen Gründe ihres Todes beschränkte, starb sie an einem Herzinfarkt. Damit war der Fall aus medizinischer Hinsicht erledigt. Der wahre Grund, der zu Nilses Tod führte, blieb jedoch im Dunkeln.

Nilse wurde in der Folge einer kurzzeitigen Beziehung schwanger. Der Mann, von dem sie schwanger war, wollte das Kind unter keinen Umständen. Zum Mangel an emotionaler Unterstützung durch den leiblichen Vater kam Nilses Besorgnis, von der Familie und Bekannten aufgrund der ungewollten Schwangerschaft verachtet zu werden. Sie stammt aus einem katholischem, konservativem Milieu, in dem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe streng verurteilt wird. Mit einem Kind zu leben, das aus einer unehelichen Beziehung hervorgeht und von dem Vater verstoßen wird – in dieser Situation fürchtete Nilse, vor ihren Angehörigen demütigt zu werden. Von ihrem Problem erzählte sie deswegen so gut wie keinem.

Die Perspektivlosigkeit, in der sich Nilse befand, hatte aber vor allem finanzielle Gründe. Geschieden und Mutter zweier Kinder verdiente sie in ihrem prekären Job als Teilzeitdozentin kaum genug, um über die Runden zu kommen, was zur Verschuldung führte. Mit der Geburt und der Erziehung eines dritten Kindes hätte sie vor noch größeren Geldschwierigkeiten gestanden.

Auch die Alternative, das Kind zu bekommen, um es zur Adoption freizugeben, was von den beiden Hauptkirchen Brasiliens als eine mögliche Lösung für den Fall einer unerwünschten Schwangerschaften angesehen wird, kam für Nilse nicht in Frage. Ein Kind auf die Welt zu bringen, ohne sich weiter darum kümmern zu können, empfand sie als eine lebenslange emotionale Belastung.

Zwei begonnene Abschiedsbriefe, die man später in ihren Sachen fand, lassen die Verzweiflung spüren, in die sie getrieben wurde. Nach mehreren erfolglosen, riskanten Versuchen, ihre Schwangerschaft durch verschiedene Mittel zu Hause zu beenden und ohne das nötige Geld, sie in einer trotz Illegalität gut ausgestatteten Klinik einer größeren Stadt abzubrechen, sah sie sich gezwungen, die günstigere, noch gefährlichere Alternative zu wählen: Sie bezahlte eine Abtreibung in einer Hinterhof-Klinik.

Um 6 Uhr morgens verabschiedete sich Nilse eines Samstags von ihrem Sohn, der von ihren Pläne nichts wusste, und verließ das Haus im Auto des Mannes, von dem sie schwanger war, um sich zu dem von der Klinik vereinbarten Termin zu begeben. Sieben Stunden später wurde Nilse von den zwei Unbekannten ins Krankenhaus gebracht.

Was genau in der Zwischenzeit geschah, von dem Punkt, an dem Nilse das Haus verließ und dem Moment, in dem sie bewusstlos ins Krankenhaus gebracht wurde, wissen Nilses Kinder fast zehn Jahren nach dem Tod ihrer Mutter immer noch nicht.

Die einzigen, die um die näheren Umstände von Nilses Tod wussten, zwei enge Freundinnen und ihr Partner, trauten sich kaum, etwas zu sagen. Sie riskierten, vom Gericht als Komplizen angeklagt zu werden. Entmutigt von den Hürden, die Ärzte und Polizei von vornherein um den Fall errichteten – was oft ihre Beteiligung an dem illegalen Abtreibungsgeschäft zur Ursache hat – und vor die Situation gestellt, möglicherweise einige von Nilses engsten Freunden den Autoritäten als Komplizen preisgeben zu müssen, gab die Familie den Gedanken auf, den Fall vor Gericht weiter zu bringen. Auch die Widersprüche, die Nilses Entscheidung für eine Abtreibung in ihrem Umfeld mit den typischen moralischen, religiös geprägten Einstellungen auslösten, waren ein wichtiger Grund, jede weitere Auseinandersetzung mit dem Thema zu vermeiden.

Ihre Beerdigung illustrierte diese Schwierigkeiten. Die Frage nach der Todesursache war ein Tabu. Der einzige, der in seiner Rede darauf hinwies, war der katholische Priester. Er sprach vorwurfsvoll über Nilses  “Sünde“, zum großen Unverständnis ihrer Kinder, damals 13 und 18 Jahre alt, welchen erzählte worden war, dass ihre Mutter an einer Hypoglykämie gestorben sei. Seine Rede war in erster Linie eine Warnung an alle Frauen, die es wagen würden, wie Nilse zu handeln. Immerhin bat er am Ende seiner Rede, Gott möge ihr vergeben. Als Trost empfand die Familie das allerdings nicht.

Studien widersprechen religiösen Einstellungen gegenüber der Abtreibung

Die Meinung, welche die beiden größten Kirchen Brasiliens zum Thema Abtreibung verbreiten, trägt zweifellos zur weiteren Stigmatisierung des Themas bei. Die Frauen, die sich einer Abtreibung unterziehen, werden von den Religiösen als ungläubige und damit  “schlechte“ Frauen behandelt, als  “Ausnahmefälle“, die vom  “guten Weg“ abgekommen seien. Diejenigen, die an den Folgen eines misslungenen Eingriffs sterben, hätten ihr Los – den Religiösen zufolge –  “sowieso verdient“. Daher ist es kein Wunder, dass die meisten Brasilianer und Brasilianerinnen, darunter wahrscheinlich auch viele, die sich einer Abtreibung bereits unterzogen haben, sich in aktuellen Umfragen gegen eine Legalisierung aussprechen. Die Haltung der wichtigen Kirchen trägt stark dazu bei, unter den Frauen Schuldgefühle und Hilflosigkeit zu verbreiten.

Der Rückgriff auf einen illegalen Schwangerschaftsabbruch stellt jedoch keinen Ausnahmefall dar, sondern es handelt sich um ein in allen Bevölkerungsschichten verbreitetes Vorgehen. Das zeigen die wenigen Studien, die zum Thema vorliegen. Sie zeigen klar, dass die tödlichen Folgen eines Abbruchs nicht der  “Wunsch Gottes“, sondern letztlich eine Frage des Geldes sind.

Die ersten Ergebnisse der Nationalen Abtreibungsstudie (PNA), die im Jahr 2010 mehr als 2000 Frauen befragte, zeigen entgegen aller bisherigen Vermutungen, dass ältere Frauen, zwischen 35 und 39 Jahren, sich deutlich häufiger einem solchen Eingriff unterziehen, als die jüngsten Frauen, die in der Umfrage teilnahmen (zwischen 18 und 19 Jahre alt). Unter der ersten Gruppe hätten bereits 22 Prozent der Frauen auf eine Abtreibung zurückgegriffen, während die Zahl unter den Jüngeren bei sechs Prozent liegt. Die überwiegende Zahl der Fälle ließ sich bei Frauen zwischen 20 und 24 Jahren feststellen. Auf Basis der Studie lässt sich schätzen, dass jede fünfte Brasilianerin vor dem 40. Lebensjahr bereits mindestens einmal auf diese Prozedur zurückgegriffen hat.

Die Ergebnisse widerlegen vor allem das durch die Kirchen vermittelten Bild, dem zufolge eine abtreibende Frau jung, verantwortungslos und triebhaft sei, und dass sie es ist, die den Mann zu unverbindlichem und ungeschütztem Sex verführt, ohne sich Gedanken um die Konsequenzen zu machen. Durch die Umfrage ließ sich feststellen, dass über siebzig Prozent der betroffenen Frauen in einer festen, langfristigen Beziehung mit dem Partner lebten, von dem sie schwanger waren. Zwischen 71 und 90 Prozent der Befragten hatten bereits mindestens ein Kind. Über die Hälfte derjenigen, die in den industrialisiertesten Regionen Brasiliens leben, gaben an, dass sie regelmäßig Gebrauch von Verhütungsmethoden machen, besonders der Pille.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis zeigte die Studie in Bezug auf die religiösen Tendenzen unter den Teilnehmerinnen. Die überwiegende Zahl der Frauen bezeichnen sich als Gläubige. Zwei Drittel gaben an, katholisch zu sein, ein Viertel ordnete sich einer evangelikalen Kirche zu. Das mag die Religiösen sicher weiter verwirren.

Die Höhe des Risikos bleibt eine Frage des Geldes

Die Studien zeigen aber nicht nur ein neues, überraschendes Profil der in Brasilien abtreibenden Frauen. Die Statistiken beweisen ebenfalls, dass das Risiko, durch einen Abtreibungsversuch zu sterben, im direkten Zusammenhang mit der finanziellen Situation der Frauen steht.

Denn nur ein kleiner Anteil der Brasilianerinnen ist in der Lage, sich den Besuch einer gut ausgestatteten Klinik zu leisten. Sie liegen meistens in den größeren Städten und sind zwar illegal, jedoch aus medizinischer Sicht sehr sicher. Sie verfügen über gut ausgebildete Ärzte, gute hygienische Bedingungen und die nötigen technischen Einrichtungen, um einen Schwangerschaftsabbruch weitgehend risikolos vorzunehmen.

Die meisten Frauen sind aber gezwungen, viel gefährlichere Alternativen zu suchen. Frauen, die nicht genug Geld haben, müssen sich an Pfuscher wenden, die keine oder kaum Fachkenntnisse besitzen. In diesen  “Hinterhofkliniken“ verwenden die behandelnden Personen häufig, unter katastrophalen hygienischen Zuständen, Nadeln oder ähnlich spitze Gegenstände, was nicht selten zu Infektionen oder sogar zu tödlichen Schädigungen der Unterbauchorgane durch Risse führt. Nach Angaben des Frauenarztes Jefferson Drezett, Koordinator der  “Studiengruppe zum Schwangerschaftsabbruch“, liegt das Risiko, aufgrund eines Eingriffs in medizinisch ungeeigneten Umfeld zu sterben, tausend Mal höher als infolge eines in einer gut ausgestatteten Klinik vorgenommenen Eingriffs. Daher fordern viele in Brasilien die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, um die hohe Zahl von Opfern zu senken, welche überwiegend aus den ärmsten Milieus stammen. Sie berufen sich auf andere Länder Südamerikas wie Uruguay, wo die Zahl der verstorbenen Frauen seit der Legalisierung in 2012 auf Null sank.

Die katholische und die evangelikalen Kirchen fordern hingegen ein strengeres polizeiliches Vorgehen gegen den illegalen Abtreibungsmarkt und gegen abtreibende Frauen. Sie betreiben nicht nur eine Verschärfung des bisherigen Verbots, sondern sogar die Abschaffung bisher vorgesehener Ausnahmeregelung, etwa im Fall einer Vergewaltigung oder bei einer schweren Fehlbildung des Fötus. Im brasilianischen Parlament, wo besonders viele evangelikalen Vertreter über Abgeordnetenmandate verfügen, brachten sie sogar einen Gesetzesentwurf ein, um vergewaltigten Frauen eine Art Kindergeld anzubieten, falls sie das Kind gebären, statt es abzutreiben. Die beiden Hauptkirchen lehnen selbst die Möglichkeit einer öffentlichen Debatte oder gar eines Referendums über die Frage der Legalisierung ab. Damit scheint das Problem der illegalen Abtreibung in Brasilien, trotz der schrecklich hohen Zahl an Frauen, die an den gegenwärtigen Bedingungen sterben, noch weit entfernt von einer Lösung.

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