Lateinamerika: Die sozialen Bewegungen in Zeiten der globalen präventiven Konterrevolution

Die argentinisch-kubanische Intellektuelle Isabel Rauber über die Herausforderungen für die sozialen Bewegungen und fortschrittlichen Regierungen Lateinamerikas

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Protest gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation in Buenos Aires, Argentinien, im Dezember 2017
Protest gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation in Buenos Aires, Argentinien, im Dezember 2017

Die Globalisierung verändert ihr Gesicht

Die lokale, regionale und globale Realität, in der wir uns befinden, erstaunt nicht selten, überrascht, oder sorgt sogar für Verwirrung.

Zwölf Jahre nach dem "Nein zu Alca"1 wird offensichtlich, dass die Unterlegenen von damals ihre Kräfte wieder erlangt, ihre Strategie erneuert haben und nun zurückgekommen sind, um die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, dieses Mal – wie sie sagen, "für immer".

Zu erkennen ist dies zum einen und mit besonderem Nachdruck anhand ebenso schneller wie zunächst kaum wahrnehmbarer Veränderungen in der globalen Organisation des Kapitals im Interesse der Durchsetzung, Sicherung und Festigung seiner ökonomischen, kulturellen und politischen Hegemonie auf dem gesamten Planeten. Bei dieser Aufgabe kommen die verschiedenen Sektoren des großen Finanz-, Technologie-, Pharmazie- und Bankenkapitals, des militärisch-industriellen Komplexes sowie die großen Massenkommunikationsmedien zusammen. Sie haben das Räderwerk ihrer Dominanz perfektioniert, die Maske wurde fallen gelassen, und die trügerische Ära des angeblichen "Endes der Ideologien" und des "wir sind doch alle gute Freunde" hat sich in einen Zustand des globalen Krieges gewandelt. Die historisch erworbenen Bürgerrechte werden so Stück für Stück aufgelöst, und die Grundbedingungen sowie Existenzformen der Demokratien verändern sich. Das geschieht nicht aus einer Laune und auch nicht aus Zufall. Es entspricht einem gut ausgearbeiteten Plan, der auf der globalen Machtstrategie eines "Präventivkrieges" beruht, die neue "Feinde" ausmacht, aufbaut oder überhöht, deren Bekämpfung die Durchsetzung notwendiger Veränderungen im rechtlich-politischem Rahmen der Demokratie rechtfertigen soll, um die Welt unter Kontrolle zu halten. Die Kriege, die Einmischungen aller Art und die Destabilisierung von Regierungen, die Kriminalisierung jeglichen Widerstands – ob individuell oder kollektiv – gegen diese "neue Weltordnung", bereiten das Feld für die Maschinerien der Plünderung, Herrschaft und Hegemonie der Kapitalmacht über den Rest der Menschheit. Die Globalisierung hat sich in ihrem Inneren verändert und zeigt nun in der Durchsetzung ihrer Strategie einer präventiven weltweiten Konterrevolution ihr aggressives, grausames Gesicht. Um voranzukommen, müssen die Machthaber ihre Absichten zumindest in einer ersten Phase verbergen und zugleich jene mentalen Nischen erschaffen, in denen diese zugleich von jedermann akzeptiert und geteilt werden. Wie? Die Hauptwerkzeuge dabei sind die Massenmedien, die sozialen Netzwerke und die ihnen nahestehenden Intellektuellen. Die mächtigsten Mechanismen der globalen Manipulation (sozial und individuell) sind heute "geölt" und am Laufen; sie sind in der Lage, wenn nötig, gesellschaftliche Entwicklungen zu untergraben und sie an den Interventionsbedarf der Mächtigen anzupassen, damit diese ihre Ziele erreichen. Faktoren wie die (von ihnen selbst geförderte) Korruption, der unkontrollierte Drogenhandel, das organisierte Verbrechen, der Terrorismus, die Vorbeugung von Naturkatastrophen sind Schlüsselelemente dieses komplexen Getriebes aus Selbstrechtfertigung des Interventionismus und sozialer und individueller Kontrolle seitens der globalen Macht vermittelt durch oder im Bündnis mit ihren lokalen Agenten.

Zum anderen trifft die Verwirrung oder Desorientierung, die diese Realität in einigen Sektoren der (parteigebundenen, intellektuellen oder gesellschaftlichen) Linken in Lateinamerika hervorruft, auf den Zerfall der alten Paradigmen bezüglich des Kapitalismus, der sozialen Revolutionen, des Sozialismus, der Subjekte, der Politik … Was nun deutlich wird ist, dass diese Konzepte im Zwanzigsten Jahrhundert stecken geblieben sind, weil sie aus einer Moderne heraus entwickelt wurden, deren historische Zeit abgelaufen ist. Das binäre Denken, der lineare, einfache und einseitige Blick auf gesellschaftliche Prozesse hat zu einem Mechanizismus und Determinismus des Denkens geführt, der sich weigerte (was er in gewissem Maße immer noch tut), die Komplexität der Welt zu sehen, anzuerkennen und zu begreifen; das heißt, die gleichzeitige und ineinandergreifende Gegenüberstellung verschiedener Dimensionen, die das gesellschaftliche Geschehen in jedem Moment bestimmen, entsprechend dem jeweiligen Zustand der Faktoren (Realitäten, Prozesse, Subjekte) der miteinander verflochtenen Dimensionen. Die Dialektik des 21. Jahrhunderts oder die "Theorie der Komplexität" ermöglicht einen Blick auf die Welt in jener Dimension, in der man sie heute kennt und auf Basis deren Kenntnis sich das Handeln der Macht definiert. Um weiterzukommen darf man den Blick vor ihr nicht verschließen.

Der kulturelle Wandel der popularen, fortschrittlichen oder linken Kräfte ist dringend nötig

Der so häufig geforderte kulturelle Wandel setzt sich durch. Aber er darf kein Flickwerk sein; es genügt nicht, ein Buch zu lesen, ein Stadtviertel oder eine Gemeinde zu besuchen… Der Wandel muss in neuen Praktiken verankert sein, in Debatten mit einer Vielfalt an Akteuren, vor allem um zuzuhören, und in der kritischen Auseinandersetzung mit historischen und jüngeren Erfahrungen der sozialen-politischen Bewegungen, welche jene politischen Verhältnisse herbeigeführt und ermöglicht haben, die populare und fortschrittliche Sektoren, manchmal sogar direkte Vertreter der popularen, indigenen, gewerkschaftlichen Bewegungen, der Kleinbauernbewegung und der Frauenbewegung an die Regierung gebracht haben... so wie es zum Beispiel im demokratisch-revolutionären Prozess in Bolivien geschehen ist, der der Gründung des ersten Plurinationalen Staates Unseres Amerika den Weg geöffnet hat und verankert ist in einem Prozess demokratischer Revolution und interkultureller Dekolonisierung.

Es ist jedoch eine Sache, Empfehlungen zu lesen, sie auszusprechen, und eine andere, sie in jeder Aktivität, an der man teilhat, in neue politische Praktiken der Organisation und des täglichen Zusammenlebens zu übersetzen. Was nötig ist, ist die bewusste, absichtsvolle und zeitgleiche Arbeit an der Dekonstruktion alter Paradigmen, die heute wie große Scheuklappen wirken; das Verständnis für das Neue zu öffnen, und für das, was sich von unten her entwickelt: die gemeinschaftlichen Erfahrungen von Leben und wechselseitigen Beziehungen, das alternative wirtschaftlich-produktive Schaffen von Gesellschaften, die dabei sind, eine neue Zivilisation zu entwickeln, auch wenn sie sicherlich aufgrund ihrer Fragmentierung und Isolierung noch sehr begrenzt ist.

Da die Politik auf Basis des Konflikts zwischen sozialen Kräften mit unterschiedlichen Interessen entsteht, wobei jede davon die Differenzen in den diversen Bereichen, in denen sie sich gegenüberstehen, zu ihren Gunsten zu entscheiden sucht, muss ein Sektor oder eine Gruppe von Sektoren über die anderen dominieren; sei es mittels direkter Gewalt (über die Körper: durch Unterdrückung) oder über den Geist (durch ideologische, kulturelle und politischen Hegemonie). In der Zeit, in der wir leben, herrscht letzteres vor. Daraus ergibt sich die Frage: Haben wir unser Handeln dieser Strategie des politischen Gegners entsprechend angepasst? Die Antwort ist "Nein". Und die leeren oder aufgegebenen Räume wurden von der Ideologie der Mächtigen besetzt, die sie mit ihren irreführenden Inhalten und Vorschlägen füllten. Man muss sicher zur Kenntnis nehmen, dass das Aufkommen der popularen Regierungen eine gewisse Anpassung und Verflachung des Handelns der politischen und sozialen Akteure befördert und zu einem gewissen Rückgang des Protagonismus der zuvor sehr aktiven sozialen Bewegungen geführt hat, was sich zusätzlich verstärkend auswirkt.

Beweist dieser Rückgang oder diese Demobilisierung etwa, dass die sozialen Bewegungen in ihrem politischen Handeln kurzlebig oder begrenzt sind?

Es ist unbestritten, dass die Jahre popularer Regierungen enorme Fortschritte in Fragen der Rechte, sozialer Gerechtigkeit, der Anerkennung von Identitäten, von Weltanschauungen, von Kulturen und von Völkern gebracht haben. Weder waren diese Regierungen ineffizient noch angepasst. Ihr Handeln und die Veränderungen, die sie herbeiführten, verwandelten, wenn nicht sogar die Wurzeln, die sozialen Verhältnisse und eröffneten eine Zeit der Chancen für alle. Hervorzuheben sind hier etwa die Alphabetisierung; das Programm "Null Hunger"; die Hilfsgutscheine für Kinder, Frauen und alte Menschen; der Zugang zu Wohnraum, Gesundheit und Bildung für breite Sektoren der Bevölkerung; große Schritte im Interesse der rechtlichen Gleichheit; die Anerkennung der Plurinationalität unserer Länder; die vollständige Anerkennung der indigenen Völker, ihrer Identitäten, Weltanschauungen und Lebensweisen; die soziale Aufwertung der Gemeinschaften und der kommunitären Lebensweise und Organisation; die Schaffung der Kommunen und der Kommunalen Räte; die Entwicklung ökologisch nachhaltiger Produktionsformen; die Rechte der LGTB; die Stärkung sozialer Organisationen und Bewegungen; die Rückgewinnung des Staates als Instrument der Umverteilung des Reichtums zu Gunsten der historisch ausgeschlossenen popularen Sektoren, die von den herrschenden Klassen im Dienst der kolonialen Abhängigkeit ausgeplündert wurden und verarmt sind; die Fortschritte in der regionalen und kontinentalen Zusammenarbeit der fortschrittlichen popularen Regierungen durch den Aufbau von Alternativen, die vom kolonialwirtschaftlichen, politischen und kulturimperialistischen Joch unabhängig sind, darunter Telesur, Celac, Alba und Unasur, die Fortschritte bei der Schaffung der Bank des Südens und die Veränderungen, die im Mercosur im Gang waren.

Nichts davon würden die Mächtigen, die von der politischen Macht vertrieben wurden, zugeben oder "vergeben". Heute, zwölf Jahre nach dem "Nein zu Alca", kehren sie durch verschiedene Formen des demokratisch-justiziellen Neoputschismus gestärkt zurück. Damit wollen sie genau wie die einstigen Eroberer soziale Einebnung, Ausschluss und Verweigerung sämtlicher Rechte erreichen; jeglichen Widerstand niederschlagen, damit die Völker sich mit gesenktem Kopf und ohne es zu wagen, den Blick zu erheben und ihnen in die Augen zu sehen, ihren Absichten und Anforderungen unterwerfen. In einer Welt, in der es eine wachsende Überbevölkerung und sinkende natürliche Ressourcen für das Leben gibt, sind Knechtschaft und neue Formen der Sklaverei an der Tagesordnung.

Aber nicht nur der Neo-Putschismus und die Massenmedien sind die Akteure der aktuellen Situation. Die kontinentale Gegenwart ist Teil des politischen Kräftemessens mit der Macht und ihren widersprüchlichen Dynamiken. Auch Faktoren innerhalb des popularen Lagers haben hier (als Bremse oder als Einschränkung) eine Rolle gespielt. Zum Beispiel die Vernachlässigung der politischen Arbeit, die Missachtung der popularen Teilhabe an der staatlichen Politik, die Unterschätzung des Aufbaus der Volksmacht von unten her, das Aufgeben oder die Vernachlässigung der politischen Bildung, die spärliche Schaffung von Räumen für den Austausch, für die Diskussion und die Reflexion zwischen den sozialen Bewegungen und mit anderen politischen Kräften oder der Linken; die Ignoranz gegenüber der Notwendigkeit, Wege und Inhalte zu finden, um die Re-Organisierung der sozialen Akteure und ihrer politischen Subjektivitäten gemäß der neuen sozialen politischen Realitäten zu fördern, die in dem Maße entstehen, in dem sie von diesen geschaffen und aufgebaut wurden. In dieser Situation spielten noch andere Faktoren eine Rolle.

Das Aufkommen der popularen Regierungen erzeugte dort, wo es geschah, eine Veränderung in den gesellschaftspolitischen Verhältnissen. Das heißt: die gesellschaftlichen Kräfte, die sich bis gestern noch organisiert oder zusammengetan hatten, um gegen die neoliberalen Regierungen und ihre Staaten zu kämpfen, sahen sich plötzlich in Übereinstimmung mit den Vertretern von Regierung und Staat. Dadurch veränderten sich die politischen Subjektivitäten verschiedener Akteure, und die Grundlagen, die bis zu jenem Zeitpunkt ihre Organisierung und Konstituierung als kollektiver Akteur ermöglicht hatten, lösten sich auf. In kurzer Zeit führte dies erneut zu einer Fragmentierung in Einzelsektoren.

Außerdem schien es, dass der "Feind" mit dem Antritt der popularen Regierungen nebulös geworden war (sich für viele sogar aufgelöst hatte), und dass die alte Zeit der Kämpfe keinen Sinn mehr hatte. Der Zeitpunkt schien gekommen, um zu "ernten", was man mit so viel Schweiß und Tränen gesät hatte: politische oder staatliche Ämter zu besetzen, eine parlamentarische Vertretung zu haben, Ministerien, Regionalregierungen, Gemeinden etc. zu leiten. Allgemein kann man sagen, dass sich jeder soziale Sektor auf sich selbst zurückzog und darauf konzentrierte, zu verteidigen, was man glaubte, dass "einem zustand". Das bilaterale Verhandeln mit den Regierenden setzte sich durch und dies nicht selten ohne Erfolg. Vielleicht weil beide Seiten ihre Positionen stärken wollten.

Auf diese Weise löste sich das politische Subjekt von gestern auf und verschwand aus der politischen Praxis. Die kollektive Subjektivität war bereits keine mehr.

Während sich die Grundlagen änderten, die zuvor die für die kollektive Subjektivität konstitutive Intersubjektivität ermöglicht hatten, zugleich aber jene unverändert blieben, über die sich diese artikuliert hatte, wurde die Ausrichtung ihres soziopolitischen Ausdrucks in der neuen Zeit (populare Regierungen) brüchig und öffnete der Fragmentierung die Türen. Also zogen sich die Subjekte auf das zurück, was sie zu tun gewohnt waren: sie nahmen ihre defensiven sektoralen Praktiken mit ihren spezifischen Streitigkeiten wieder auf, isoliert vom "politisch-sozialen Ganzen", an dem sie sich bereits nicht mehr als Mitbeteiligte empfanden.

Insgesamt begann damit eine Tendenz der Demobilisierung der Bewegungen. Es ging nicht mehr länger darum, auf der Straße um Rechte zu kämpfen, denn mit dem Antritt der popularen Regierungen waren diese bereits anerkannt. Der Schwerpunkt lag nun darauf, Machträume auszuverhandeln. Und so geschah es. Die Demobilisierung, aufgrund von Assimilation oder des Verlusts der historischen Führungsriege der großen gewerkschaftlichen, indigenen und bäuerlichen Bewegungen und politischen Parteien aus dem popularen Lager durch ihre Versetzung auf Posten in der Regierung auf staatlicher, Bezirks- oder Provinzebene, ließ allmählich die Fähigkeit zur politischen Offensive verlorengehen. Anstatt sich als politisch-soziale Zugkraft für politische Umwälzungsprozesse in einer demokratischen Revolution neu aufzustellen, wurden die sozialen und politischen popularen Kräfte zu einer Art Partner oder Kunde neuen Typs der Regierungen. Die kritische revolutionäre Perspektive verlor damit wichtiges, unverzichtbares Terrain für die politische Auseinandersetzung, die noch in ihren Kinderschuhen steckte. Dies ist eine Auseinandersetzung, die weder ausschließlich noch ursprünglich theoretisch ist, sondern vor allem eine des Widerstands und des Drucks organisierter und kämpfender Völker auf den Straßen, in den Gemeinschaften und in allen Territorien des Landes.

Dringende Aufgaben

Wie auch immer die aktuelle Situation der begonnenen demokratischen Prozesse jeweils ist, ob nun die popularen Regierungen zum Ende gekommen sind oder immer noch ihre Funktionen und Verantwortlichkeiten ausüben, der konservative imperialistische Angriff markiert eine Gegenwart, in der es den fortschrittlichen oder linken Kräfte nicht ansteht, Verantwortliche oder Schuldige für Irrtümer, Beschränkungen oder Niederlagen zu suchen; vielmehr müssen wir diese benennen, ob sie nun auf Seiten der sozialen Bewegungen oder der Parteien zu finden sind, und wir müssen uns gemeinsam in Bewegung setzen, um die politischen Aufgaben zu präzisieren, die die heutige Zeit erfordert, und die Herausforderungen zu definieren, die sich daraus ergeben. Darunter finden sich zum Beispiel:

A. Rückgängigmachen/Überwinden

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"Mit dem Neoliberalismus ist Schluss". Bei der Demonstration gegen den WTO-Gipfel in Buenos Aires
"Mit dem Neoliberalismus ist Schluss". Bei der Demonstration gegen den WTO-Gipfel in Buenos Aires

● Das Fehlen von politischer Bildung und politischen Debatten in den sozialen popularen Bewegungen und den politischen Parteien der lateinamerikanischen Linken.

● Der Aufgabenfetischismus, der einmal mehr alle Dimensionen des politisch-sozialen Handelns besetzt hat, weswegen viele von ihnen nicht entwickelt worden sind, in erster Linie die politisch-ideologisch-kulturelle Dimension der Veränderung. Der so entstandene leere Raum wird von der Opposition und ihren Medienkampagnen politischer Manipulation besetzt und genutzt.

● Die hierarchische Trennung zwischen dem Politischen und dem Sozialen und die Unterordnung unter die Politik der Partei, des Staates der Regierung .

● Die Auflösung des kollektiven politischen Subjekts. Es ist dringend geboten, dieses kollektive politische (gesellschaftspolitische) Subjekt auf neuer Grundlage wieder herzustellen.

● Die abstrakte Apologie der "Demokratie". Die errungene Demokratie schien ein ideologiefreier Raum zu sein, in dem sich jeder Einzelne im Streben nach seinem Wohlergehen ohne Probleme und ungehindert entwickeln konnte. Und so schien es, bis die oppositionellen Sektoren (die alte Macht) sich – angepasst an die neue Lage – wieder politisch bemerkbar machten. Danach trat der Klassenkampf in der Demokratie über die politischen Kämpfe zwischen Opposition und Regierung wieder klar zutage.

● Die Scheuklappen, die einer linearen, mechanistischen und dogmatischen Denkweise aus dem vergangenen Jahrhundert eigen sind und in der politischen Kultur diverser Sektoren, Akteure und Intellektueller, fortschrittlicher oder linksgerichteter Parteien des Kontinents weiterleben.

B. Aktiv werden; die politisch-kulturelle Umzingelung durch die Macht und ihre Tentakeln durchbrechen

● Das Selbstvertrauen zurückgewinnen/stärken. Es ist dringend erforderlich, das Selbstvertrauen, den Sinn für soziale und politische Organisation zurückzugewinnen, Verbindungswege zwischen beiden Strömungen von Identität, Organisation, Aktion und Denken aufzubauen.

Die von den Völkern und ihren popularen/fortschrittlichen Regierungen erzielten Erfolge anerkennen, wertschätzen und festigen. Sich nicht von übelwollender Propaganda mitreißen lassen, die versucht, sie zu leugnen, Mängel zu erfinden oder zu überhöhen und darauf herumzureiten, in der Absicht die kollektive Erinnerung zu löschen, populare Politiker zu kriminalisieren, die Idee des Scheiterns und der "Unabänderbarkeit" der Realität einzuimpfen, weswegen nichts anderes übrig bliebe, als diese Welt so zu akzeptieren wie sie ist (Gewöhnung an Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Exklusion…).

Aus dem manipulativen Kreis der Macht ausbrechen. Das ist entscheidend. Innerhalb seiner erscheint alles, was des Volkes ist, als sündhaft: die Politik, die Rechte, die Repräsentation und die Mobilisierung… Die "moralische Niederlage", die die Mächtigen den (scheidenden) popularen Regierungen attestierten, war ein entscheidendes Moment, um solchen Prozessen ein Ende zu setzen und nachfolgende Regierungen zu legitimieren. Daraus ziehen sie ihre Rechtfertigung und darauf begründen sie ihre neoliberale Politik der neuen Generation. Aus diesem Kreis auszubrechen ist unerlässlich, oder die defensive Rechtfertigungsstrategie wird zur Zersplitterung und zunehmenden Schwäche des popularen Lagers führen.

Die Denkweise ändern, alte Muster durchbrechen: die Trennung des Politischen vom Sozialen und seinen Subjekten, seinen Identitäten und Vorschlägen, seinen Organisationen und Aktivitäten. Natürlich sind nicht alle gleich oder vertreten das Gleiche, aber sie sind von dem Augenblick an grundlegend miteinander verbunden, in dem sie auf ein und dieselbe soziale Realität reagieren und darum kämpfen, sie entsprechend den kollektiven Interessen des Volkes zu verändern. Die Herausforderung besteht in diesem Sinne darin, weder Differenzierungen noch Verantwortlichkeiten und Rollen zu verwischen, sondern sie zu artikulieren, um eine machtvolle kollektive politisch-soziale Kraft der Befreiung aufzubauen (Mészáros).

● Sich sowohl mit der politischen Bildung als auch mit dem politischen Handeln im jeweiligen Augenblick befassen. Dies darf nicht als "Indoktrinierung" verstanden werden, sondern muss vor allem in der Rückgewinnung und der kritischen Reflexion der popularen Erfahrungen des Aufbaus der Volksmacht von unten verankert sein (im Ökonomischen, im Organisatorisch-Territorialen, im Kulturellen, im Sozialen, usw.).

● Die Teilhabe und die politischen Lernprozesse der Jugend fördern

● Der Demobilisierung, der Gleichgültigkeit entgegenwirken und schließlich verhindern, dass breite Sektoren des popularen Lagers (einschließlich der Mittelklassen) in die Kommunikationsnetze der Massenmanipulation fallen, die von der Opposition hergestellt werden.

● Zur protagonistischen Teilhabe an allen Dimensionen des sozialen Lebens aufrufen, zur Beteiligung aller Akteure/Individuen des popularen Lagers, um ihre Räume der territorialen und kommunitären Selbstermächtigung zu befördern. Praktiken ein Ende setzen, die sie dazu verdammen, bloße Zuschauer des soziopolitischen Prozesses der Veränderung zu sein, bei dem sie hätten Ko-Protagonisten sein müssen. Hier bedarf es für die politischen Parteien eines politisch-kulturellen Paradigmenwechsels. Denn die Partizipation wird nicht nur dadurch erreicht, die anderen aufzurufen, sich anzuschließen; man muss vielmehr auch und vielleicht vor allem dort sein, wo die Leute leben, in den Gemeinden, in dem Kommunen, in den Stadtvierteln, auf dem Land... um sich auszutauschen, zuzuhören und miteinander zu sprechen. Das beinhaltet auch, die Kultur der Massenversammlungen wiederzubeleben; die Stärke der politischen Beziehung von Mensch zu Mensch, Haus für Haus und an den Arbeitsplätzen wiederzuerlangen.

Die Politik ist dort, wo das Volk in seiner ganzen Vielfalt ist; seinen Protagonismus herbeiführen, dazu beitragen ihn zu organisieren und wo nötig zu stärken, darin besteht heute die Förderung popularer Partizipation.

Den sozialen, popularen, indigenen, gewerkschaftlichen Bewegungen, Jugendbewegungen... bietet sich heute ein neues Szenario sozialer, kultureller und politischer Auseinandersetzung. Und das politische Gewicht ihres Protagonismus wird sich positiv zeigen, wenn er angenommen und entwickelt wird, oder negativ, wenn er leer bleibt.

Das politische Subjekt, die kollektiven soziopolitischen Leitungsstrukturen aufbauen oder wiederaufbauen. Dies ist eine Arbeit, die sich nur aus dem Handeln und dem Willen der Akteure selbst ergeben kann. Kann man diesen Prozess fördern oder dazu beitragen? Definitiv ja; alle können dies tun. Zum Beispiel indem man Workshops für die Produktion kollektiven Wissens entwickelt, um die Kernpunkte der Überschneidungen und Wirkungszusammenhänge von Realitäten, Identitäten, Problematiken und Akteuren (samt ihrer Subjektivitäten) aufzuzeigen und sie so wieder zusammenzuführen. Und dies immer begleitet von Praktiken der Begegnung und des Dialogs zwischen allen und mit allen, in dem Bewusstsein, dass sie die wichtigste pädagogische Kraft darstellen.

Warum an kollektive politische Leitungsstrukturen denken und nicht an eine "Avantgarde"?

Es gibt verschiedene Gründe. Ich werde hier einige davon hervorheben: einerseits, weil eine kollektive Führung keiner hierarchischen Unterscheidung der Subjekte bedarf; es gibt keine "Fortgeschrittenen“ und keine „Rückständigen". Ob man will oder nicht, wenn es Fortgeschrittene oder weiter Entwickelte gibt, dann gibt es auch Rückständige, Zurückgebliebene, Nachrangige… Man sagt das nicht so, aber so kommt es in der politischen Praxis zum Ausdruck; das ist das Schlimme. Anstatt zur Stärkung der Organisierung und Einheit beizutragen, ist die Avantgarde bestrebt, ihre Abgrenzung und die Unterordnung der "Anderen" unter das zu suchen, was sie entscheidet; das ist eine unvermeidliche Folge. Von daher haben sich die Avantgarden schließlich als ineffizient erwiesen, sowohl um kollektive Prozesse, als auch um Regierungen zu führen. Das Volk will nicht "hergetrieben" werden, sondern Protagonist sein. Und wenn es das in dem politischen Umfeld, zu dem es gehört, nicht umsetzen kann, nutzen das die Gegner ‒ die sich dessen bewusst sind ‒ dazu, ihnen alles zu versprechen, was sie sich wünschen, was, kurz gesagt, einen Protagonismus von fünf Minuten bedeuten würde, der den Weg zu seiner Unterwerfung und Zerstörung ebnet.

Die Einheit des popularen Lagers stärken. Was gestern nicht getan wurde, kann man nicht mehr ändern. Man kann jedoch heute sehr wohl das tun, was der Gegenwart angemessen ist, indem man sich der aktuellen Situation extremer Gefahr für das Leben der Menschheit bewusst wird. Die indigenen, gewerkschaftlichen, bäuerlichen, städtischen und ländlichen popularen Bewegungen, die Bewegungen von Jugendlichen, Frauen, LGTB, etc. sind dabei entscheidend; ihre Neuformierung ist unverzichtbar. Dies wird jedoch weder das Ergebnis einer Rede noch einer Konferenz sein. Es ist essentiell, dass es die Subjekte selbst sind, die in ihrer Vielfältigkeit in individueller wie kollektiver Arbeit die Grundlagen der Verbindungen und der Wechselbeziehungen zwischen ihnen selbst und mit der Gesellschaft, der institutionellen Organisation sowie ihrer politischen Repräsentation entdecken. Die Fragmentierung ist der Nährboden jeder Niederlage; die Einheit ist das größte Gegenmittel, Schild und Speer. Räume für Begegnung, Reflexion und Organisation in diesem Sinne zu fördern, ist in dieser Zeit eine der politischen Aufgaben schlechthin.

An die Arbeit.

  • 1. Die von den USA propagierte gesamtamerikanische Freihandelszone, die in Lateinamerika auf breiten Widerstand stieß, wurde beim Amerikagipfel 2005 in Mar del Plata von den Präsidenten Argentiniens (Néstor Kirchner), Venezuelas (Hugo Chávez) und Brasiliens (Luiz Inácio Lula da Silva) zurückgewiesen und war damit gescheitert
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