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Papst Franziskus und die Volksbewegungen – Die Bedeutung einer historischen Annäherung

Der Papst wolle Brücken zu den sozialen Bewegungen der ganzen Welt schlagen, schreibt João Pedro Stedile von der Landlosenbewegung (MST) aus Brasilien
Plakat zum zweiten Welttreffen der Volksbewegungen vom 7. bis 9. Juli 2015 in Bolivien. Dabei ist auch eine Zusammenkunft mit Papst Franziskus geplant

Plakat zum zweiten Welttreffen der Volksbewegungen vom 7. bis 9. Juli 2015 in Bolivien. Dabei ist auch eine Zusammenkunft mit Papst Franziskus geplant

Quelle: alainet.org

Mit seinen Stellungnahmen und Verkündigungen in Bezug auf die Ungerechtigkeiten innerhalb der Menschheit und mit seiner Positionierung zugunsten der Ärmsten, der Arbeiter und der Ausgegrenzten hat Papst Franziskus seit dem Beginn seines Pontifikats die Aktivisten der weltweiten Volksbewegungen im Unterschied zu seinen beiden Vorgängern angenehm überrascht.

Gerade die Tatsache, dass er, bei aller Symbolträchtigkeit, die die Person des Heiligen Franziskus von Assisi für das Verhalten der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche in sich birgt, den Namen Franziskus gewählt hat, stellt für sich genommen ein historisches und revolutionäres Ereignis dar. Kein anderer Pontifex hatte bisher den Mut aufgebracht, Franziskus von Assisi zu ehren.

Bei allen Angelegenheiten, zu denen sich der Papst geäußert hat – sei es zum Krieg in Syrien, zum Hunger, zur Migration der Afrikaner nach Europa, oder zur Frage der Arbeitslosigkeit, zu den Obdachlosen, etc. – hat er dies immer mit einer deutlichen und festen Position getan. Er fürchtete sich nicht davor, auf Schuldfragen hinzuweisen, wobei er die frühere diplomatische Einstellung aufgab, welche die Haltung des Vatikans rechtfertigte, immer auf Seiten der Mächtigen und auf Seiten internationaler Organismen zu stehen.

Andererseits war er auch vom ersten Moment an bemüht, Veränderungen anzustoßen, die zu einem Prozess innerer Demokratie innerhalb der Gremien des Vatikan führen, die zu wahren zentralisierten Monarchien geworden waren, wobei er zugleich mutige Sanktionen gegen jene Mitglieder der Kirche verhängt hat, die in kriminelle Handlungen verstrickt waren, die man aber früher unter den Teppich gekehrt hatte.

Der Dialog mit den sozialen Bewegungen

Mit den Winden des Wandels begannen wir vom zweiten Halbjahr 2013 an Veränderungen zu bemerken, die darauf hinwiesen, dass der Papst Brücken zu den sozialen Bewegungen der ganzen Welt schlagen wollte. Da er historische Verbindungen zu den Bewegungen prekärer Arbeiter in Argentinien besaß, initiierten wir über diese die ersten Dialoge darüber, auf welche Weise man ein weltweites Zusammentreffen von Volksbewegungen organisieren könnte.

Ende 2013 führten wir im Vatikan unter Beteiligung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden verschiedene Gespräche, um den Willen von Papst Franziskus Wirklichkeit werden zu lassen. Wir führten ein erstes Seminar durch, um die Gründe der sozialen Ungleichheiten in der Welt zu erörtern und zu besprechen, wie wir diese von Seiten der sozialen Bewegungen einschätzen.

Später brachten wir den Vorschlag von neun mit der internationalen Organisation Vía Campesina verbundenen Wissenschaftlern aus allen Teilen der Welt ein, der dem Papst die Gründe zu erläutern versucht, warum genveränderte Samen und agrarische Giftstoffe auf weltweiter Ebene eine Gefahr für Mensch und Natur darstellen.

In dieser Abfolge eines permanenten Dialogs veranstalteten wir mit Papst Franziskus im Oktober 2014 ein Welttreffen der Volksbewegungen. Im Zuge der Vorbereitung des Treffens wurde einvernehmlich vereinbart, dass sich die vertretenen Gruppen aus Volksbewegungen zusammensetzen sollten, die sich organisiert haben, um für die Klärung von drei grundlegenden menschlichen Rechten zu kämpfen: Land, um zu sähen, ein Dach über dem Kopf und eine würdige Arbeit. Außerdem wurde in unseren Äußerungen deutlich, dass wir überkommene Vorstellungen sowohl von internationalen Mechanismen als auch von Repräsentationen der Kirche meiden müssen, da diese bereits andere Räume besitzen, um sich auf internationaler Ebene auszudrücken.

Auf diese Weise trafen wir uns unter Teilnahme von über 180 Vertretern von Arbeiterbewegungen aus der ganzen Welt, die eine breite Vielfalt von religiösen Überzeugungen, Ethnien, Arten von Menschen und Jugendlichen und sexueller Orientierung vertreten und geographisch alle Kontinente repräsentieren. Von Seiten des Papstes oder des Vatikans wurden keinerlei Bedingungen gestellt.

Das Treffen war von historischem Charakter. Zum ersten Mal in der Geschichte des Vatikans traf sich der Papst mit Vertretern von Volksbewegungen. Wir versammelten uns im Saal der alten Synode, der jahrhundertelang nur von Kardinälen benutzt worden war. Er selbst gestand offen ein, dass er nie zuvor an diesem Ort gewesen war. Dort analysierten wir die Probleme, denen sich die Arbeiterinnen und Arbeiter ausgesetzt sehen, sowie deren Ursachen und die Vorschläge, um Auswege zu finden.

In seinen Ausführungen vertrat Papst Franziskus einen programmatischen Abriss unseres gesamtem Kampfes, in dem wir darauf beharren müssten, dass es unter den Menschen keinen Bauern ohne Land, keinen Arbeiter ohne würdige Arbeit und keine Familie ohne würdige Wohnung mehr geben dürfe!

Nun werden wir am 9. Juli 2015 in Santa Cruz de la Sierra, in Bolivien aus Anlass seines Besuches erneut zusammenkommen. Die Vertretung der Volksbewegungen wird mit circa 1.500 Compañeras und Compañeros - hauptsächlich aus Südamerika - noch größer sein, wobei dieselben Ziele verfolgt werden: Wir wollen über unsere Realität nachdenken und nach wirklichen Lösungen suchen, die dazu beitragen können, eine egalitärere, gerechtere und geschwisterlichere Gesellschaft aufzubauen.


João Pedro Stedile ist Mitglied der Nationalen Koordination der Landlosenbewegung (MST) und des brasilianischen Zweiges der internationalen Organisation der Bauern und der Landbevölkerung Vía Campesina.

Der Artikel wurde in der Ausgabe Nr. 505 (Juni 2015) der Zeitschrift "América Latina en Movimiento" mit dem Titel "Francisco y los movimientos populares: Tierra, Techo y Trabajo" erstveröffentlicht: http://www.alainet.org/es/revistas/170627

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