Brasilien / Politik

Wahlen in Brasilien: Auf der Zielgeraden geht es um die Stimmen der Evangelikalen

Das Gewicht der Evangelikalen ist in diesem Kampf um Mehrheiten zentral. Eine Flut von Falschinformationen beeinflusst indes die Präsidentschaftswahlen

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Lula bei einem Treffen mit Evangelikalen in São Paulo am 19. Oktober
Lula bei einem Treffen mit Evangelikalen in São Paulo am 19. Oktober

"Oh Vater, möge die Demokratie gesichert werden, Herr, im Namen Jesu", sagt die Pastorin Flávia Sá, die sich vorstellt als "Schwarze Cis-Frau, die gegen Machismus, Rassismus, LGBT-Phobie und Fremdenfeindlichkeit kämpft". Sie steht vor einem weißen Plastiktischchen auf einem zum Tempel umgewandelten Sportplatz für die "evangelikale Mahnwache für die Demokratie" im Viertel Jardim Comercial, einer Favela in São Paulo.

Menschen jeden Alters und jeder Hautfarbe sind zu sehen, die auf die Ankunft von Marina Silva warten, der früheren Umweltministerin Lula da Silvas und Evangelikalen, die ihn im Wahlkampf unterstützt.

Bei der Veranstaltung wurden verschiedene Materialien verteilt, wie etwa ein Faltblatt, das erklärt, "wie man mit unentschlossenen Evangelikalen bei diesen Wahlen sprechen kann", Aufkleber mit der Aufschrift "Mein Glaube an Christus, meine Stimme für Lula"; oder ein Flugblatt der "Front der Evangelikalen für den Rechtsstaat", in dem bekräftigt wird, dass "die Stimme der Evangelikalen nicht manipuliert wird", dass sie "freie Wahlen anstreben, wie es die Apostel gelehrt haben", und dass "wir wie Gott die Armut abschaffen wollen". Das klingt auch wie evangelikaler Rap, mit vielen "Amen", erhobenen Händen, Reden über die Armen, die man verteidigt, und Zitaten aus dem Evangelium, um zu erklären, wen man wählen soll.

"Wir erleben eine Wahlperiode, die sehr besorgniserregend ist für die Demokratie und religiöse Diskurse werden dafür benutzt. Als Religiöse antworten wir auf diesen Diskurs mit Liebe, mit der Mahnwache für die Demokratie, mit unseren Herzen, mit unseren Gebeten, damit es einen Wandel gibt, damit es eine spirituelle Bewegung gegen den Rassismus, die Intoleranz, den Autoritarismus gibt", führt Livia Carvalho aus, Bischöfin der Alten Kirche Amerikas, Pastorin der Evangelikalen Pfingstkirche Jesu Christi und feministische Theologin.

Die Verteidigung der Demokratie bedeutet, für Lula zu stimmen, "denn die andere Option ist der Tod, in dem Sinn, dass Bolsonaro Tod erzeugt, sein Diskurs erzeugt Tod, erzeugt eine Instabilität der Demokratie des Landes", sagt Carvalho. Bei der Veranstaltung werden der Präsident und die Evangelikalen, die ihn verteidigen, in Frage gestellt: "Ich weiß nicht, welche Botschaft sie bringen, welche Art von Evangelium sie vermitteln", sagt Pastor Rafah Moreira, ein junger Mann.

Der evangelikale Faktor

Im Durchschnitt zeigen Umfragen einen Unterschied von 4,6 Prozentpunkten zwischen Lula und Bolsonaro, wobei die Umfrage von Datafolha mit nur 4 Punkten zwischen den beiden am nächsten dran liegen soll. Niemand in Brasilien zweifelt daran, dass die Wahl am Sonntag, dem 30. Oktober, knapp ausfallen wird, und auch wenn die Zahlen für Lula sprechen, wird die Spannung bis zum Schluss anhalten. "Oh Vater, stelle alle Garantien der elektronischen Wahlurnen sicher, auf dass kein Feind komme, der sagt, dass sie nicht funktionieren, denn sie funktionieren, Vater", sagte etwa Pastorin Sá in Bezug auf die latente Bedrohung seitens des Bolsonarismus.

Das Gewicht der evangelikalen Stimme ist in diesem Kampf um Wahlmehrheiten zentral. Lula veröffentlichte diese Woche seinen "Verpflichtungsbrief" an das "evangelikale Volk".

"Alle wissen, dass es keinerlei Gefahr für die Arbeit der Kirchen gab, als ich Präsident war. Im Gegenteil! Mit dem Wohlstand, den wir geholfen haben aufzubauen, sind in unserer Regierungszeit die Kirchen am meisten gewachsen, vor allem die evangelikalen Kirchen", schrieb der Ex-Präsident.

Das Wachstum der evangelikalen Kirchen setzte sich nach Lulas Regierungen fort. Nach offiziellen Daten der Präfektur von São Paulo nahmen die evangelikalen Tempel zwischen 2011 und 2021 um 34 Prozent zu, von 1.633 auf 2.186. Die Expansion geschah vor allem in den Randbezirken, mit einer Vervielfachung der Tempel von ganz groß bis ganz klein, wie in Häusern oder auf einem Fußballfeld in der Favela Jardim Comercial. "Die Mehrheit der Evangelikalen in unserem Land ist aus der Peripherie, ist eine Schwarze Frau, ist aus der Pfingstkirche", erklärt Carvalho, die sich der "pastoralen" Arbeit in den Randbezirken widmet.

Etwa 32 Prozent der Bevölkerung sind Evangelikale und die Mehrheit neigt dazu, für Bolsonaro zu stimmen. Nach einer Analyse der Wahlabsichten nach Religion, die auf der Zusammenstellung mehrerer Umfragen basiert, würde Bolsonaro 60,6 Prozent der Stimmen der Evangelikalen bekommen, Lula dagegen 31,1 Prozent. Diese Mehrheit für den Präsidenten erklärt sich für Carvalho aus zwei Gründen: "Einer sind die moralischen Werte, die die christliche Kirche über Jahrhunderte hinweg zu moralischen Werten gemacht hat, die unterdrücken und ausgrenzen. Das ist nicht das Christentum, denn das Christentum unterdrückt nicht und schließt nicht aus, aber es wurde durch den Fundamentalismus verwirrt, der im 19. Jahrhundert in den USA entstand.“

Der andere Grund liege darin, dass "die meisten Informationen, die ankommen, Fake News zugunsten der Regierung Bolsonaro sind, die Leute glauben an diese Nachrichten und haben keinen Zugang zu anderen", sagt die Pastorin.

Die Fake News verringern

Eine der am weitesten verbreiteten Falschnachrichten ist, dass Lula im Falle eines Sieges Tempel schließen wird. Der veröffentlichte Brief an die Evangelikalen, dem ein Treffen mit Pastoren folgte, hatte auch das Ziel, die kursierende Desinformation zu widerlegen. Die Menge der Fake News zu verschiedenen Themen hat im Rahmen der Strategie des Bolsonarismus tatsächlich ein sehr hohes Niveau erreicht. Angesichts dessen hat das Oberste Wahlgericht (TSE) in den letzten Tagen zwei Beschlüsse gefasst.

Einerseits entschied es, dass Lula das Recht auf 116 Gegendarstellungen von je 30 Sekunden in den Radio- und Fernsehwerbesendungen von Bolsonaro zusteht, womit das Gericht anerkennt, dass "wissentlich falsche Tatsachen" verbreitet wurden. Andererseits kann das TSE unter Androhung von Geldstrafen von bis zu 28.000 Dollar die Sender oder andere Verbreiter dazu verpflichten, die Falschnachrichten innerhalb von maximal zwei Stunden – in den letzten beiden Tagen des Wahlkampfs innerhalb einer Stunde – von den Webseiten und aus Sozialen Netzwerken zu entfernen.

Bleibt abzuwarten, wie sich die Entscheidung auf einen Wahlkampf auswirken wird, der auf den Straßen ausgetragen wird, wobei Lula stärker ist, sowie auf die Sozialen Netzwerke, in denen Bolsonaro viel agiert und große Unterstützung hat, wie zum Beispiel die von [Fußballstar] Neymar, mit dem er am Samstagabend einen Live-Auftritt hatte.

Fake News und die Rolle der evangelikalen Wähler werden zu den Faktoren gehören, die eine Wahl beeinflussen, für die 18 der 27 Hauptstädte bereits kostenlose öffentliche Verkehrsmittel für den Wahltag angekündigt haben; das könnte die Wahlbeteiligung vor dem Hintergrund eines Trends befördern, bei dem die Wahlenthaltung zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang zunimmt.

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