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Juristen retuschieren Aymara weg

Diskriminierung gegen Indigene in Bolivien: Jüngster Fall an einer Universität in Cochabamba zeigt die Spitze des Eisbergs
Studentin in traditioneller Tracht

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Als Amalia Laura Villca ihr Dorf im Norden von Potosí verließ, hätte sie wohl niemals gedacht, dass ihr Pollera-Rock, Bluse und ihre langen, geflochtenen Zöpfe zu Stolpersteinen werden würden. Entgegen dem Rat ihres besorgten Vaters war sie, wie so viele junge Bolivianer und Latinos ihres Alters, nach Cochabamba gegangen. In ganz Südamerika ist die ruhige Stadt im Herzen des Andenlandes wegen günstiger Studienbedingungen und dem hohen Niveau der Lehre bekannt. Und so zog es auch Amalia vor vier Jahren an die Universidad Mayor de San Simón (UMSS). Da die damals 19-jährige aus der armen Aymara-Gemeinde Tachiro vom Ayllu K´ayaras kam verdiente sie sich ihr Jura-Studium als Küchenhilfe und mit dem Straßenverkauf von Teigtaschen. Der Kontakt zur Gemeinde und Familie riss nie ab, alle paar Monate fuhr Amalia zu Festen ins Hochland.

"Ich wollte Recht studieren, um den Leuten aus meiner Gemeinde und den Armen zu helfen", berichtet Amalia heute. Was sie aus Rücksicht auf ihre Eltern zu Hause jedoch niemandem erzählte, das war die Ablehnung gegen ihre Herkunft, die ihr im Studium von Anfang an entgegenschlug. Ein Dozent habe ihr ins Gesicht gesagt, dass sie "nichts wert ist", worauf sich die Studentin bei der Universitätsleitung beschwerte. Ohne Folgen. "In meinen Kursen wurde ich permanent diskriminiert. Aber daran habe ich mich gewöhnt und wurde hart", so Amalia. Die junge Frau biss auf die Zähne, hielt durch und studierte fertig.

Den Vogel aber schossen ihre Mitstudenten am Ende des Studiums ab. Zum Termin des Abschlussfotos erschien die Aymara, stolz über Herkunft und Studienleistung, in der typischen Kleidung der Aymara-Landbevölkerung: Meeresblauer Rock bis zu den Knien, weiße Rüschen-Pollera, hochhackige Schnürsandalen. Allen wollte sie zeigen, dass auch Leute vom Land in der Lage sind zu studieren, egal ob Aymara, Quechua oder Mestize. "Meine Kommilitonen bestanden darauf, dass ich mir für das Foto die schwarze Toga anzuziehen habe. Ich aber sagte ihnen, dass ich so und nicht anders fotografiert werden wolle und blieb stur bei meiner Meinung", lässt Amalia die Situation vom 10. Februar diesen Jahres Revue passieren. Das Foto wurde gemacht, mit Schärpe und UMSS-Logo. Tage später klingelte bei Amalia das Mobiltelefon, die Abschlussklasse habe ohne ihr Beisein beschlossen das Foto für 50 Bolivianos retuschieren lassen. Ob sie wolle oder nicht, sie erscheine nun in Toga auf dem Bild. Zu Hause angekommen erzählte sie ihrer Schwester aufgebracht die Geschichte, woraufhin diese ihr einen passenden Hosenanzug und Schuhe kaufte. Doch zu spät, die Kommilitonen zogen die Fotomontage einem neuen Bild vor, das wie üblich in mehreren Zeitungen erschien.

Retuschiertes Foto

Nachher

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Das war auch für Amalia zu viel. Mit ihrer Geschichte ging sie an die Öffentlichkeit, und Boliviens Öffentlichkeit diskutierte tagelang über den "Fotomontage-Fall". Über 20 Organisationen, darunter die Plattform für Frauen, Bürgerengagement und Gleichheit in Cochabamba, verurteilten das Verhalten der 38 Jura-Absolventen als Verstoß gegen die Verfassung und das neu geschaffene Anti-Rassismus-Gesetz. Félix Cardenas vom Ministerium für Dekolonisierung sprach von einem "Akt des Rassismus und der Diskriminierung". Derartige Ereignisse "gegen die menschliche Würde" sollten alle Bolivianer "zum Nachdenken" bringen, so der Minister. "Ich hatte keine Ahnung", wies Fakultäts-Dekanin Irma Ivanovick jede Verantwortung von sich. Auch Universitätschef Juan Ríos erklärte, er habe "keine Kontrolle über diese Studenten", zum Zeitpunkt des Fotos hätten sie ihren Studienplan schon abgeschlossen und seien somit kein Teil der Universität mehr gewesen. Die Regionalregierung von Cochabamba kündigte derweil eine strafrechtliche Verfolgung an. Der "Bund bolivianischer Universitäten" (CUB) wolle zur Aufarbeitung des Geschehenen beitragen.

Auch im Internet provozierte der Fall heftige Reaktionen. "Das ist doch alles ein lächerliches Theater um die Aufmerksamkeit der Medien zu erheischen", empörte sich ein anonymer Leser im Kommentar-Forum der Tageszeitung "La Razón". Die "fanatische und irrationale Haltung" der Jurastudentin erinnere an "orthodoxe Moslems und an Evo". Die  Retouchierung der "Chola" sei von den Mitstudenten allein mit guter Absicht erfolgt, um diese "in die Gruppe zu integrieren". Das Ende des Jura-Studiums werde schließlich mit dem Tragen der schwarzen Robe gefeiert, und nicht "ob man ein Eingeborener ist oder nicht", wirft der Leser der Geschädigten "fehlende Solidarität" und die "Instrumentalisierung" der Abschlusszeremonie vor. In einem anderen Internetchat wird der Ablehnung gegen Boliviens indigene Bevölkerung freier Lauf gelassen. "Warum kommen die vom Altiplano-Hochland und ziehen an, wie sie sich wollen? In welchem Land leben wir eigentlich?", wird das Opfer zum Täter gemacht. In dieses Stimmungsbild passt eine UN-Studie, die am Freitag veröffentlicht wurde. Fünf Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Evo Morales werden dem Zehn-Millionen-Einwohnerland anhaltender "Rassenhass" und "systematische Diskriminierung" von Indigenen attestiert. Empfohlen wird rechtsstaatliches Eingreifen durch "Identifizierung und Prozess gegen die Urheber". In Zukunft werde bei allen Universitäts-Feierlichkeiten das Tragen von Kleidung gemäß der Kultur der Studenten garantiert sein, kündigte Celima Torrico, Regierungs-Beauftragte für menschliche Entwicklung in Cochabamba an.

Amalia Laura hat ihre ehrgeizigen Ziele erreicht. Sie ist Anwältin und arbeitet heute in der Hauptstadt La Paz für das Ministerium für Transparenz und Korruptionsbekämpfung, das ebenfalls von einer Frau geleitet wird. Ihre Botschaft an die indigene Bevölkerungsmehrheit: "Habt keine Angst zu studieren, auch mit eurer eigenen Identität!".

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