Notfall Klima

Ignacio Ramonet zur multiplen Krise und vier notwendigen Entscheidungen

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Ignacio Ramonet, Herausgeber der spanischen Ausgabe der Le Monde Diplomatique und Kolumnist von amerika21
Ignacio Ramonet, Herausgeber der spanischen Ausgabe der Le Monde Diplomatique und Kolumnist von amerika21

Die schwere Finanzkrise und der wirtschaftliche Horror, unter denen die europäischen Staaten zur Zeit leiden, lassen vergessen, dass der Klimawandel und die Zerstörung der Artenvielfalt immer noch die größten Probleme sind, die die Menschheit bedrohen. Dies hat auch der Klimagipfel von Durban in Südafrika im vergangenen Dezember noch einmal deutlich gemacht. Wenn wir nicht ganz schnell das von der ökonomischen Globalisierung aufgezwungene Produktionsmodell ändern, dann werden wir den Point of no return erreichen, an dem menschliches Leben auf diesem Planeten immer schwerer zu ertragen sein wird.

Vor einigen Wochen hat die UNO die Geburt des sieben milliardsten Menschen verkündet, einem philippinischen Mädchen namens Danica. Die Einwohnerzahl der Erde hat sich in wenig mehr als fünfzig Jahren um das 3,5 fache vermehrt. Die Mehrzahl von ihnen leben heute in Städten, und zum ersten Mal gibt es mehr Stadtbewohner als Bauern. Und die Ressourcen der Erde werden in der Zwischenzeit nicht größer. Eine neue geopolitische Besorgnis taucht auf: Was passiert, wenn sich der Mangel an einigen Naturressourcen verschärft? Wir entdecken mit Erstaunen, dass unsere “weite Welt“ endlich ist  .... 

In den vergangenen zehn Jahren ist – dank des Wachstums in einigen Schwellenländern –, die Zahl der Menschen, die aus der Armut heraus gekommen sind und zu Konsumenten wurden, auf mehr als 150 Millionen angestiegen ....1 Wie kann man sich nicht darüber freuen? Es gibt keine gerechtere Sache auf der Welt als den Kampf gegen die Armut. Aber das bringt auch eine große Verantwortung für uns alle mit sich, denn diese Perspektive ist nicht mit dem herrschenden Konsummodell vereinbar.

Es liegt auf der Hand, dass unser Planet nicht über ausreichend Ressourcen an Natur und Energie verfügt, um die gesamte Weltbevölkerung damit endlos zu versorgen. Damit sieben Milliarden Menschen soviel konsumieren können wie ein durchschnittlicher Europäer, bräuchte man die Ressourcen von zwei Planeten Erde. Und damit sie soviel konsumieren können wie ein durchschnittlicher Bewohner der Vereinigten Staaten, bräuchten wir drei Planeten.

Die Weltbevölkerung zum Beispiel hat sich seit Anfang des 20.Jahrhunderts vervierfacht. In genau diesem Zeitraum hat sich der Verbrauch von Kohle versechsfacht .... .der Kupferverbrauch ist um das 25fache gestiegen  ....  Von 1950 bis heute ist der Verbrauch von Metall im Allgemeinen um das siebenfache gestiegen ... der Verbrauch von Plastik um das 18fache ... von Aluminium um das 20fache .... Die UNO informiert uns seit einiger Zeit, dass wir “mehr als 30 Prozent der Wiederaufbereitungskapazität“ der Biosphäre verbrauchen. Die Moral: Wir müssen darüber nachdenken, uns einen bescheideneren und weniger verschwenderischen Lebensstil anzueignen.

Dieser Rat scheint von allgemeiner Gültigkeit zu sein, aber er trifft ja ganz offensichtlich nicht auf die Milliarden chronisch Hungernden auf der Welt zu und auch nicht auf die drei Milliarden Menschen, die in Armut leben. Wie eine Bombe bedroht dieses Elend die Menschheit. Immer noch ist die riesige Kluft zwischen Armen und Reichen trotz aller kürzlich erzielten Fortschritte eins der wichtigsten Merkmale unserer heutigen Welt.2

Dies ist keine abstrakte Behauptung, sondern sie lässt sich sehr konkret übersetzen. In der Zeit zum Beispiel, in der man diesen Artikel liest (zehn Minuten), sterben in der Welt zehn Frauen während der Geburt; 210 Kinder unter fünf Jahren sterben an vermeidbaren Krankheiten (100 davon, weil sie unsauberes Wasser getrunken haben). Diese Menschen sterben nicht an Krankheiten – sie sterben, weil sie arm sind. Die Armut tötet sie. Und gleichzeitig wird die Hilfe der reichen Länder für die Entwicklungsländer um 25 Prozent gekürzt .... Und 500 Milliarden Euro jährlich werden in der Welt weiterhin für Waffen ausgegeben .... .

Wenn wir in den nächsten Dekaden die Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent steigern müssten, um der legitimen Nachfrage einer immer größer werdenden Weltbevölkerung zu entsprechen, wären die Auswirkungen auf die Ökologie zerstörerisch. Außerdem wäre diese Steigerung nicht von Dauer, weil sie eine größere Zerstörung der Böden nach sich ziehen würde, eine vermehrte Wüstenbildung, eine größere Knappheit an Trinkwasser, eine größere Zerstörung der Artenvielfalt  ....  Ganz zu schweigen von den Treibhausgasen und ihren schwerwiegenden Folgen für den Klimawandel.

Hier muss man auch daran erinnern, dass circa 1,5 Milliarden Menschen weiter umweltschädliche fossile Energien aus dem Abbau von Holzkohle, Kohle, Gas oder Erdöl hauptsächlich in Afrika, China und Indien nutzen. Kaum 13 Prozent der weltweiten Energieproduktion besteht aus erneuerbarer und sauberer Energie (Wind, Wasser, Sonne u.a.). Der Rest ist nuklearen und vor allem fossilen Ursprungs, der unheilvollsten Energie für die Umwelt.

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In diesem Zusammenhang ist es beunruhigend, dass die großen Schwellenländer sich die räuberischen Methoden der Industrialisierung und Ressourcennutzung zu Eigen  machen, indem sie das Schlimmste nachmachen, was die entwickelten Länder gemacht haben und weiterhin machen. All das bringt eine immense Zerstörung der Artenvielfalt mit sich.

Was bedeutet Artenvielfalt? Die Gesamtheit aller Arten aller Lebewesen. Wir stellen gerade eine massive Auslöschung von Pflanzen und Tieren fest. Eine der brutalsten und schnellsten Zerstörungen, die die Erde jemals erlebt hat. Jahr für Jahr verschwinden zwischen 17.000 und 100.000 Lebewesen. Eine neuere Studie hat enthüllt, dass 30 Prozent der Meereslebewesen wegen der Überfischung und des Klimawandels ausgelöscht zu werden drohen. Ebenso ist eine von acht Pflanzen davon bedroht. Ein Fünftel all dieser Spezies könnte bis zum Jahr 2050 verschwunden sein.

Wenn eine Spezies verschwindet, wird der Kreislauf der Natur verändert und der Geschichtsverlauf der Natur ändert sich. Das ist ein Angriff auf die Freiheit der Natur. Die Artenvielfalt zu verteidigen bedeutet daher, die objektive Solidarität aller Lebewesen zu verteidigen. Die Hauptursachen für diese Zerstörung der Artenvielfalt sind der Mensch und sein räuberisches Produktionsmodell. Die Auswüchse der neoliberalen Globalisierung in den letzten dreißig Jahren haben dieses Phänomen beschleunigt.

Die Globalisierung hat das Entstehen einer Welt begünstigt, die vom ökonomischen Horror beherrscht wird, in dem die Finanzmärkte und die großen privaten Unternehmen das Gesetz des Dschungels und das Gesetz des Stärkeren wieder eingeführt haben. Eine Welt, in der die Suche nach Profit alles andere rechtfertigt, wie hoch auch immer der Preis für die Menschheit und die Umwelt sein wird. Die Globalisierung begünstigt die Ausbeutung des Planeten. Viele große Unternehmen machen sich die Natur durch ihre maßlose Zerstörung mit Gewalt zu Eigen. Und sie erzielen enorme Gewinne, indem sie auf unverantwortliche Art und Weise das Wasser, die Luft, die Wälder, die Flüsse, den Boden und die Ozeane verseuchen .... .alles gemeinsame Güter der Menschheit.

Wie kann man dieser Plünderung der Erde ein Ende setzen? Es gibt Lösungen. Hier sind vier notwendige Entscheidungen, die getroffen werden müssten:

  1. eine Änderung des Models unter Anlehnung an eine “solidarische Ökonomie“. Dies würde einen sozialen Zusammenhalt schaffen, weil die Erträge nicht nur für einige sind, sondern für alle. Es geht dabei um eine Ökonomie, die Reichtum produziert, ohne den Planeten zu zerstören, ohne die Arbeiter auszubeuten, ohne die Frauen zu diskriminieren, ohne die Sozialgesetzgebung zu ignorieren.
  2. der Globalisierung Einhalt gebieten durch die Rückkehr zu einer Reglementierung, die ein perverses und schädliches Konzept des freien Handels korrigiert. Wir müssen uns trauen, wieder eine Dosis selektiven Protektionismus (ökologisch und gesellschaftlich) zu schaffen, um weiter in Richtung einer De – Globalisierung voran zu kommen
  3. den Wahn der Finanzspekulation bremsen, der ganzen Gesellschaften unannehmbare Opfer zumutet, wie wir es heute in Europa sehen, wo die Märkte die Macht übernommen haben. Es ist dringender als jemals zuvor notwendig, eine Transaktionssteuer einzuführen, um den Exzessen der Börsenspekulation ein Ende zu bereiten.
  4. wenn wir den Planeten retten, einen Klimawandel verhindern und die Menschheit verteidigen wollen, müssen wir dringend aus der Logik des permanenten und nicht realisierbaren Wachstums aussteigen und den Weg eines vernünftigen Wachstumsrückgangs beschreiten.

Mit diesen vier einfachen Maßnahmen erscheint ein Hoffnungsschimmer am Ende des Horizonts, und die Menschen könnten wieder anfangen, Vertrauen in den Fortschritt zu haben. Aber wer wird den politischen Willen haben, dies durchzusetzen?

  • 1. Allein in Lateinamerika sind als Folge der Politik der sozialen Eingrenzung durch fortschrittliche Regierungen in Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Nicaragua, Paraguay, Venezuela und Uruguay circa 80 Millionen Menschen aus der Armut heraus gekommen.
  • 2. Auf der ganzen Welt gehen circa 100 Millionen Kinder (vor allem Mädchen) nicht zur Schule; 650 Millionen Menschen verfügen nicht über sauberes Trinkwasser; 850 Millionen sind Analphabeten; mehr als 2 Milliarden verfügen über keine Toilette und keinen Abwasserkanal; circa 3 Milliarden leben (d.h. sie ernähren sich, wohnen, kleiden sich, benutzen Transportmittel, pflegen sich, etc.) mit weniger als 2 Euro täglich.
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