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06.06.2013 Kuba / USA / Politik

Cuban Five: "Wir haben niemandem geschadet"

Interview mit René González, einem ehemaligen kubanischen Spion, der aus US-Haft entlassen wurde
René González

René González

Quelle: Raquel Pérez
Lizenz: http://cartasdesdecuba.com/conversando-con-el-espia-que-regreso-de-miami/

Am 12. September 1998 zerschlug das FBI ein Netz kubanischer Spione, die sich in Miami niedergelassen hatten, um anticastristische Gruppen zu überwachen. Mehrere von ihnen verhandeln mit der Staatsanwaltschaft und reduzieren dadurch ihr Strafmaß. Aber fünf Agenten weigern, sich auf einen Deal mit den US-Behörden einzulassen. Daher waren ihre Strafen die härtesten, bis hin zu lebenslangem Freiheitsentzug.

Einer dieser fünf Kubaner ist der Pilot René González, der nach 14 Jahren Haft erst kürzlich aus den Gefängnissen der USA entlassen worden ist. Er hat sich bereit erklärt, über sein Leben als Agent, seine Aktivitäten in den USA und seine Tage im Gefängnis zu sprechen.

Warum haben Sie sich darauf eingelassen, zum Spionieren in die USA zu gehen?

Als Kubaner meiner Generation bin ich unter der Bedrohung des Terrorismus gegen Kuba aufgewachsen. Dabei erinnere ich mich an die Entführungen von Fischern, die häufig durch terroristische Gruppen aus Miami ermordet wurden. Ich befand mich unter den Millionen von Menschen, die die Überreste der Märtyrer von Barbados verabschiedet haben, als ein Flugzeug der (Fluggesellschaft) Cubana zum Absturz gebracht wurde. Daher zweifelte ich nicht, als ich darum gebeten wurde es zu tun. Es schien mir meine Pflicht als Patriot zu sein.

Ist es denn ethisch vertretbar, zum Spionieren in ein anderes Land zu gehen?

Ich glaube, dass es ethisch ist, sich zu verteidigen, wenn man angegriffen wird und das ist es, was ich getan habe. Wir sind viele Jahre lang von der größten Macht der Welt angegriffen worden und haben das Recht, uns zu verteidigen, immer vorausgesetzt, dass wir dem nordamerikanischen Volk keinen Schaden zufügen. Wir haben in keinem Falle irgendjemandem geschadet. Wir haben nur unser Recht auf Selbstverteidigung ausgeübt.

Als Sie dieses Doppelleben geführt haben, werden Sie ja auch anständige Leute kennengelernt haben. Hatten Sie nicht das Gefühl, sie zu betrügen?

Der Faktor Mensch ist kompliziert. In all diesen Gruppen gibt es auch gute Menschen, die an das glauben, was sie tun, die manipuliert wurden oder die Vorurteile haben. Du erkennst sie, du machst die Erfahrung, wer eine menschliche Qualität besitzt und wer nicht. Du merkst, dass viele dieser Menschen unter anderen Umständen bei uns geblieben wären, und du behandelst sie mit der Zuneigung, die sie verdienen.

Ich möchte niemanden beim Namen nennen, um niemandem dort zu schaden, aber ich habe Menschen kennen gelernt, darunter schon ältere Menschen, die Offiziere in der Armee von Batista waren, die mich immer noch wie einen Sohn betrachten und ich sehe sie, als ob sie meine Eltern wären.

Was für Informationen haben Sie gesucht? Und warum haben einige von Ihnen in einer Militärbasis gearbeitet?

Es gab einen Genossen, der auf einer Militärbasis war, der gab öffentlich zugängliche Informationen weiter. Er hat niemals auf vertrauliche Dinge zugegriffen, nie danach gesucht. Er sammelte alle öffentlich zugänglichen Informationen über die Basis von Cayo Hueso (Key West), weil diese Basis Anhaltspunkte über eine mögliche Aggression gegen Kuba geben konnte.

Und womit beschäftigten sich die anderen?

Gerardo war derjenige, der die Aktivitäten koordinierte, ich persönlich war in verschiedene Gruppen infiltriert wie Hermanos al Rescate, Democracia, Comando de Liberación Unido und andere. Ich habe eine Menge Gruppen durchlaufen, weil jedem der ein kleines Flugzeug braucht, auch ein Pilot fehlt und ich war dafür zu haben.

Wenn wir gerade von den Hermanos al Rescate sprechen: Gerardo Hernández wird die Schuld am Tod vier ihrer Piloten gegeben. Hatten Sie damit zu tun?

Wir hatten nichts damit zu tun. Ich würde vielmehr sagen, dass es die größte Vermessenheit der Staatsanwaltschaft gewesen ist, den Anklagepunkt der Hermanos al Rescate einzubringen, um das Verfahren zu politisieren. Sie konnten Gerardo sogar nicht einmal des Mordes, sondern nur der Verschwörung zum Mord beschuldigen bzw. sich mit anderen Personen zusammen getan zu haben, in diesem Fall mit der Regierung Kubas, um einen Mord zu begehen. Die hätte die Tötung eines Menschen außerhalb Kubas bedeutet. Keiner der beiden Punkte konnte jedoch bewiesen werde.

Woher kommt dann diese Härte bei den Strafen?

Das geht über das Verfahren hinaus und liegt an der Verbitterung gegenüber Kuba. Ich würde sagen, es handelt sich um Rache für all den Widerstand von Seiten Kubas. Die Besessenheit der nordamerikanischen Regierung ist geradezu krankhaft und führte zu den irrationalen politischen Maßnahmen der letzten 50 Jahre.

Die Strafen beruhen auf einer irrationalen Entscheidung: die Unterordnung der Staatsanwaltschaft gegenüber den Terroristen, die Miami kontrollieren. Dabei rühmte sich der Chef des FBI selbst auch noch des Umgangs mit diesen Elementen.

Wenn dem so war, warum hat die kubanische Regierung dann dem FBI die Information gegeben, die Ihre Festnahme ausgelöst hat?

(Der Schriftsteller) Gabriel García Márquez war der Übermittler, durch den im Jahre 1998 die Einladung an zwei Beamte des FBI erfolgte. Ihnen wurde angeboten, im Kampf gegen den Terrorismus mit Kuba zusammenzuarbeiten. Ihnen wurden Beweismitteln übergeben. Es sind aber nicht die ihnen von Kuba übergebenen Informationen, die zu unserer Festnahme führten. Aus der Beweislage lässt sich ableiten, dass wir bereits unter Beobachtung standen.

Außerdem glaube ich, ethisch betrachtet, dass der Kampf gegen den Terrorismus beide Regierungen über alle ideologischen Differenzen hinweg vereinen müsste. Dabei bin ich damit einverstanden, mit jeder anderen Regierung zusammen zu arbeiten.

Hat man Ihnen angeboten, zu verhandeln? Warum haben Sie das nicht angenommen?

Ja, natürlich, abgesehen davon haben sie gute Geschäfte angeboten. Einem haben sie eine Strafe vom fünf Jahren gegeben, der war wegen der gleichen Delikte angeklagt wie Antonio Guerrero. Sie hätten ihm also auch lebenslänglich gegeben.

Aber du musst dich als Mensch erniedrigen. Wenn sie dir einen Deal anbieten, sagen die nordamerikanischen Staatsanwälte zu dir: Wenn du im Zeugenstand nicht lügst und wenn du nicht tust, was man dir sagt, dann stirbst du im Gefängnis. Du musst dich entscheiden, ob du lügst oder nicht.

Du kannst nicht darüber hinwegsehen, dass du als Werkzeug dazu benutzt wirst, um dein Land anzuklagen und es anzugreifen, um ein Dossier gegen Kuba anzulegen. Ein kubanischer Agent, der alles akzeptiert, was die Staatsanwälte gegen Fidel, gegen die kubanische Regierung, gegen Raúl vorbringen wollen, wäre ein weiteres Element gewesen, um dieses Dossier zu erweitern.

Wir sprechen also von zwei Elementen, die sehr wichtig sind. Zum einen deine Würde als Mensch und da zum anderen die Verteidigung Kubas. Wir haben eine Mission angetreten, die uns hätte das Leben kosten können, nicht nur unsere Freiheit. Und wir haben dies getan, um das kubanische Volk zu verteidigen.

Wie war die Behandlung im Gefängnis?

Während wir vor Gericht standen, haben sie uns im Bestrafungstrakt des Gefängnisses in Isolation gehalten. Dort waren wir 17 Monate lang. Man hat uns wirklich mit großer Härte behandelt. Auch unsere Familien wurden sehr schlecht behandelt. Man hat mir verboten, meine Töchter zu sehen. Die medizinischer Versorgung war miserabel. Sie haben versucht, uns zu brechen. Aber wir hatten genügend moralische Kraft.

Wenn du erst mal aus Miami heraus kommst, schwindet das politische Motiv. Du bist nur noch irgendein Gefangener. Es ist ein Verbrechen, dass sich Gerardo in einem Hochsicherheitsgefängnis befindet, weil es in diesen Haftanstalten viel Gewalt gibt, mit sehr gefährlichen Auseinandersetzungen zwischen Banden.

Ich hatte Glück, weil ich in ein mittleres Gefängnis im Osten der USA geraten bin, wo die Banden nicht so häufig und gewaltsame Vorfälle seltener sind.

Glauben Sie, dass der Vorschlag gerechtfertigt ist, Ihre Genossen gegen Alan Gross auszutauschen?

Ich weiß nicht, ob Austausch das geeignete Wort ist. Niemand mag es verwenden. Die Politiker sind da ziemlich umständlich. Aber ich glaube, ja, die sechs Familien könnten von diesem Vorteil profitieren. Ich glaube nicht an die einseitige Entlassung einer der beiden Seiten. Das scheint mir absurd zu sein und zeigt ihre Arroganz.

Ich habe nichts gegen Herrn Gross.Ich bin der Meinung, das ein politischen Delikt mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet werden sollte, wenn es sich nicht um ein grausames Verbrechen handelt, weil dahinter andere Motive stehen, die ich von jeder Seite respektiere. Ich würde es begrüßen, wenn man eine Lösung fände und besonders, wenn sich die beiden Regierungen zusammensetzten und alle Probleme klären könnten, die sie miteinander haben.

Warum werden Sie nicht ausgetauscht wie man es mit den russischen Spionen getan hat?

Wayne Smith, der einer der hiesigen Botschafter der USA gewesen ist, sagt, dass Kuba bei der US-amerikanischen Regierung die gleiche Reaktion auslöst, wie der Vollmond bei einem Wolfsmenschen.

Kuba durchbricht ein Schema kontinentaler Vorherrschaft, das bis zum Sieg der Revolution nicht in Frage gestellt werden konnte. Daher rührt die Wut. Kuba wird gehasst wegen Playa Girón, wegen der Oktoberkrise, weil es existiert und weil es ein Beispiel darstellt.

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04.05.2013 Nachricht von Harald Neuber