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Lateinamerika bei der FIFA-WM der Männer in Russland

Die Topfavoriten aus Südamerika, Brasilien und Argentinien, konnten bisher nicht überzeugen, Kolumbien dagegen fand im zweiten Spiel wieder in die Spur
Logo der FIFA-WM der Männern2018 in Russland

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Quelle: FIFA
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Stark sind die südamerikanischen Teams seit jeher. Alle bisherigen Weltmeister stammen entweder aus Europa oder Südamerika. Elfmal gewann ein europäisches Team, neun Mal reckte ein südamerikanisches Team den Pokal in die Höhe. Rekordweltmeister Brasilien bereits fünf Mal. Nach dem Debakel bei der WM 2014 im eigenen Land, wo sie im Maracana Stadion eine ganz bittere 7:1 Niederlage gegen Deutschland einfuhren, streben sie in Russland ihren sechsten Titel an. Die Wettbüros haben sie als möglichen Weltmeister auf dem Zettel. Dort findet sich neben der Seleção, wie das brasilianische Team genannt wird, auch die Albiceleste Argentiniens. Beide konnte die hohen Erwartungen bisher nicht erfüllen. Brasilien kam gegen starke Schweizer nicht über ein 1:1 Unentschieden hinaus und bei dem Spiel gegen Außenseiter Costa Rica bewahrten zwei Tore in der Nachspielzeit die Seleção vor einer Blamage.

Zündstoff gab es in der 78. Minute. Neymar, bekannt und gefürchtet für seine Schwalben, lieferte wieder eine theatralische Falleinlage, anstatt den Ball zu spielen. Schiedsrichter Björn Kuipers (Niederlande) pfiff wie gewünscht Elfmeter. Dann trat jedoch der Video-Assistent auf den Plan. Kuipers schaute die Szene erneut, nahm den Elfer zurück und zeigte den wütenden Neymar und Coutinho Doppel-Gelb.

Selbst die brasilianischen Fans hadern zur Zeit mit ihrem Superstar und seinem Verhalten. Nichtsdestotrotz folgen ihm 60,6 Millionen Menschen auf Facebook, 92 Millionen auf Instagram und 39,2 Millionen auf Twitter. Und er bedient sein Publikum gern mit schönen Bildern und Sprüchen: "Den Kopf senken nur zum Gebet". Nachdem seine blondierten, langen Haare sofort als "Spaghetti-Haare" viel Spott auf sich zogen, ließ Neymar flugs seinen Stammfriseur aus Barcelona einfliegen, der ihm eine neue Frisur verpasste.

Was die Präsenz in sozialen Netzwerken angeht topt Messi Neymar in allen drei Kanälen. Beide liegen aber weit hinter Portugals Cristiano Ronaldo. Ein Spieler, der im Gegensatz zu den beiden Südamerikanern bisher immer lieferte.

Der fünfmalige Weltfußballer Lionel Messi, gilt in in seiner Heimat als der "Messias". Einen Titel konnte er jedoch noch nie gewinnen. Drei Finals verlor Argentinien 2014, 2015, 2016. Einmal bei der WM, zweimal bei der Copa América. Dreimal war's eng. Und diesmal?

Der zweimalige Weltmeister kam gegen die Isländer, von denen es vor dem Turnier noch hieß, dass sie keine zweiundzwanzig Leute für ein Spiel zusammenbringen, über ein 1:1 nicht hinaus. Tragisch, dass ausgerechnet Messi einen Elfmeter verschoss.

Gegen Kroatien geriet das Team dann komplett aus dem Tritt und verlor 0:3. Jede Geste Messis wird analysiert, innerhalb der Mannschaft knirscht es. Das mediale Spektakel, angeheizt von Nationalheld Diego Maradona ist unerbittlich. Noch-Nationaltrainer Sampaoli behilft sich mit Galgenhumor. Seine Kompetenzen beim Team seien dieselben wie zuvor: "Außer, dass Messi die Aufstellung macht und Mascherano die Anweisungen gibt. Ich renne nur am Spielfeldrand auf und ab und schreie mir die Seele aus dem Leib", sagte Sampaoli.

Am Dienstag steht bereits das erste Finale gegen Gruppengegner Nigeria an. Da kann Messi beweisen, dass er den Unterschied macht und sein Team zu einem Sieg führen kann.

In punkto Seifenoper machte Argentinien schon vor der WM auf sich aufmerksam. Journalisten, Funktionäre und Trainer, die zur WM reisen, bekamen vom argentinischen Fußballverband AFA ein Handbuch über "Sprache und Kultur Russlands". Darin ein Kapitel mit dem Titel "Was muss ich tun, um eine Chance bei einem russischen Mädchen zu haben?". "Weil russische Frauen schön sind, wollen viele Männer nur mit ihnen ins Bett. Vielleicht wollen sie das auch, aber sie sind Menschen und wollen sich auch wichtig und einzigartig fühlen", heißt es darin u.a.. Die zweifelhaften Ratschläge sorgten im Vorfeld für Empörung, hindern aber die vielen männlichen Fans aus aller Welt nicht daran dem Chauvinismus weiterhin zu frönen.

In der ersten Woche fielen vor allem Fans aus lateinamerikanischen Ländern negativ auf. Sie forderten Frauen auf, brasilianische und spanische Begriffe und Sätze zu rufen, die sie nicht verstehen, meist Schimpfwörter oder Bezeichnungen für weibliche Geschlechtsteile. Danach veröffentlichen sie davon Videos in sozialen Netzwerken. “Sie haben unserem Land einen Bärendienst erwiesen” kommentierte Leandro Cruz, Sportminister in Brasilien.

Russische Fans kauften die meisten Tickets, aber die Fans aus Lateinamerika besetzten die Top Ten der Ticketverkäufe ganz klar. In Argentinien warb die BBVA Bank mit einem Fankredit für die Reise nach Russland. Der Zinsatz liegt bei runden 50 Prozent. 54.031 Argentinier reisen zur WM, damit sind sie auf Platz 7 der Ticketverkäufe. Gefolgt von den Peruanern auf Platz 8 mit 43.583 Tickets und überholt von den Mexikanern auf Platz 6 mit 60.0302 Tickets.

Die Plätze 3 und 4 belegen Brasilien und Kolumbien mit 72.512, bzw. 65.234 Tickets. Platz 5 hat Deutschland inne, den 2. Platz die USA mit 88.825 Tickets. Da das US-Nationalteam sich nicht qualifizierte und Panama den Vortritt lassen musste, kann getrost angenommen werden, dass es hauptsächlich Fans lateinamerikanischer Teams sind, die hier Karten erwarben.

Großes Erstaunen und unglaublich viel positives Feedback fanden die peruanischen Fans. 25.000 waren ins beschauliche Saransk in die Republik Mordwinien gereist, Gegner Dänemark brachte lediglich 700 Fans mit. Zu sehen bekamen die peruanischen Fans jedoch nur ein unglückliches 0:1. Genau dasselbe Ergebnis bekamen sie in Jekaterinburg gegen Frankreich geliefert. 24 Torschüsse, kein einziger Treffer. Der guten Laune der Fans tat das keinen Abbruch, sie sangen einfach weiter. Und vielleicht können sie sich damit trösten, dass der Weltmeister wieder aus ihrer Gruppe stammt. Das war nämlich bei allen Weltmeisterschaften der Fall, an denen Peru bisher teilgenommen hat - 1930, 1970, 1978 und 1982.

Bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 gewann Gruppengegner Uruguay das Turnier.

Seither ist das uruguayische Nationalteam, die "Celeste" dreizehn Mal bei einer WM dabei gewesen. 1950 wurden sie Weltmeister in Brasilien. Seither schaffen sie es immer wieder bis in die Endrunde der WM, obwohl sie seit 1990 die Qualifikation immer erst im Play-off gegen die Ozeanien-Gruppe erreichten. Diesmal wurden bei der Qualifikation hinter Brasilien Gruppenzweiter. Daher gab es Hoffnung auf ansehnliche WM-Spiele, zumal Top-Spieler, wie Luis Suárez und Edinson Cavani, im Kader stehen, aber weit gefehlt. 

Im Auftaktspiel gegen Ägypten gelang ihnen in der 90. Minuten ein glückliches 1:0 durch einen Kopfball von José Maria Giménez. Im Spiel gegen Saudi-Arabien legten die Urus dann wieder den Schongang ein. Nach dem erneuten 1:0 sagte Matchwinner Suárez: "Wichtig war, dass wir gewinnen und dass wir weiterkommen. Mehr wollten wir eigentlich gar nicht. Wir sind zufrieden."

Im Gegensatz zu den Minimalisten vom La Plata trat Kolumbien auf die Tube. Im Spiel gegen Japan mussten "Los Cafeteros" schon ab der dritten Minute auf Carlos Sanchez verzichten, der wegen Handspiels vom Platz gestellt wurde. Den anschließenden Elfer verwandelte Dortmunds Shinji Kagawa. Für den Ausgleich sorgte Juan Quintero durch einen direkt verwandelten Freistoß, der durchaus umstritten war.  Der dritte Treffer fiel ebenfalls nach einer Standardsituation. Die Kolumbianer steckten jedoch nicht auf, sondern gingen ihr Spiel gegen Polen beherzt an und gewannen verdient mit 3:0. Wie schon 2014 steht auf dem Trikot im Nacken der Spieler "Unidos por un país" - "Vereint für ein Land". Die Spieler wollen sich jedoch gar nicht so gern für die Politik ihres Landes einspannen lassen, wie Antonio Casale, Autor des Fußballbuches "Pelota tricolor" (Dreifarbiger Ball) bemerkt. Hat das Land etwas für sie getan? Viele Fußballer, u.a. auch James und Falcao, sind schon als Jugendliche ins Ausland gegangen, um dort Profis zu werden.

WM-Debütant Panama hat bereits Prügel eingesteckt, aber im Spiel gegen Belgien auch mächtig ausgeteilt. Beim 3: 0 kassierten sie fünf gelbe Karten. Besser sind nur die Niederlande mit sieben Gelben in einer WM-Partie. Gegen England kassierten “Los Canaleros” sechs Treffer, schossen aber auch ihr erstes WM-Tor. Der Abwehrspieler Felipe Baloy schoss sich damit in die Geschichte Panamas und versaute England mit seinem Treffer, den sicher geglaubten Gruppensieg. Neben Saudi-Arabien ist Panama die größte No-Name-Truppe des Turniers und auch eine der ältesten, die beiden besten Torjäger werden bald 40.

Zum WM-Debüt gelangte Panama mit einem Sieg gegen Costa Rica. Ein kurioses Phantomtor, das zu keinem Zeitpunkt die Linie überquert hatte, aber dennoch gegeben wurde, besiegelte den Sieg Panamas. Costa Rica war zu diesem Zeitpunkt bereits qualifiziert. "Los Ticos", wie das Nationalteam heißt, konnten sich bereits fünfmal für eine WM qualifizieren (1990, 2002, 2006, 2014 und 2018). Bei der WM 2014 waren sie die Sensation und hätten um ein Haar das Halbfinale erreicht.

In Russland starteten sie gegen Serbien vielversprechend. Schon nach 23 Minuten mehr Schüsse aufs Tor als in der WM 2014. Trotz überragendem Torwart Navas verwandelt Abwehrspieler Kolarov einen Standard zum 1:0 Endstand.

Gegen Brasilien mussten sie in der Nachspielzeit, die bittere 2:0 Niederlage in Kauf nehmen. Somit ist klar, Costa Rica und Panama verabschieden sich nach der Vorrunde von der WM.

Sehr unwahrscheinlich hingegen ist das Aus von Mexiko bereits in der Vorrunde. Mit zwei Siegen führen sie die Gruppe F an. So überraschend, wie die deutsche Presse den Sieg des mexikanischen Nationalteams "El Tri" erachtete, war er beileibe nicht. Mexiko spielt seit Jahren konstant gut, sechzehn Endrundenteilnahmen legen davon Zeugnis ab. Überragend waren sie selten, aber diesmal haben sie gute Chancen weit zu kommen. Gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland traten sie souverän auf. Chicharito bediente Hirving Lozano, der frei vor Neuer ins kurze Eck versenkte. Ihr zweites Spiel gegen Südkorea gewannen sie mit 2:1. Somit reicht ihnen im letzten Spiel gegen Schweden ein Remis, um ins Achtelfinale einzuziehen.

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