Venezuela / Wirtschaft

Fisch für kommunale spekulationsfreie Märkte

Probleme der sozialistischen Transformation in Venezuela am Beispiel der Fischereikooperative La Gaviota

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Arbeiterinnen in der Fischereikooperative La Gaviota
Arbeiterinnen in der Fischereikooperative La Gaviota

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe der ila 355 mit dem Themenschwerpunkt "Kampf um die letzten Fische".


In Caigüire, einem der Küstenbezirke des venezolanischen Bundesstaates Cumaná, liegt das alte Fabrikgelände "La Gaviota". Das 1946 gegründete Fischereiunternehmen war über Jahrzehnte eine der zahlreichen Verarbeitungsstätten Venezuelas. Mit ihrer Verstaatlichung im Jahre 2009, die durch einen Aufsehen erregenden Streik der überwiegend weiblichen Arbeiterinnen hervorgerufen wurde, erlangte sie national enorme Bekanntheit. Ein Jahr früher, am 7. Mai 2008, hatte Präsident Hugo Chavez mit der Gründung des binationalen Fischereiunternehmens PESCALBA einen Aufschwung in diesem Sektor angekündigt. Ziel war es, die im "Gesetz über Fischerei und Aquakultur" festgeschriebenen Prinzipien von Partizipation, Arbeitsrecht- und Umweltschutz und die Förderung der pesca artesanal (nicht-industrielle, traditionelle Fischerei) zu etablieren.

PESCALBA, oder eigentlich das Empresa Mixta Socialista Pesquera Industrial del ALBA (Gemischtes Sozialistisches Industrielles Fischereiunternehmen des ALBA-Bündnisses) mit Sitz in Cumaná, ist ein zu 51 Prozent der venezolanischen Lebensmittelkorporation CVAL und zu 49 Prozent einer kubanischen Firma gehörendes Unternehmen, das im Sinne der Integrationspolitik des ALBA-Bündnisses die Ernährungssouveränität der lateinamerikanischen Länder fördern soll. Der Sitz des Unternehmens wurde strategisch in die Hauptstadt des Bundesstaats Sucre verlegt, da hier beinahe 60 Prozent der Fischprodukte des Landes hergestellt werden. Produziert werden hauptsächlich Thunfisch, Sardinen, Muscheln und Makrelen. Mit einer Investition von über 500 Millionen US-Dollar schuf man binnen kürzester Zeit dieses riesige Unternehmen, mit einer enormen Fangflotte, in das bundesweit 17 Fabriken integriert wurden, darunter neu geschaffene, aufgekaufte und verstaatlichte. Zu letzteren gehört auch La Gaviota. Sie wurde im Sommer 2010 Teil der Empresa Mixta PESCALBA.

Der von Chavez angestoßene Aufschwung wird auf institutioneller Ebene vom Nationalen Sozialistischen Institut für Fischerei und Aquakultura (INSOPESCA) vorangetrieben. Die Organisation hat bis 2009 über 10.000 Fischer geholfen, sich in über 300 Fischerräten zu organisieren, um lokal ihre wirtschaftlichen Interessen gegenüber privaten Konzernen und staatlichen Akteuren vertreten zu können. Weiterhin arbeitet das Institut daran, im gesamten Staatsgebiet 15 "Häuser des Fischers" zu etablieren, in denen die Fischer im Kollektiv ihre Waren verarbeiten und anschließend auf "kommunalen spekulationsfreien Märkten" verkaufen können. Diese Märkte werden erschlossen, indem zensusartige Umfragen die Nachfrage der Anwohner feststellen und entsprechend das Angebot regulieren.

Neue Konzepte für betriebliche Demokratie

Wirft man einen Blick auf die Bilanz dieser staatlichen Bestrebungen, durch mehr Einflussnahme und Partizipation eine gerechtere und ökologischere Fischereiwirschaft zu gewährleisten, so besteht eine zwiespältige Bilanz.

Statistisch betrachtet konnte der traditionelle Sektor der pesca artesanal von 2008 zu 2009 eine bemerkenswerte Produktivitätssteigerung von 14 Prozent aufweisen, die gesamte Fischproduktion eine Steigerung von 5 Prozent. Die Ökonomen unterscheiden in Venezuela zwischen drei Typen von Fischerei: traditionelle Gewerbe kleinen Umfangs, traditionelle und industrielle Gewerbe. Die letzten beiden werden per Gesetz zu einer Quotenabgabe (bis zu 5 Prozent) an den Staat verpflichtet. Zudem fördert INSOPESCA die traditionelle Fischerei und setzt sich für die Umsetzung des Verbots der äußerst umweltschädlichen Schleppnetzfischerei ein. Bis einschließlich 2007 machte dieses Verfahren noch 13 Prozent der nationalen Produktion aus und wurde überwiegend von ausländischen Unternehmen dominiert. Das Verfahren reduzierte die Fischbestände im Küstenbereich derart, dass traditionelle Fischer immer mehr in die Krise gerieten. Im Jahr 2009 konnte dessen Einsatz auf 4,2 Prozent reduziert werden.

Ebenso gibt es – zumindest auf dem Papier – positive Ergebnisse im verarbeitenden Bereich zu verzeichnen. Beispielsweise weisen die staatlichen Thunfischproduzenten eine maximale Gewinnspanne von 12,5 Prozent auf – im Gegensatz zu bis zu 170 Prozent bei hauptsächlich ausländischen Privaten. Dieses Geld bleibt in der Theorie im Land und soll gerecht verteilt werden. Alle Arbeiter der CVAL-Produktionseinheiten beziehen Sozialversicherungsleistungen, Renten und Weihnachtsgeld. Außerdem sehen die Zielbestimmungen der sozialistischen Verwaltung (Gestión Socialista) eine Demokratisierung des Arbeitsalltags durch Arbeiterräte und Mitbestimmung in den Fabriken vor.

Weiterhin soll die Etablierung der oben erwähnten mercados comunales als erster Schritt dazu dienen, die Bevölkerung in Produktion und Vertrieb mit einzubeziehen.

Auch in La Gaviota hat sich zunächst eine solch positive Entwicklung abgezeichnet. In der letzten, durch extreme Sparmaßnahmen geprägten Phase der privaten Eigentümerschaft brach unter der Arbeiterschaft starker Unmut aus. Die Arbeit fand unter miserablen Bedingungen statt. Ohne Ventilation, auf Sitzgelegenheiten ohne Lehne, mit kaum einer Handvoll von Arbeitsschutzbestimmungen und in zwölfstündigen Arbeitsschichten beutete die ehemalige Fabrikbesitzerin die Belegschaft schamlos aus. Wenn keine Primärrohstoffe für die Produktion zur Verfügung standen, wurden die nach Stunden bezahlten Arbeiter nach Hause geschickt. Investitionen in die Bausubstanz oder die technische Ausstattung der Fabrik gab es beinahe überhaupt nicht. Es kam zu mehreren monatelangen Streiks und schließlich symbolisch am 1. Mai 2009 zur Übernahme durch den Staat, und zwar durch die Verbraucherschutzbehörde INDEPABIS.

Die Regierung hatte ein Interesse daran, der Öffentlichkeit zu zeigen, welche Vorteile ihre Intervention bedeutet. So stellte man binnen kürzester Zeit 50 Prozent Produktivität her, erhöhte die Löhne und garantierte die Gesundheitsversorgung der Belegschaft. Man versuchte sogar zu zeigen, dass die Arbeiter in der Lage sind, die Integrität der einzelnen administrativen und körperlichen Tätigkeiten des Produktionsprozesses zu verstehen und die Produktion auf demokratische und völlig selbstbestimmte Art und Weise eigenständig zu organisieren. Die staatlichen Beauftragten führten eine Arbeiterversammlung ein. Sie veröffentlichten die Produktionsstatistiken, Einkaufs- und Verkaufslisten und führten die Arbeiter in die Buchhaltung ein. Sie zogen mit ihnen in die Barrios auch außerhalb von Cumaná und verkauften die Produkte zu humanen Preisen an die ärmste Bevölkerung. In freiwilligen Arbeitseinsätzen renovierten und verbesserten sie die Arbeitsbedingungen innerhalb der Fabrik. Sie organisierten Feste und Kulturevents, brachten die staatlichen Bildungsprogramme und einmal sogar Chavez selbst in die Fabrik und studierten mit einer Gruppe von Arbeiter ein Theaterstück ein, das die Fabrikübernahme darstellt und das es bis nach Caracas zur Aufführung geschafft hat.

Typische Probleme bei der Umsetzung

Was man in der Gaviota aus dem nichts erschaffen wollte, stand in den Statuten von PESCALBA bereits schwarz auf weiß: Gestión Socialista. So übergaben die INDEPABIS-Beauftragten nach ihrer neunmonatigen Interventionsfrist die Fabrik an PESCALBA und damit an die CVAL.

Diese Entwicklungen ließen 2009 große Hoffnungen in der Bevölkerung erwachsen. Die komplexe soziale Realität sieht in vielen Fällen heute jedoch ganz anders aus. In der traditionellen Fischerei gibt es oftmals Kleinunternehmer, die viele Boote haben und die Preise ihrer Waren sehr niedrig halten können. Für andere Fischer, die einzeln und in kleinem Umfang arbeiten, bedeutet das wiederum ein Leben am Existenzminimum. Verarbeitende Fabriken, wie La Gaviota kaufen ihnen ihre Waren ab (täglich 15 Tonnen), bezahlen aber erst mit eineinhalb monatiger Verspätung, was die wirtschaftliche Situation für die Fischer noch weiter verschlimmert.

Auch in den staatlichen Projekten entspricht nicht alles dem, was die politischen Statuten vorgeben. Geradezu symbolisch für die Diskrepanz zwischen Diskurs und Praxis ist hierbei die Rolle der Gestión Socialista in PESCALBA. Sie steht zwar im Unternehmensorganigramm direkt unter dem Präsidenten und hat die große Aufgabe in allen 17 Fabriken landesweit Arbeiterräte, Sozialmaßnahmen und Bildungsprogramme zu installieren, aber verfügt lediglich über ein kleines Büro mit zwei alten Rechnern, vier Angestellte, zwei Praktikantenstellen und nicht einmal über ein eigenes Budget. In einigen der Fabriken ist sie gar nicht erst präsent.

PESCALBA weist auch einen gravierenden Geburtsfehler auf: Die Tatsache, dass der Staat die Firma in kürzester Zeit und mit enormem finanziellen Aufwand aus dem Boden gestampft hat, ist unter Umständen der Identifikation mit dem Betrieb abträglich. Stets werden von verschiedenen Seiten Diebstähle und Korruptionsakte beklagt. Das schwerwiegendste Beispiel sind die beiden Hochseemakrelenfangboote "Simón Bolívar" und "José Martí", die 2010 für insgesamt 73 Millionen US-Dollar gekauft wurden. Beide haben je ein Gefrierlager mit einer Kapazität von bis zu 2.300 Tonnen. Die "Simon Bolivar" liegt seit geraumer Zeit im ecuadorianischen Hafen von Manta in Reparatur und hat noch nicht einen Fisch gefangen. Die "Jose Marti" wird ebenso seit Monaten in Cumaná repariert, weil stets neue Diebstähle von Schiffsteilen gemeldet werden. Ebenso verhält es sich mit LKW-Reifen und Portokassen.

Und auch in La Gaviota hat sich seit der Übernahme durch PESCALBA nur wenig an der Unternehmensrealität verbessert. Mit der Verstaatlichung übernahm die alte Betriebsgewerkschaft weitestgehend die Kontrolle über die Produktion und den Vertrieb. Die Gewerkschaft, welche vor der Nationalisierung mit der Unternehmensleitung paktierte, setzt nun die staatliche Verwaltung unter Druck. Die konkreten Arbeitsbedingungen blieben beim Status quo und die durch INDEPABIS implementierten Errungenschaften wurden weitgehend rückgängig gemacht. Die Produkte, die laut Dekret und Unternehmenssatzung zu subventionierten Preisen über die staatlichen Vertriebsnetze wie Mercal und PDVAL billig an die regionale Bevölkerung verkauft werden sollen, sind in Cumaná nicht erhältlich. Stattdessen erwirbt man sie zum 8-fachen Preis in westvenezolanischen und kolumbianischen privaten Supermärkten.

Diese Bilanz ist leider kein Einzelfall für die Region um Cumaná. Auch andernorts in Venezuela ergeben sich trotz aller fortschrittlichen Bestrebungen Komplikationen ähnlicher Natur. Es bleibt daher in der Hand der Akteure aus der Bevölkerung und in der Verantwortlichkeit der staatlichen Institutionen, die politischen Zielsetzungen und rechtlichen verankerten Errungenschaften zu verwirklichen.

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