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Kolumbien nach dem Kaffee-Streik

Mit ihrem landesweiten Streik erkämpften die Kaffee-Bauern eine Verdreifachung der Subventionen. Langsam normalisiert sich der Alltag in den bestreikten Gemeinden
Leere Regale in den Supermärkten von Popayán

Leere Regale in den Supermärkten von Popayán

Die Blockaden werden beiseite geräumt, die Zelte abgebrochen. Langsam kehren die Kaffeebauern wieder auf ihre Äcker zurück. Manchmal gewalttätig zur Eile gezwungen von der berüchtigten Polizeieinheit ESMAD, doch die meisten gehen freiwillig. Nach zwölf Tagen ist der Streik der kolumbianischen Kaffeebauern zu einem Ende gekommen. 

Wegen widriger Arbeitsbedingungen und jahrzehntelanger staatlicher Vernachlässigung ging man auf die Straße. Der Kampf ist nun vorbei. Vorerst. Regierungsmitglieder und Vertreter der Bewegung für die Verteidigung und die Würde der kolumbianischen Kaffebauern erzielten nun eine Einigung, welche die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Streikenden verbessern soll.

Die Subventionen pro 125 Kilogramm Kaffee werden von 45.000 Pesos auf 145.000 verdreifacht. Außerdem werdn Mindest- und Höchstverkaufspreise festgelegt. Fällt der Preis auf unter 480.000 Pesos, steigen die staatlichen Zuzahlungen automatisch auf 165.000 Pesos an. Übersteigt der Preis 700.000 Pesos, entfällt die staatliche Unterstützung. Die Preise werden jeweils von der Nationalen Vereinigung der kolumbianischen Kaffeebauern veröffentlicht. 

Ein weiteres Ergebnis ist die Übereinkunft, dass ein Runder Tisch mit tatsächlicher Entscheidungsmacht eingerichtet wird, der an 90 Tagen im Jahr zusammenkommen soll. Diesem sollen Repräsentanten der Bewegung der Kaffeebauern und Regierungsmitglieder angehören. Des Weiteren soll das Kreditsystem besser überwacht und modernisiert werden. Dazu sollen sich der Direktor der Agrarbank und Vertreter der Verhandlungsdelegation treffen, um zu analysieren, was man mit den Krediten machen kann. "Die Regierung will denjenigen Bauern helfen, welche hohe Zinsen zahlen oder stark von den Preisen abhängig sind", verkündete Vizepräsident Angelino Garzón. Laut Angaben der spanischen Zeitung El Pais haben die kolumbianischen Kaffeebauern über zwei Billionen Pesos an Schulden angehäuft. 

Der Sieg war hart erkämpft. Laut ACIN (Vereinigung von indigenen Gemeinden im Norden Caucas) kam ein Bauer ums Leben, mehr als 70 wurden verletzt. Zufrieden ist man mit dem erreichten Ergebnis nicht. Die Subventionen werden als Notlösung bezeichnet. "Gibt es keine sofortigen Mittel, welche eine andere Realität schmieden können für die Produktivität der Kaffeeindustrie wie zum Beispiel technische Unterstützung, Unternehmensbegleitung und Erntesicherheit? Doch natürlich ist dies viel schwerer als einen Scheck zu unterschreiben und die ganze Verantwortung auf das Konjunkturproblem der Wechselkurse abzuladen", schrieb die Vereinigung auf ihrer Internetpräsenz. Für sie war dies erst das erste Kapitel der Proteste. Es gehe nicht so sehr um die Subventionen, eher um das Wirtschaftsmodell des Freihandels an sich. "Es bleibt klar, dass es weder Gegenwart noch Zukunft gibt unter diesem Modell", heißt es weiter. 

Vorerst ist etwas Ruhe eingekehrt. Die Zugangsstraßen in den acht betroffenen Bundesländern wurden geräumt, der Verkehr kann wieder fließen. Auch Popayán, die Hauptstadt Caucas, ist wieder frei. Seit Beginn des Streiks am 25. Februar war die Stadt im Süden Kolumbiens von der Außenwelt komplett isoliert. "Langsam kehrt wieder die Normalität zurück", sagt Nathale Castro Arroyave. In ihren Augen erschien Popayán in den Tagen der Blockade wie eine Geisterstadt. Sie erklärt: "Der Benzinpreis ist um das Dreifache gestiegen. Wer ein Auto hatte, fuhr nur noch die nötigsten Strecken." Der öffentliche Nahverkehr wurde auf ein Minimum begrenzt. Bahnten sich sonst Busse ihren Weg durch die engen Gassen des Zentrums, herrschte in den Tagen des Streiks gähnende Leere. Still wurde es in der Stadt. Die monotone Ruhe wurde nur durch das Starten und Landen der großen Herkulesmaschinen unterbrochen, welche die Einwohner mit dem Notwendigsten versorgten. 

Nicht nur Benzin auch Lebensmittel wurden knapp. Viele Einwohner fanden sich vor leeren Regalen in den Supermärkten wieder. Selbst der größte öffentliche Marktplatz erschien wie ausgestorben. Wo sonst alles durcheinander ruft, um seine Produkte an den Mann zu bringen, konnte man eine Stecknadel fallen hören. 

"Es ist wirklich besorgniserregend, wie abhängig wir von anderen Städten sind, und wie groß der wirtschaftliche und politische Rückstand sind", beschreibt Martha Giraldo die Situation. Sie ist Politikstudentin an der Universität Cauca. "Wie immer sind diejenigen am stärksten betroffen, die von der Hand in den Mund leben. Oder sagen wir, die Ärmsten aus Popayán." 

Nahezu alle Bewohner stellte die Blockade vor große Probleme. Da man nicht wusste, wann der Streik zu Ende ist, herrschte stets Ungewissheit. Arbeiter konnten nicht bezahlt werden. Universitäten und Schulen, öffentliche als auch private, hatten geschlossen. Man befürchtete sogar, dass das Semester annulliert wird. 

Der Streik hat die Bewohner Popayáns in drei Lager gespalten. "Viele befürworten den Protest und zeigen Verständnis für die Situation, in der sich die Bauern befinden. Dies sind vor allem Mitglieder oder Unterstützer von Organisationen, die sich vorher schon mit sozialen Problemen befasst haben", erklärt Martha Giraldo. Andere wollten nur, dass die Isolierung aufhöre und das normale Leben weitergeht. Sie sahen sich eingeschränkt in ihrer individuellen Freiheit. "Das dritte Lager lehnte den Protest aus politischen Gründen ab. Diese befinden sich vor allem im konservativen Lager und befürworten die Politik von Santos und übersehen dabei, vor welchen Problemen die Bauern stehen", schließt die 21-jährige ab. 

Nun ist der Streik zu Ende. Der Blick wird nach vorne gerichtet. Schon laufen die Vorbereitungen der Osterprozessionen, für die Popayán berühmt ist. Bürgermeister Francisco Fuentes kündigte bereits an, dass sich die Stadt so schnell wie möglich von den Schäden erholen werde. "Nun haben wir eine größere Herausforderung vor uns, nämlich die Wirtschaft wiederherzustellen. Darum müssen wir uns vereinigen und von der Nationalregierung die Investition einfordern, welche sie von je her Popayán und Cauca schuldet."

Doch sieht man nicht nur die negativen Aspekte des Streiks. "Auch wenn die Blockade den Leuten viel Geld gekostet hat, gab es auch Vorteile: Immerhin hat sich die Luft in Popayán deutlich verbessert", verkündet Nathale Castro mit einem Hauch Ironie.

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