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In (nicht ganz) stiller Trauer

Wie journalistische Ethik und Anstand bei der Aargauer Zeitung dahinschied

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Dohners Beitrag
Dohners Beitrag

"Bitte keine Trauer" titelte der Schweizer Journalist Max Dohner in einer Kolumne über den Tod Tomás Borges, des ehemaligen Guerillakommandanten und Politikers der FSLN in Nicaragua. Dohner wirft in der Aargauer Zeitung einen "Seitenblick ins Leben eines Mannes, der dichtete und vom 'Frieden' sprach mit bluttriefenden Händen". Er verbreitete diesen Text in einem regionalen Monopolblatt mit auffälligem Ausdehnungstrend in die gesamte Nordwestschweiz.

Seit Jahr und Tag "profiliert" sich dieser Autor gleich einem Hassprediger gegen alle Bemühungen um mehr Gerechtigkeit in Lateinamerika. Bevorzugte Zielscheiben sind ihm dabei Kuba, Venezuela und Nicaragua.

Besonders gut eignet sich dazu die prominent platzierte Bildkolumne. "Dohners Seitenblick" zeigte nun die alte Kathedrale von Managua: "Hier stand Tomás Borge am 19. Juli 1979 im Jubel, Tag seines Sieges." Gleich daneben folgt die Aufforderung: "Bitte keine Trauer". Weiter heißt es im Text, Borge sei nach 1979 Chef des Innenministeriums gewesen: "'Ministerio del Terror', wie das Volk sagte, wenn die 'Augen und Ohren der Revolution' nicht in der Nähe waren." Dohner hält sich also schon für die Stimme des gesamten nicaraguanischen Volkes und schreibt sich in Rage:

"Aufpasser in der Nachbarschaft. Ein System, das Borge aufzog mithilfe Kubas und der DDR, eine Erfindung der Nazis. Borge, der Heuchler und Lyriker: ‚Wir kämpfen gegen den Yankee, Feind der Menschheit’, dichtete er in seiner Parteihymne. Borge, der Kriegshetzer im Namen des ‚Friedens’: Tausende von Opfern nahm er in Kauf, um sich im Sattel zu halten. (...) Ein ausgemachter Schurke. Das Land verordnete dreitägige Trauer. Wir teilen sie mitnichten."

Was nur ist es, das einen Journalisten alle berufsethischen Prinzipien über den Haufen werfen und dem Hass hemmungslos freien Lauf lassen lässt? Offenbar war es eine unverarbeitete persönliche Erfahrung nach dem Sieg der Sandinisten. "Nicaragua war auch ein Glaubenskrieg", schrieb Dohner in der linksliberalen Wochenzeitung am 5. Dezember 2006: "Es ist verwunderlich, welche Temperatur heute noch aus diesen Erinnerungen steigt, als wäre der Herd darin nie wirklich ausgeglüht: Das uralte Dilemma, die immer gleiche intellektuelle Krise oder Not, sich an einer Weggabelung entscheiden zu müssen – nach links oder nach rechts?"

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Konnte sich Dohner damals nicht zwischen Somoza und Sandino entscheiden? Heute hat er klar Position bezogen. An der Seite reicher Verleger. Der britische Historiker Tariq Ali schreibt in seinem Buch "Piraten der Karibik – Die Achse der Hoffnung":

"Die Linke, die Antikriegsbewegung, die Hand voll kompromissloser Journalisten, deren Stimme in den Mainstream-Medien überhaupt noch zu Gehör kam (…) verlachten den gemeinen Zynismus dieser Neoimperialisten und ihre Rolle als verräterische Wendehälse. Diese Beschreibung führte dazu, dass die Betroffenen in ihrer Wut ihrem Opportunismus noch eine große Giftigkeit hinzufügten. Nicht wenige bisher eher konfliktscheue, weinerliche Journalisten und Wissenschaftler wandelten sich über Nacht in Kämpfer für die imperiale Sache, die sich anstrengten, ihren neuen Herren zu gefallen, und dadurch oftmals rüpelhafter und streitsüchtiger wurden als diejenigen, denen sie dienen."

Im vorliegenden Fall führt die Rüpelhaftigkeit sogar dazu, dass das Prinzip "De mortuis nil nisi bene" als wohl letztes Gebot journalistischer Berufsethik auch noch auf der Strecke bleibt. Wenn man über einen Toten nichts Gutes zu berichten will, dann soll man wenigstens berücksichtigen, dass er sich nicht mehr wehren kann. Oder eben für immer schweigen.

PS: Wie Nicaraguas Menschen tatsächlich auf den Tod von Tomás Borge reagierte, sehen Sie hier.

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