DruckversionEinem Freund senden
02.11.2010 Venezuela / Wirtschaft

Enteignungen in der Bauwirtschaft

Venezuela enteignet weitere Bauunternehmen, um den Wohnungsbau anzukurbeln
Unvollendete Wohnkomplexe im Bundesstaat Sucre

Unvollendete Wohnkomplexe im Bundesstaat Sucre

Quelle: aporrea

Am Sonntag hat Venezuelas Präsident Chávez das Unternehmen Siderúrgica del Turbio (Sidetur) enteignet, das mehrere Produktionsstätten im Land unterhält und das 40 Prozent allen Baustahls für Venezuela produziert. In einer weiteren Maßnahme sind sechs Wohnungsbaugesellschaften enteignet worden. Außerdem wird gegenüber 19 Wohnungsbauprojekten, auf denen die Arbeiten vor Fertigstellung eingestellt wurden, eine zeitlich befristete staatliche Aufsicht angeordnet.

Die Maßnahme gegen Sidetur habe das Ziel, so übereinstimmend Chávez und der Minister für Grundstoffe- und Bergbauindustrie, José Khan, die venezolanische Bauwirtschaft zu stärken und die Ziele des Wohnungsbaus im Land zu verwirklichen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzung können auch die zahlreichen Abkommen mit Portugal, Iran, Russland und Belarus zum Wohnungsbau und zum Bau von Fabriken zur Herstellung von Baumaterial eingeordnet werden, die Chávez auf seiner sieben Länder absolvierenden Reise abgeschlossen hat.

Im Fall Sidetur wies Chavez auf die Diskrepanz hin, zu welchen Preisen das Unternehmen den Rohstahl bezieht, und zu welchen Preisen es den Baustahl dann auf dem venezolanischen Markt verkauft. Auch aus der Belegschaft des Unternehmens kommt der Vorwurf, dass es einen spekulativen Umgang mit den Produkten gäbe und dass prekäre Arbeitsbedingungen vorherrschen. So erklärte David Barceló, Arbeiter in der Produktionsanlage Casima von Sidetur: „Sie mästen die Preise durch Hamstern der Produkte, die sie zum Teil aus Materialien herstellen, die sie zu niedrigen Kosten erhalten haben“.

Die Ziele der venezolanischen Regierung im Wohnungsbau, die zügig die Wohnungsnot beheben muss, und das Gebaren der privaten Bauunternehmen stehen seit langem in einem eklatanten Widerspruch. Das betrifft nicht nur die Projekte des sozialen Wohnungsbaus sowie die Infrastruktur und Bausicherheit in den Barrios: Tausende Familien aus der Mittelklasse warten seit Jahren auf die Fertigstellung ihrer bereits bezahlten Wohnungen. Die Bauunternehmer haben auf vielen Baustellen die Arbeiten eingestellt mit der Begründung, die Kosten seien durch die Schuld der Chávez-Regierung gestiegen und die Käufer müssten deshalb draufzahlen. Eine Abzocke im großen Stil, gegen welche die Wohnungskäufer sich seit einigen Monaten organisiert und ein Eingreifen der Regierung verlangt haben.

Im Bereich des sozialen Wohnungsbaues ist Sabotage durch die privaten Bauunternehmen an der Tagesordnung. Die Bauarbeiten für ganze Siedlungen mit mehreren tausend Wohnungen, die vom Staat finanziert werden, wurden zwar begonnen, aber nie fertiggestellt. Die Begründung der Privatunternehmen lautet, die Materialkosten seien gestiegen, die Preiskalkulationen müssten korrigiert werden und die Regierung weigere sich zu bezahlen. Oft wurden den Bauarbeitern keine Löhne mehr gezahlt, so dass sie unter Protest die Arbeit einstellten. Die privaten Bauunternehmen, die Betriebsgewerkschaften und die Hersteller von Baumaterialien sind oftmals personell verfilzt und berüchtigt für ihre überhöhten Preise, schlechte Qualität und Nichtvollendung des Baus.

In der Folge der Enteignungen werden seit Montag Funktionäre der Organisation für Verbraucherschutz (Indepabis) auf 19 unvollendeten Baustellen, die meisten von ihnen im Bundesstaat Miranda, und zu den verantwortlichen Unternehmen geschickt,  um eine Untersuchung über den Stand der Arbeiten und über die Ursachen der Bauverzögerungen einzuleiten. Die zukünftigen Arbeiten sollen überwacht werden. 

Außerdem ist in vielen Fällen ein Schutz der Familien vor Weiterveräußerung ihrer unfertigen oder auch bezugsfertigen Wohnungen notwendig. Diese sind oftmals längst bezahlt. Die vertragswidrigen Aufschläge der Wohnungsbaugesellschaften wollen oder können sie jedoch nicht nachzahlen. Die Präsidentin von Indepabis, Aura Hernández Morales, informierte, dass sie Kenntnis von mehr als 3000 Fällen illegaler Buchungen und Knebelverträgen beim Kauf von Wohnungen habe. 

Die Wohnunsbaugesellschaften hatten die Übergabe bereits fertiger Wohnungen bislang verweigert, weil sie Aufschläge von bis zu 300 Prozent zu den ursprünglichen Verträgen kassieren wollten. Der Handelsminister Richard Canán musste jetzt persönlich auftreten, um bekannt zu geben, dass die schon fertigen Wohnungen sofort an ihre Eigentümer übergeben werden. In allen Artikeln zu dem Thema werden jetzt in langen Ketten die Namen und Orte der Wohnkomplexe und Anlagen genannt, bei denen sich für die schon lange wartenden Familie endlich etwas tun soll.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr

Was Sie auch interessieren könnte ...

13.09.2010 Nachricht von Malte Daniljuk
11.08.2008 Nachricht von James Suggett