Honduras: "Autonomie und gemeinschaftliche Selbstverwaltung gegen den entfesselten Kapitalismus"

Gespräch mit Miriam Miranda, Generalkoordinatorin der Organisation der afro-indigenen Garífuna in Honduras, Ofraneh

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Miriam Miranda von der Organisation der afro-indigenen Garífuna, Ofraneh
Miriam Miranda von der Organisation der afro-indigenen Garífuna, Ofraneh

Die Ansiedlung "Wagueira Lee" der Garífuna liegt auf der honduranischen Insel Roatán. Sie ist eine gemeinschaftliche Rückgewinnung von angestammtem Land, die Teil eines kulturellen Überlebensprozesses und der Verteidigung der Gebiete der Garífunas gegen die zunehmende Zerstörung der Natur und des Lebens ist. Ein Interview mit Miriam Miranda, Menschenrechtsaktivistin und Generalkoordinatorin von Ofraneh (Organización Fraternal Negra Hondureña).

Die Garífuna-Gemeinschaft bewohnte die Territorien schon vor Gründung des honduranischen Staates und macht stetige Fortschritte bei der Rückgewinnung ihrer angestammten Gebiete. Gewalt und verschiedene Versuche der Unterwerfung wiederholen sich seit der europäischen Eroberung bis heute. Aktuell trachten sowohl Tourismusunternehmen als auch die Palmölindustrie nach ihren Gebieten, die von Palmen, Wald, Strand und kristallklarem Wasser umgeben sind. Ofraneh prangert die ständigen Bedrohungen an.

Zwar sprach die aktuelle Präsidentin von Honduras, Xiomara Castro, in ihrem Wahlprogramm über den Respekt gegenüber den indigenen Bevölkerungen des zentralamerikanischen Landes. Aber die Gemeinden prangern an, dass die Angriffe auf ihre territoriale, kulturelle und politische Souveränität andauern. In diesem Kontext organisieren die Garífuna-Gemeinden Prozesse der Wiedergewinnung des Landes, damit sich die neuen Generationen darauf niederlassen und das Überleben der Kultur ihrer Ahnen sicherstellen können.

Im September haben Mitglieder der Garífuna-Ortschaft im Bezirk José Santos Guardiola auf den Islas de la Bahía damit begonnen, sich einen Teil ihres angestammten Landes wiederanzueignen. Die Besetzung "Wagueira Lee" (Das ist unser Land) ist nach der ersten Garífuna-Ansiedlung in der Gegend benannt, nach der Vertreibung von der Insel St. Vincent im Jahr 1791.

Am 7. November hat ein Kommando aus Militär und Polizei die dort Anwesenden gewaltsam geräumt und sechs Personen festgenommen, denen die angebliche Straftat der "widerrechtlichen Aneignung von Land" vorgeworfen wird; all das ohne Beachtung der ILO-Konvention 169 zu den Rechten Indigener Völker oder der Interamerikanischen Menschenrechtskonvention (amerika21 berichtete). Am 25. November erwirkten die Verteidiger:innen zwar den endgültigen Freispruch in der Sache, dennoch verdeutlicht dieses Verfahren gegen die Landrückgewinnung "Wagueira Lee" die Haltung, die der honduranische Staat gegenüber seinen indigenen Völkern und den von ihnen bewohnten Territorien einnimmt.

Die Wiedergewinnung von Territorien seitens der indigenen Gemeinden ist nicht nur ein Grundrecht, sondern auch ein kontinuierliches Handeln zur Verteidigung des Lebens gegen das tödliche Modell, das darauf besteht, die Natur zu kommerzialisieren und zu zerstören. Die indigenen Völker der ganzen Region bauen Alternativen auf und zeigen uns durch ihre alltäglichen Handlungen und die Verteidigung ihrer Gebiete, dass ein anderes Leben ohne Ungerechtigkeiten und im Einklang mit der Natur möglich ist. Um ihre Vorschläge kennenzulernen, sprach die Nachrichtenagentur BiodiversidadLA mit Miriam Miranda, Menschenrechtsaktivistin und Generalkoordinatorin von Ofraneh.

Wir haben gesehen, dass die Räumungen und Gewalttaten gegen die Garífuna unter der Regierung von Xiomara Castro weitergehen. Wie ist Ihre Einschätzung dieser Situation?

Die Situation ist sehr komplex. Im Fall der Räumung sehen wir, wie der Justizapparat dieses Landes die Interessen der Unternehmer schützt, der Leute mit Macht und ökonomischem Einfluss auf nationaler und internationaler Ebene. Das hat dieses Verfahren mit aller Deutlichkeit gezeigt, die Rechtsfehler sind offensichtlich: Die Staatsanwältin, die die Inhaftierung der Genossen und Genossinnen angeordnet hat, war dazu nicht berechtigt und die Polizei noch viel weniger.

Wir denken, dass dies ein sehr schwieriger Kontext für das Garífuna-Volk ist, für die Völker, die wie wir für ihr Land kämpfen, denn der Oberste Gerichtshof und die Staatsanwaltschaft stellen sich ständig gegen uns und auf die Seite der Unternehmer, die uns vertreiben wollen. Aber wir sind entschlossen, diese Art von Ereignissen weiterhin anzuprangern. Gleichzeitig denken wir, dass die Präsidentin, als oberste Befehlshaberin von Polizei und Militär, die Räumung hätte stoppen können. Die Verantwortung dieser neuen Regierung kann nicht von der Hand gewiesen werden.

Warum ist es wichtig, zuzuhören und die Perspektive der Garífuna kennenzulernen, um die Geschichte von Honduras zu verstehen?

In unserem Land gab es zahlreiche Staatsstreiche, auch wenn sich viele Menschen nicht daran erinnern. Wir Garífuna, ebenso wie andere indigene Völker, sehen diese kontinuierliche Bedrohung unserer territorialen Souveränität in aller Deutlichkeit. Es gab nicht nur den Putsch von 2009, wir haben drei aufeinanderfolgende Staatsstreiche erlebt: 2009 setzten sie den Präsidenten der Republik ab, 2012 führte der Nationalkongress einen Putsch gegen den Obersten Gerichtshof durch und entfernte zahlreiche Richter, die sich gegen das tödliche Projekt der Modellstädte aussprachen, die heutzutage als "Zonen für Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung" (Zonas de Empleo y Desarrollo Económico, ZEDE) bekannt sind; und 2017 gab es den Putsch gegen die Wahlen, als Juan Orlando Hernández sich mit Hilfe des Militärstiefels durchsetzte, um Präsident der Republik zu bleiben.

Vor diesem Hintergrund wird sehr deutlich, dass wir von einer Vernichtung der staatlichen Institutionen sprechen. Es wurde nicht nur die Struktur dieser jungen Demokratie zerstört, sondern auch ein Gescheiterter Staat geschaffen, und genau das zeigt sich im Augenblick. Wir wissen, dass es wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den Mächten des Staates geben muss, doch es muss auch Gerechtigkeit geben. Wir wollen nicht und behaupten auch nicht, dass es keine Interdependenz geben sollte, dass es nur eine Regierung geben sollte, die alle Machtapparate kontrolliert, denn so hat es Juan Orlando Hernández gemacht.

Was fordert die Garífuna-Gemeinschaft in diesem Zusammenhang?

Wir fordern, dass es Gerechtigkeit für die Völker gibt, denn das hat uns die Präsidentin versprochen. Wir befinden uns heute in einer für das Volk der Garífuna sehr schwierigen Situation, denn die Unternehmen und die Wirtschaftsmacht wollen sich in unseren Gebieten ausbreiten. Die Lage ist sehr ernst, denn sie sind es, die das Land kontrollieren. Somit treten wir in eine neue Etappe ein, weil sie unsere Gemeinschaft verschwinden lassen wollen. Wir haben gekämpft und authentische und kollektive Prozesse aufgebaut. Denn, und das möchte ich mit aller Klarheit sagen, diese angeblich "demokratischen" Prozesse, die durch die aktuelle Regierung vorangetrieben werden, richten sich gegen das Leben des Volkes, gegen die Ernährungssouveränität und gegen unsere Organisation.

Was sind die Vorschläge für den Alltag, mit denen Ofraneh Alternativen zu den Projekten der Regierung aufbaut?

Wir von Ofraneh verteidigen nicht nur die Rechte der indigenen Völker etwa durch Mobilisierung und die Möglichkeit, sich an internationale Instanzen zu wenden. Wir bauen auch Autonomie und gemeinschaftliche Selbstverwaltung gegenüber einem entfesselten Kapitalismus auf, der die Natur zerstört. In diesem Rahmen haben wir das erste Verfahren für die Großproduktion von Kokospalmen auf einem Stück Land entwickelt, wo wir von afrikanischen Palmen umgeben sind. Wir führen diesen gemeinschaftlichen Prozess nicht nur durch, um die Ernährungsweise des Volks der Garífuna wiederzuerlangen. Sondern auch, um Autonomie zu schaffen und die Ernährungssouveränität zu stärken und damit die Gemeinden ihre eigenen Nahrungsmittel produzieren können. Das machen wir aktuell in der Gegend von Vallecito, in einem Projekt, in dem wir nicht nur Kokosholz erzeugen, sondern die Kokospalmen auch mit dem Anbau von Knollengewächsen wie Yucca verbinden, die die Ernährungsgrundlage der Garífuna ist.

Die indigenen Gemeinden stellen das Leben in den Mittelpunkt. Daher ist es unerlässlich, vor allem angesichts einer beispiellosen Klimakrise, ihre Ausdrucksweisen und Vorschläge für Organisierung und soziales Leben kennenzulernen. Welches Verständnis haben die Garífuna von der Klimakrise und was wären konkrete Vorschläge, die diese Krise stoppen könnten?

Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass dieses kapitalistische Akkumulationsmodell das Kapital über das menschliche Leben stellt. Das bringt die ganze Menschheit in Gefahr, wie wir sehr gut wissen. Es richtet sich gegen die Ernährung, die Gesundheit und die grundlegenden Bedürfnisse des Volkes, da sich diese in Waren verwandelt haben. Der Mensch mit Geld bekommt Zugang zum Gesundheitssystem. Das menschliche Leben wird gefährdet, da Gesundheit als Ware betrachtet wird, es ist eine kapitalakkumulierende Pharmaindustrie entstanden, die das Geschäft über die Gesundheit stellt.

Daher sind wir der Meinung, dass die bisherigen Weltklimagipfel ein absoluter Misserfolg sind, denn es fehlen nicht nur Entscheidungen für die Reduzierung von Gasemissionen und Umweltverschmutzung, sondern es werden auch keine radikalen Entscheidungen getroffen, die es dem Planeten erlauben würden, wieder zu atmen. Für uns geht es darum, sich mit dem maßlosen Konsum all dessen zu beschäftigen, was den Planeten und die Umwelt schädigt, wie zum Beispiel Plastik. Wenn keine radikalen Entscheidungen getroffen werden und wenn das Kapital weiterhin über die menschliche Gesundheit gestellt wird, werden wir als Menschheit sterben und verschwinden, die Erde hingegen wird sich regenerieren.

Welche Bedeutung haben die Zentren für traditionelle Heilkunst und was sind die Ziele dieses Projekts?

Als Covid-19 ausbrach, wurde die Welt abgeriegelt und die menschliche Mobilität gestoppt. Wir wussten, wir müssen eine Entscheidung treffen. Wir förderten die Einrichtung von Gesundheitszentren: Dreiunddreißig Casas de Salud Ancestral in verschiedenen Gemeinden zur Behandlung und vor allem zur Sicherung des Überlebens unserer Großeltern. Denn sie sind es, die die Kultur, das Wissen und die Kenntnisse der Garífuna weitergeben und übermitteln. Wir mussten das spirituelle und kulturelle Überleben des Volks der Garífuna sicherstellen, das war für uns das Wichtigste. Von diesen Zentren aus beschäftigen wir uns deshalb damit, in unseren Gemeinden eine Gesundheitsversorgung anzubieten und sicherzustellen.

Wir wurden zur wegweisenden Organisation der Casas de Salud Ancestral, als ein Mittel und ein Weg, um unsere Gemeinden medizinisch zu versorgen. Dies geschah durch die Herstellung von Tee aus Heilkräutern, aber auch durch die Verteilung von allem, was in dem Moment der Notlage eine Hilfe bedeutet hat. Vor allem aber, indem wir verstehen, dass es am wichtigsten ist, das Immunsystem unseres Volkes zu stärken. Viel von unserer Kultur und Identität beruht auf dem angestammten Wissen unserer Gemeinschaft. Indem wir zum Beispiel die Tees zubereiten, die uns dabei helfen, unsere Abwehrkräfte zu stärken, nehmen wir der Pharmaindustrie diese große Macht, die dafür sorgt, dass sich die Leute an Pillen gewöhnen, die sie am Ende abhängig machen und nicht heilen. Im Gegenteil, diese Medikamente zerstören letztendlich die Menschheit und ihre Gesundheit.

In den Casas de Salud Ancestral wird nicht nur medizinische Grundversorgung angeboten, es sind auch Räume der Mobilisierung für die Gemeinden. Räume, um einen ganzheitlichen Zugang zur Gesundheit zu bieten, indem wir verstehen, dass Gesundheit auch bedeutet, für die Territorien und Ländereien zu kämpfen, damit die Menschen Zugang zu den Arzneipflanzen bekommen können und zu allen Gemeingütern, die eine Hilfe für das Leben sind. Indem wir aber auch verstehen, dass es eine mentale und eine ökologische Gesundheit geben muss. Wir müssen gegen das Plastik kämpfen, das den Planeten verschlingt. Wenn wir Gesundheit in ihrer Gesamtheit auf eine umfassende und integrale Art und Weise betrachten, dann ist sie nicht nur für das menschliche Individuum, sondern auch für den Planeten. Es sind wir, die indigenen Völker, die dieses Wissen haben und den Planeten heilen können.

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