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Erklärung des III. Welttreffens sozialer Bewegungen und Rede von Papst Franziskus

Vom 2. bis 5. November 2016 fand in Rom das III. weltweite Treffen der sozialen Bewegungen mit Papst Franziskus statt
Das dritte Weltreffen sozialer Bewegungen fand auf Einladung des Vatikans vom 2. bis zum 5. November 2016 in Rom statt

Das dritte Weltreffen sozialer Bewegungen fand auf Einladung des Vatikans vom 2. bis zum 5. November 2016 in Rom statt

Quelle: @EnMovPop

Am Samstag, 5. November ist das Welttreffen der sozialen Bewegungen zu Ende gegangen, das auf Einladung des Vatikans zum zweiten Mal in Rom stattfand. Bei einer großen Abschlussveranstaltung mit circa 5.000 Teilnehmern im Vatikan wurde dem Papst die Abschlusserklärung übergeben. Die Teilnehmer erklärten: "Die vom System Ausgeschlossenen, Männer und Frauen, die sich auf diesem III. weltweiten Treffen der sozialen Bewegungen getroffen haben, erklären, dass der gemeinsame und strukturelle Grund der sozialen Krise und der Umweltkrise die Tyrannei des Geldes, d.h. des herrschenden kapitalistischen System und eine Ideologie ist, die die menschliche Würde nicht respektiert. Sie forderten unter anderem ein weltweites Verbot von Zwangsräumungen und ein universelles Bürgerrecht für alle, die sich gezwungen sehen, ihren Herkunftsort zu verlassen".

Im Anschluss daran erwiderte der Papst mit einer Rede, in der unter anderem auf den Terrorismus einging:

"Wer also regiert? Das Geld! Wie regiert es? Mit der Peitsche von Angst, von Ungleichheit, von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und militärischer Gewalt, die in einer niemals endenden Abwärtsspirale immer mehr Gewalt erzeugt. Wie viel Leid, wie viel Angst! ... Keine Tyrannei kann sich halten, ohne unsere Ängste auszunutzen. Daher wird alle Tyrannei terroristisch. Sobald der Terror, der in den Peripherien mit Massakern, Plünderungen, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gesät wurde, in den Zentren durch verschiedene Formen von Gewalt explodiert, sogar durch abscheuliche, feige Attentate, verfallen die Bürger, die sich immer noch einige Rechte bewahrt haben, der Versuchung, sich fälschlicherweise durch physische oder gesellschaftliche Mauern abzusichern."

Wir dokumentieren hier die Abschlusserklärung und die Rede des Papstes in eigener Übersetzung:

Verändernde Aktionsvorschläge, die wir, die sozialen Bewegungen der Welt, im Dialog mit Papst Franziskus übernommen haben

Die vom System Ausgeschlossenen, Männer und Frauen, die sich auf diesem III. weltweiten Treffen der sozialen Bewegungen getroffen haben, erklären, dass der gemeinsame und strukturelle Grund der sozialen Krise und der Umweltkrise die Tyrannei des Geldes, d.h. des herrschenden kapitalistischen Systems und eine Ideologie ist, die die menschliche Würde nicht respektiert.

Wir sind Gläubiger einer historischen, sozialen ökonomischen, politischen und Umweltschuld, die beglichen werden muss. Dazu haben wir gemeinsam hunderte von Vorschlägen formuliert, die aus den zehn Verpflichtungen unseres Treffens in Santa Cruz de la Sierra 2015 hervorgegangen sind. Alle sind wichtig, aber anlässlich dieser Erklärung bekräftigen wir:

1. Wir wollen an Bertha Cáceres erinnern, Sprecherin unseres ersten Treffens, die ermordet wurde, weil sie für Veränderungen eingetreten ist. Wir fordern das Ende der Verfolgung aller Kämpferinnen und Kämpfer unserer Bewegungen. Wir Völker verteidigen das Recht auf Frieden, der in sozialer Gerechtigkeit gründet.

2. Im Blick auf partizipative und vollständige Demokratie schlagen wir vor, institutionelle Mechanismen voranzutreiben, die einen tatsächlichen Zugang der sozialen Bewegungen, der originären Gemeinschaften und der Völker zu politischen und ökonomischen Entscheidungen garantien.

3. Bezüglich der universellen Bestimmung der Naturgüter weisen wir die Privatisierung des Wassers zurück und fordern, dass es – in der Linie der Vereinten Nationen – als gemeinsamer Besitz aller verstanden wird, damit niemand des Zugangs zu diesem elementaren Recht beraubt sei.

4. Bezüglich einer integralen und den Menschen nutzenden Landreform schlagen wir vor, die Patentierung und genetische Manipulation aller Formen des Lebens, insbesondere von Samen zu verbieten. Wir bekräftigen die Verteidigung der Ernährungssouveränität und das Menschenrecht auf eine gesunde Ernährung ohne Agro-Gifte um so die großen Ernährungsprobleme lösen zu können, unter denen Milliarden von Menschen leiden.

5. Bezüglich gerechter Arbeitsreformen, die den vollständigen Zugang zu menschenwürdiger Arbeit garantieren schlagen wir ein universelles Sozialeinkommen für alle Arbeiter vor, egal ob im privaten, öffentlichen oder informellen Sektor.

6. Bezüglich einer integralen Stadtreform, die den Zugang zu menschenwürdigem Wohnen und Lebensraum garantiert, schlagen wir die Unverletzlichkeit familiaren Wohnraums vor, um Zwangsräumungen abzuschaffen, die die Familien zu Obdachlosen machen.

7. Um Brücken zwischen den Völkern zu bauen, schlagen wir ein universelles Bürgerrecht vor, das ohne die kulturellen Identitäten zu verleugnen, die Mauern der Exklusion und der Fremdenfeindlichkeit einreißt, um die menschenwürdig aufzunehmen, die sich gezwungen sehen, ihren Herkunftsort zu verlassen.

Wir wollen gemeinsam mit Franziskus daran arbeiten, dass diese Vorschläge tatsächlich Wirklichkeit werden, als einklagbare Rechte, die auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene respektiert werden. Wir ermuntern die lokalen Kirchen, die Botschaften des Papstes Wirklichkeit werden zu lassen.

Ansprache von Papst Franziskus an die zum Dritten Welttreffen der sozialen Bewegungen Versammelten

Brüder und Schwestern, guten Tag. Bei diesem dritten Treffen bringen wir wieder den gleichen Durst zum Ausdruck, den Durst nach Gerechtigkeit, den gleichen Schrei nach Landbesitz, Obdach und Arbeit für alle. Ich danke den Delegierten, die von den Rändern der städtischen, ländlichen und industriellen Regionen aus den fünf Kontinenten gekommen sind, aus mehr als 60 Ländern, um wieder zu erörtern, wie diese Rechte zu verteidigen sind, die uns zusammenrufen.

Dank an die Bischöfe, die euch begleiten. Dank auch an die Tausenden von Italienern und Europäern, die sich am Ende dieses Treffens mit uns verbünden. Dank an die im gesellschaftlichen Leben tätigen, Beobachter und Jugendlichen, die aufmerksam zuhören und lernen wollten. Wie viel Hoffnung setze ich in die jungen Leute! Ich danke auch Ihnen, Herr Kardinal Turkson, für die Arbeit, die Sie im Dikasterium getan haben. Außerdem möchte ich den Beitrag des ehemaligen uruguayischen Präsidenten José Mujica nicht vergessen, der ebenfalls anwesend ist.

Bei unserem letzten Treffen in Bolivien, bei dem die meisten aus Lateinamerika stammten, sprachen wir über die Notwendigkeit von Veränderungen, damit die Würde des Lebens geachtet werde, eine Veränderung von Strukturen; auch darüber, wie sie, die Bewegungen des einfachen Volkes, diese Änderungen vorantreiben, Promotoren eines Prozesses sein können, in dem Millionen von großen und kleinen Aktionen kreativ miteinander verbunden zusammenlaufen können, wie in der Poesie. Deshalb hatte ich sie als "gesellschaftliche Poeten" bezeichnet. Auch haben wir einige wesentliche Aufgaben aufgelistet, um den Weg zu einer humanen Alternative gegenüber der Globalisierung von Gleichgültigkeit zu finden: 1. die Wirtschaft in den Dienst der Menschen stellen; 2. Frieden und Gerechtigkeit aufbauen; 3. die Mutter Erde schützen.

Damals haben eine Cartonera und ein Landarbeiter die Schlussfolgerungen vorgetragen, die zehn Punkte von Santa Cruz de la Sierra. Darin war das Wort Veränderung bedeutungsschwer beladen, mit grundlegenden Forderungen verknüpft, für die ihr euch einsetztet: menschenwürdige Arbeit für alle aus dem Arbeitsmarkt Ausgeschlossenen; Land für Bauern und indigene Völker; Wohnungen für obdachlose Familien; Stadtentwicklung für die Elendsviertel; Beseitigung von Diskriminierung, von Gewalt gegen Frauen und von neuen Formen der Sklaverei; Beendigung von Kriegen, organisierter Kriminalität und Repression; Meinungsfreiheit und demokratische Massenmedien; Wissenschaft und Technologie im Dienste der Menschen.

Wir haben auch gehört, dass ihr vereinbart habt, euer Leben so zu gestalten, dass dadurch der Konsumismus zurückgedrängt und stattdessen die grundlegenden Werte von Solidarität, gegenseitiger Liebe und Respekt vor der Natur wiederhergestellt werden. Damit reklamiert ihr das Glück "gut zu leben" (vivir bien), das "gute Leben" statt des egoistischen Ideals, das die Worte betrügerisch verdreht, wenn es davon spricht, "ein schönes Leben" zu haben.

Wir alle hier sind Menschen verschiedener Herkunft, Überzeugungen und Vorstellungen. Vielleicht können wir uns nicht in allem einig sein. Sicherlich denken wir über viele Dinge unterschiedlich, aber in den genannten Punkten stimmen wir überein. Ich habe auch von Treffen und Workshops erfahren, die in verschiedenen Ländern stattfanden, wo ihr die Debatten mit der konkreten Realität jeder Gemeinschaft erweitert habt.

Das ist sehr wichtig, weil die echten Lösungen für die aktuellen Probleme nicht von einer, von drei oder von tausend Konferenzen hervorgebracht werden. Sie müssen vielmehr das Ergebnis einer kollektiv erarbeiteten Einsicht sein, die zusammen mit den Geschwistern in den jeweiligen Lebensbereichen heranreift, eine Einsicht, die je "nach Ort, Zeit und Menschen", wie St. Ignatius sagen würde, verändernde Wirkungen entfaltet.

Andernfalls riskieren wir Abstraktionen von "bestimmten plakativen Allgemeinbegriffen, die schöne Worte sind, das Leben unserer Gemeinschaften jedoch nicht stützen können" (Brief an den Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, 19. März 2016).

Der globalisierende ideologische Kolonialismus sucht vermeintlich kulturunabhängige Rezepte zu diktieren, welche die Identität der Völker nicht respektieren. Ihr wählt andere Methoden, die zugleich lokal und universal sind. Eine solche Ausrichtung erinnert mich an die Methode Jesu, der darum bat, die Menschenmenge in Gruppen zu fünfzig zu organisieren, um das Brot zu teilen (vgl. Homilie am Fest Fronleichnam Buenos Aires, 12. Juni 2004).

Gerade haben wir das Video gesehen, in dem ihr gewissermaßen die Beschlüsse dieses dritten Treffens vorstellt. Wir haben eure Gesichter gesehen, als ihr darüber debattiertet, wie man "der Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt" entgegentreten kann. So viele Ideen, so viel Kreativität, so viel Hoffnung in euren Worten, wiewohl ihr doch vielleicht bei weitem mehr Gründe hättet, Klagelieder anzustimmen, in Konflikten gefangen zu bleiben, der Versuchung zur Schwarzseherei zu verfallen.

Aber ihr schaut nach vorn, denkt nach, diskutiert, macht Vorschläge und handelt. Ich gratuliere euch, bin mit euch auf dem Weg und bitte euch, setzt euch weiter ein und geht voran. Das gibt mir Kraft, das gibt uns Kraft. Ich glaube, dass unser Dialog sich mit dem Einsatz so vieler Millionen, die täglich weltweit für Gerechtigkeit arbeiten, verbündet und Wurzeln schlägt.

Jetzt möchte ich einige besondere Themen aufgreifen, die ich von euch aufgenommen habe, die mich zum Nachdenken brachten und die ich euch in diesem Moment zurückgeben möchte:

Erstens: Terror und Mauern

Das alles keimt jedoch erst langsam heran, braucht – wie jeder Reifungsprozess – seine Zeit und wird zugleich durch die Geschwindigkeit eines destruktiven Mechanismus bedroht, der in gegenläufiger Richtung operiert. Starke Kräfte können diesen Reifungsprozess neutralisieren, der eine Veränderung bewirken soll, damit nicht mehr der Primat des Geldes gilt, sondern der Mensch wieder im Mittelpunkt steht. Jener "unsichtbare Faden", von dem wir in Bolivien gesprochen haben, jene ungerechte Struktur, die all die verschiedenen Ausschlussformen, unter denen ihr leidet, miteinander verbindet, kann sich verhärten und zu einer Peitsche werden, zu einer existenziellen Peitsche, die – wie im Ägypten des Alten Testaments – versklavt, der Freiheit beraubt, die einen gnadenlos schlägt und für andere zu einer ständigen Bedrohung wird, damit alle sich wie das Vieh dahin treiben lassen, wohin das vergöttlichte Geld sie haben will.

Wer also regiert? Das Geld! Wie regiert es? Mit der Peitsche von Angst, von Ungleichheit, von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und militärischer Gewalt, die in einer niemals endenden Abwärtsspirale immer mehr Gewalt erzeugt. Wie viel Leid, wie viel Angst! Vor kurzem habe ich bereits gesagt, es gibt einen grundlegenden Terrorismus. Er geht hervor aus der globalen Kontrolle, die das Geld über die Erde ausübt und die ganze Menschheit in Gefahr bringt. Dieser Terrorismus ist der Grund für die daraus erwachsenden Formen des Terrorismus wie der Narko-Terrorismus, der Staatsterrorismus und für das, was manche fälschlicherweise ethnischen oder religiösen Terrorismus nennen. Kein Volk, keine Religion ist terroristisch. Zwar gibt es überall kleine fundamentalistische Gruppen. Aber der erste Terrorismus ist dies: "Du hast das Wunder der Schöpfung vertrieben, den Mann und die Frau, und hast das Geld an seine Stelle gesetzt." (Pressekonferenz auf dem Rückflug von der Apostolischen Reise nach Polen, 31. Juli 2016). Das System ist terroristisch.

Vor fast hundert Jahren sah Pius XI. voraus, dass sich allmählich eine globale Wirtschaftsdiktatur herausbildet, die er als "Imperialismus des internationalen Finanzkapitals" bezeichnet hat (Enzyklika. Quadragesimo Anno, 15. Mai 1931 109). Die Aula, in der wir hier zusammen sind, wird Paolo VI genannt. Und Paul VI. hat vor fast 50 Jahren die "neue missbräuchliche Form einer wirtschaftlichen Diktatur im sozialen, kulturellen und sogar politischen Bereich" beklagt (Apostolischer Brief Octogesima adveniens, 14. Mai 1971, Nr. 44). Diese Worte meiner Vorgänger, die die Zukunft vorausahnten, sind hart, aber zutreffend. Die Kirche und die Propheten haben schon vor Jahrtausenden gesagt, was heute so schockiert, wenn der Papst es in einer Zeit wiederholt, in der das alles noch nie da gewesene Ausmaße erreicht hat. Die gesamte Soziallehre der Kirche und die lehramtlichen Äußerungen meiner Vorgänger rebellieren gegen den Götzen Geld, der statt der Menschheit zu dienen über sie herrscht, sie tyrannisiert und terrorisiert.

Keine Tyrannei kann sich halten, ohne unsere Ängste auszunutzen. Daher wird alle Tyrannei terroristisch. Sobald der Terror, der in den Peripherien mit Massakern, Plünderungen, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gesät wurde, in den Zentren durch verschiedene Formen von Gewalt explodiert, sogar durch abscheuliche, feige Attentate, verfallen die Bürger, die sich immer noch einige Rechte bewahrt haben,der Versuchung, sich fälschlicherweise durch physische oder gesellschaftliche Mauern abzusichern. Die Mauern schließen die einen ein und verbannen andere. Auf der einen Seite eingemauerte, erschrockene Bürger; auf der anderen Ausgeschlossené, Verbannte, noch Verschrecktere. Will Gott, unser Vater, ein solches Leben für seine Kinder?

Die Angst wird geschürt, manipuliert. Denn die Angst ist nicht nur ein gutes Geschäft für die Händler von Waffen und Tod, sie schwächt uns, sie wirft uns aus der Bahn, sie untergräbt unseren psychischen und spirituellen Schutz, sie macht uns unempfindlich gegenüber fremdem Leid und schließlich grausam. Sobald wir erfahren, dass man den Tod eines jungen Mannes feiert, der vielleicht den Weg verfehlt hatte, sobald wir erkennen, dass der Krieg dem Frieden vorgezogen wird, sobald wir beobachten, dass Fremdenfeindlichkeit sich ausbreitet, sobald wir feststellen, dass intolerante Pläne an Boden gewinnen; dann verbirgt sich hinter dieser scheinbar massiv sich ausbreitenden Grausamkeit der kalte Hauch der Angst. Ich bitte darum, dass wir für alle jene beten, die Angst haben, dass wir Gott darum bitten, ihnen Mut zu geben und in diesem Jahr der Barmherzigkeit unsere Herzen zu erweichen. Barmherzigkeit ist nicht einfach, nicht leicht , sie erfordert Mut. Daher sagt Jesus uns: "Fürchtet euch nicht" (Mt 14,27), denn Barmherzigkeit ist das beste Gegenmittel gegen die Angst. Es ist viel besser als alle antidepressiven oder angstlösenden Medikamente. Viel wirksamer als Mauern, Gitter, Alarmanlagen und Waffen. Und es gibt sie umsonst: sie ist ein Geschenk Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, alle Mauern fallen. Lassen wir uns nicht täuschen. Ihr habt selbst gesagt: "Wir wollen weiter daran arbeiten, Brücken zwischen den Völkern zu bauen, Brücken, die es uns erlauben, die Mauern von Ausgrenzung und Ausbeutung zu überwinden" (Schlussdokument des Zweiten Welttreffens der Volksbewegungen, 11. Juli 2015 Sta. Cruz de la Sierra, Bolivien). Wir wollen uns dem Terror mit Liebe entgegenstellen.

Der zweite Punkt, den ich behandeln will: Liebe und Brücken

An einem Tag wie heute, an einem Sabbat, hat Jesus, wie das Evangelium erzählt, zwei Dinge getan, durch die der Komplott, ihn umzubringen, beschleunigt wurde. Er ging mit seinen Jüngern durch ein Kornfeld. Die Jünger waren hungrig und aßen von den Ähren. Über den "Eigentümer" des Feldes wird nichts gesagt. Dahinter steht die universelle Bestimmung aller Güter. Es ist wahr: Angesichts des Hungers hat für Jesus die Würde der Kinder Gottes Priorität gegenüber einer formalistischen, angepassten und interessebedingten Interpretation der Normen. Als die Gesetzeslehrer sich in heuchlerischer Empörung beklagten, erinnerte Jesus sie daran, dass Gott Liebe will und nicht Opfer, und klärte sie darüber auf, dass der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da ist (vgl. Mk 2,27). Er konfrontierte das heuchlerische, selbstgenügsame Denken mit der demütigen Intelligenz des Herzens (vgl. Homilie, Erster Kongress zur Evangelisierung der Kultur, Buenos Aires, 3. November 2006), die dem Menschen immer den Vorrang einräumt und jene Logiken ablehnt, welche die Freiheit des Menschen zu leben, zu lieben und anderen zu dienen untergräbt.

Und etwas später am selben Tag beging Jesus eine noch "schlimmere" Tat, welche die Heuchler und Arroganten noch stärker ärgerte. Denn sie stellten ihm nach, weil sie einen Vorwand suchten, ihn festzunehmen. Er heilte die verdorrte Hand eines Mannes. Die Hand, das Symbol harter und starker Arbeit. Jesus gab dem Mann die Fähigkeit zurück, wieder arbeiten zu können, und stellte dadurch seine Würde wieder her. Wie viele verdorrte Hände gibt es, wie viele Menschen sind der Würde der Arbeit beraubt, weil die Heuchler sich ihrer Heilung widersetzen, um ihre ungerechten Systeme aufrechterhalten zu können. Manchmal denke ich, dass Ihr tut, was Jesus tat, wenn Ihr, die organisierten Armen, eure eigenen Arbeitsplätze erfindet dadurch, dass ihr Kooperativen bildet, eine bankrotte Fabrik übernehmt und zum Leben erweckt, den Abfall der Konsumgesellschaft recycelt, trotz rauen Wetters auf einem Platz etwas verkauft, ein Stück Land reklamiert, um es zu bebauen und die Hungrigen zu speisen. Dann tut Ihr, was Jesus tat, weil ihr die verdorrten Hände des herrschenden sozioökonomischen Systems, nämlich die Arbeitslosigkeit, zu heilen versucht, wenn auch nur ein wenig, wenn auch nur vorübergehend. Kein Wunder,dass auch ihr manchmal unter Beobachtung steht und verfolgt werdet. Und es wundert mich auch nicht, dass die Arroganten keinerlei Interesse an dem haben, was ihr zu sagen habt.

Jesus hat an diesem Sabbat sein Leben aufs Spiel gesetzt. Denn nach der Heilung der Hand folgten die Pharisäer und Herodianer (vgl. Mk 3,6) ihrem Kalkül und verbündeten sich, um Jesus umzubringen, obwohl sie zwei gegnerische Parteien waren, die das Volk und auch das Imperium fürchteten. Ich weiß, dass viele von euch ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich weiß, dass einige heute nicht hier sind, eine besonders, weil sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. An sie will ich erinnern. Aber es gibt keine größere Liebe, als sein Leben hinzugeben. Das lehrt Jesus uns.

Euer Schrei nach den "drei T" (Tierra, Techo y Trabajo – Land, Wohnung und Arbeit), den ich mir zu eigen mache, hat etwas von dieser demütigen Intelligenz, die zugleich stark und heilsam ist. Ein Brückenbau-Projekt der kleinen Leute gegen das Mauer-Projekt des Geldes. Ein Projekt, das ausgerichtet ist auf die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Einigen ist bekannt, dass unser Freund Kardinal Turkson jetzt der Präsident eines Dikasteriums ist, das diesen Namen trägt: Integrale Menschliche Entwicklung. Der Gegensatz zur Entwicklung ist wohl Verdorrung, Lähmung. Wir müssen daran mitwirken, die Welt von ihrer moralischen Verdorrung zu heilen. Dieses verdorrte System kann immer noch bestimmte kosmetische Implantate anbieten, die aber keine echte Entwicklung bedeuten: Wirtschaftswachstum, technologische Fortschritte, eine größere "Effizienz" zur Produktion von Waren, die man kauft, verwendet und wegwirft, und verwickelt uns so alle in eine schwindelerregende Dynamik zur Produktion von Abfall . Aber das System erlaubt nicht, dass der Mensch sich ganzheitlich entwickelt, gestattet jene Entwicklung nicht, die sich nicht auf den Konsum beschränkt, die nicht dem Wohlstand einiger weniger dient, sondern alle Völker und Menschen mit ihrer vollständigen Würde einbezieht, so dass sie sich geschwisterlich an der wunderbaren Schöpfung erfreuen. Eine solche Entwicklung brauchen wir: menschlich, ganzheitlich und respektvoll im Umgang mit der Schöpfung.

Ein dritter Punkt: Konkurs und Rettungspaket

Liebe Schwestern und Brüder, zu zwei weiteren Themen, die zusammen mit den "drei-T" und der ganzheitlichen Ökologie in euren Debatten während der letzten Tage eine wichtige Rolle gespielt haben und in diesem historischen Moment von zentraler Bedeutung sind, möchte ich mit Euch einige Überlegungen teilen. Ich weiß, dass ihr einen ganzen Tag dem Drama von Migranten, Flüchtlingen und Vertriebenen gewidmet habt. Was ist angesichts dieser Tragödie zu tun? Im Dikasterium, für das Kardinal Turkson verantwortlich ist, gibt es eine Abteilung, die sich um diese Anliegen kümmert. Ich habe entschieden, dass diese Abteilung zumindest eine Zeit lang direkt dem Papst zugeordnet ist, weil es sich um eine schmachvolle Situation handelt, die ich nur mit einem Wort beschreiben kann, das mir in Lampedusa spontan in den Sinn kam: Scham.

Dort, ebenso wie in Lesbos, habe ich aus nächster Nähe das Leid so vieler Familien gespürt, die aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen Gewalttätigkeiten aller Art aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Diese Menschen-Massen – das habe ich den Behörden auf der ganzen Welt gesagt – wurden durch ein ungerechtes sozio-ökonomisches System und kriegerische Konflikte verbannt, die sie nicht angestrebt hatten. Nicht jene, die heute die schmerzliche Entwurzelung aus ihrem heimischen Boden erleiden, haben das verursacht, sondern viele von denen, die sich weigern, sie zu empfangen.

Ich mache mir die Worte meines Bruders Erzbischof Hieronymus von Griechenland zu Eigen: "Wer in die Augen der Kinder sieht, die wir in den Flüchtlingslagern getroffen haben, wird sofort den ganzen 'Bankrott' der Menschlichkeit erkennen" (Ansprache im Flüchtlingslager Moria, Lesbos, den 16. April, 2016). Was ist los mit der Welt von heute, die beim Konkurs einer Bank sofort skandalöse Summen für die Rettung der Bank bereitstellt, aber bei diesem Konkurs der Menschlichkeit nicht einmal den tausendsten Teil zur Verfügung hat, um diese Geschwister zu retten, die so viel leiden? So ist das Mittelmeer zu einem Friedhof geworden, und nicht nur das Mittelmeer , so viele Friedhöfe entlang der Mauern, der mit unschuldigem Blut befleckten Mauern.

Angst verhärtet das Herz und wird zu blinder Grausamkeit, die das Blut, den Schmerz, das Angesicht der anderen nicht mehr sehen will. Mein Bruder Patriarch Bartholomaios sagte: "Wer vor euch Angst hat, hat nicht in eure Augen geschaut. Wer vor Euch Angst hat, hat Eure Gesichter nicht angeschaut. Wer vor euch Angst hat, sieht eure Kinder nicht, verliert aus dem Blick, dass Würde und Freiheit Angst und Spaltung überwinden. Übersieht, dass Migration kein Problem ist, das den Nahen Osten und Nordafrika, Europa und Griechenland betrifft. Es ist ein Problem der ganzen Welt" (Rede im Flüchtlingslager Moria, Lesbos, 16. April, 2016).

Es ist in der Tat ein weltweites Problem. Niemand sollte gezwungen sein, aus seiner Heimat zu fliehen. Aber das Elend wird doppelt schlimm, wenn außer diesen schrecklichen Umständen die Migranten auch noch in die Fänge von Menschenhändlern geraten, um Grenzen überschreiten zu können, und wird dreifach, wenn sie in einem Land, von dem sie dachten, dort würden sie eine bessere Zukunft finden, verschmäht, ausgenutzt und sogar versklavt, oder auch einfach nicht eingelassen werden. Das kann man überall in Hunderten von Städten antreffen.

Ich bitte euch, tut alles, was ihr könnt, und vergesst nie, dass Jesus, Maria und Josef auch die dramatische Lage von Flüchtlingen erleben mussten. Ich bitte euch, praktiziert jene besondere Solidarität, die es zwischen jenen gibt, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Ihr versteht es, Fabriken aus Konkursen zu reißen, aufzubereiten, was andere wegwerfen, Arbeitsplätze zu schaffen, das Land zu bebauen, Häuser zu errichten, abgeschottete Wohnviertel zu integrieren und unermüdlich Gerechtigkeit zu fordern wie die Witwe im Evangelium (vgl Lk 18,1-8). Vielleicht gehen durch euer Beispiel und eure Beharrlichkeit einigen Staaten und internationalen Organisationen die Augen auf, so dass sie geeignete Maßnahmen ergreifen, um all jene aufzunehmen und vollständig zu integrieren, die aus diesem oder jenem Grund fern von ihrer Heimat Schutz suchen, aber sich auch den Ursachen stellen, deretwegen Tausende von Männern, Frauen und Kindern jeden Tag aus ihrer Heimat vertrieben werden.

Beispiel geben und Ansprüche stellen, sind Mittel, sich in die Politik einzumischen, und das bringt mich zu der zweiten thematischen Achse, die ihr bei Eurem Treffen diskutiert habt: die Beziehung zwischen den einfachen Menschen und der Demokratie. Eine Beziehung, die selbstverständlich flexibel sein sollte, aber Gefahr läuft, bis zur Unkenntlichkeit verschleiert zu werden. Die Kluft zwischen den kleinen Leuten und unseren derzeitigen Demokratie-Formen wird immer größer, weil Wirtschafts- und Mediengruppen sie mit ihrer enormen Macht zu dominieren scheinen. Die sozialen Bewegungen sind, wie ich weiß, keine politischen Parteien und darin liegt – lasst es mich euch sagen – zum großen Teil ihr Reichtum, weil sie eine andere, dynamische und vitale Form gesellschaftlicher Beteiligung am öffentlichen Leben zum Ausdruck bringen. Aber habt keine Angst, euch in die wichtigen Debatten einzumischen, in die "Politik" – groß geschrieben. Wieder zitiere ich Paul VI.: "Die Politik ist eine anspruchsvolle, aber nicht die einzige Art, die schwerwiegende Christenpflicht zu erfüllen, anderen zu dienen" (Apost. Schreiben. Octogesima adveniens, 14. Mai 1971, Nr. 46). Oder – wie ich gerne wiederhole: Die Politik ist eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe. Ich weiß nicht mehr, ob Paul VI. oder Pius XII. das gesagt hat.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass die Beziehung zwischen sozialen Bewegungen und Politik zwei Risiken ausgesetzt sein kann: dem Risiko, sich einwickeln zu lassen, und dem Risiko, sich korrumpieren zu lassen.

Zuerst also, sich nicht einwickeln lassen. Denn einige sagen, die Genossenschaft, die Tafel, der landwirtschaftlich ökologische Anbau, das Mikrounternehmen, die Unterstützungsmaßnahmen ... alles das ist in Ordnung. Solange sich diese Maßnahmen im Korsett "Sozialpolitik" bewegen, solange sie die Wirtschaftspolitik bzw. die "Politik"– groß geschrieben – nicht in Frage stellen, werden sie geduldet. Diese Vorstellung von Sozialpolitik als einem Politikkonzept für die Armen, aber nie zusammen mit den Armen oder der Armen selbst, und noch weit seltener integriert in ein Projekt, das Menschen zusammenführen könnte, das erscheint mir manchmal wie eine Art kosmetisch verschönerter Müllhalde, um den Abfall des Systems aufzufangen. Sobald ihr aber aus eurer Verwurzelung in die Nachbarschaft, aus eurem Alltag, aus dem Stadtviertel, von eurem Ort aus, von der Organisation eurer Gemeinschaftsarbeit aus, von persönlichen Beziehungen aus es wagt, die "Gesamtverhältnisse" in Frage zu stellen, sobald ihr pfeift und schreit, sobald ihr versucht, den Machthabern einen umfassenderen Forderungskatalog zu präsentieren, dann duldet man das nicht mehr, weil ihr das Korsett verlasst, weil ihr euch auf das Gebiet der wichtigen Entscheidungen vorwagt, die einige kleine gesellschaftliche Kasten sich selbst vorbehalten möchten. So verkümmert die Demokratie, wird zu einem inhaltsleeren Begriff, zu einer reinen Formalität, verliert ihren repräsentativen Charakter, wird blutleer, weil sie die kleinen Leute mit ihrem täglichen Kampf um ihre Würde, beim Aufbau ihres Lebensweges außen vor lässt.

Ihr, die Organisationen der Ausgeschlossenen und viele weitere Organisationen aus anderen Bereichen der Gesellschaft, seid dazu berufen, die Demokratien, die eine tiefe Krise durchlaufen, wieder zu beleben und neu zu begründen. Verfallt nicht der Versuchung, euch in ein vorgegebenes Korsett einzupassen, das euch zu zweitrangigen Akteuren macht, oder schlimmer noch: zu bloßen Verwaltern des herrschenden Elends. In diesen Zeiten von Lähmung, Desorientierung und destruktiven Plänen kann die aktive Mitwirkung von kleinen Leuten, die das Gemeinwohl anstreben, mit Gottes Hilfe die falschen Propheten besiegen, die nur Angst und Hoffnungslosigkeit ausnutzen oder magische Formeln von Hass und Grausamkeit oder von egoistischem Wohlstand und illusorischer Sicherheit verkaufen wollen.

Wir wissen: "Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, lassen sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel." (Apostolische Exhortation Evangelii Gaudium, Nr. 202). Deshalb habe ich in Bolivien gesagt und wiederhole es hier: "Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess 'begießen'." (Ansprache auf dem Zweiten Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien, 9. Juli 2015). Auch die Kirche kann und sollte, ohne ein Monopol auf die Wahrheit zu beanspruchen, öffentlich sprechen von und wirken vor allem gegen "Situationen, in denen man mit Wunden und dramatischem Leiden konfrontiert ist und die die Werte, die Ethik, die Sozialwissenschaften und den Glauben betreffen"(Ansprache beim Gipfeltreffen der Richter und Staatsanwälte gegen Menschenhandel und organisierte Kriminalität, Vatikan, 3. Juni 2016). Dieses war das erste Risiko: das Risiko, sich einwickeln zu lassen, und die Aufforderung, sich in die große Politik einzumischen.

Das zweite Risiko, von dem ich sprach, besteht darin, sich korrumpieren zu lassen. Ebenso wie die Politik nicht nur eine Angelegenheit der "Berufspolitiker" ist, ist die Korruption ausschließlich ein Laster der Politik. Es gibt Korruption in der Politik, es gibt Korruption in den Unternehmen, es gibt Korruption in den Kommunikationsmedien, es gibt Korruption in den Kirchen, und es gibt auch Korruption in sozialen Organisationen und Volksbewegungen. Es trifft zu, dass sich die Korruption in einigen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens, vor allem in der Finanztätigkeit wie selbstverständlich eingenistet hat. Und diese hat weniger Presse als die Korruption, die auf politischem und sozialem Gebiet anzutreffen ist. Es trifft zu, dass man oft Korruptionsfälle mit schlechten Absichten manipuliert. Aber es ist auch richtig zu erklären, dass diejenigen, die ein Leben im Dienst an anderen gewählt haben, eine zusätzliche Verpflichtung haben, die über die Ehrlichkeit hinausgeht, mit der jedermann im Leben handeln sollte. Der Maßstab liegt höher: Die Berufung zum Dienst an anderen muss man mit einer starken Überzeugung von Genügsamkeit und Demut leben. Das gilt für Politiker, aber auch für gesellschaftliche Führungskräfte und für uns, die Hirten.

(Ich habe das Wort "Austerität" verwendet. Ich möchte klarstellen, was ich mit dem Wort meine, weil es ein missverständliches Wort sein kann: ich meine moralische Genügsamkeit im Lebensstil, Mäßigung in der Art, wie ich mein Leben, meine Familie voranbringe, moralische und menschliche "Genügsamkeit". Denn im wissenschaftlichen Bereich, vor allem im wirtschaftswissenschaftlichen, bzw. in der Wissenschaft vom Markt hat "Austerität" mit Anpassungsmaßnahmen zu tun. Darauf beziehe ich mich hier nicht, davon spreche ich hier nicht.)

Wer einen starken Hang zu materiellen Dingen oder zu seinem Spiegelbild hat, wer das Geld mag, üppige Bankette, prächtige Villen, raffinierte Anzüge, Luxusautos, dem würde ich empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen, was in seinem Herzen geschieht, und zu beten, dass Gott ihn von diesen Bindungen befreie. Um den ehemaligen lateinamerikanischen Präsidenten, der hier ist, zu paraphrasieren: Wer eine Vorliebe für all diese Dinge hat, soll sich bitte nicht in die Politik einmischen, soll sich nicht in eine soziale Organisation oder eine Soziale Bewegung begeben (Spontan ergänzt: bzw. nicht in ein Priesterseminar eintreten); denn er wird sich selbst und den Nächsten Schaden zufügen sowie die edle Sache, um die es da geht, beschmutzen.

Gegen die Versuchung zur Korruption gibt es kein besseres Gegenmittel als die (moralische, persönliche) Austerität/Genügsamkeit. Sie zu praktizieren bedeutet auch, mit gutem Beispiel vorangehen. Unterschätzt bitte nicht die Bedeutung des Beispiels. Es hat mehr Überzeugungskraft als tausend Worte, tausend Flyer, tausend "Likes", tausend "re-tweets", tausend Videos auf youtube. Das Beispiel eines genügsamen Lebens im Dienst an anderen ist der beste Weg, um das Gemeinwohl und das Brücken-Projekt der drei-T zu fördern. Ich bitte alle Führungskräfte, dass sie die Praxis dieser (persönlichen/moralischen) Genügsamkeit nie preisgeben. Und alle bitte ich, von ihren Führungskräften diese Genügsamkeit zu verlangen, die andererseits auch sehr glücklich machen kann.

Liebe Schwestern und Brüder,

Korruption, Arroganz und Exhibitionismus von Führungskräften verstärken den kollektiven Glaubwürdigkeitsverlust, das Gefühl von Hilflosigkeit und steigern wiederum den Mechanismus der Angst, der dieses ungerechte System in Gang hält.

Zum Schluss möchte euch bitten, stellt euch der Angst mit einem Leben im Dienst an anderen entgegen, in Solidarität und Demut zugunsten der einfachen Menschen und vor allem derjenigen, die am meisten leiden. Ihr werdet vieles falsch machen, wir alle machen Fehler, aber wenn wir auf diesem Weg bleiben, werden wir eher früher als später die Früchte zu sehen. Und ich bestehe darauf, das beste Gegenmittel gegen den Terror ist die Liebe. Liebe heilt alles. Einige wissen, dass ich nach der Familiensynode Amoris laetitia geschrieben habe, ein Dokument über die Liebe in jeder einzelnen Familie, aber auch über die Liebe in jener anderen Familie, die wir Nachbarschaft, Gemeinde, Volk, Menschheit nennen. Einer von euch hat mich gebeten, eine Broschüre zu verteilen, die ein Fragment des vierten Kapitels aus diesem Dokument enthält. Ich denke, ihr werdet sie am Ausgang erhalten. Geht also mit meinem Segen. Darin gibt es einige "nützliche Hinweise", das Hauptgebot Jesu zu praktizieren.

In Amoris Laetitia zitiere ich einen verstorbenen Afroamerikanischen Sprecher, Martin Luther King. Er hat sich wieder und wieder für die geschwisterliche Liebe entschieden, selbst inmitten schlimmster Verfolgungen und Demütigungen. An ihn möchte mich euch heute erinnern: "Wenn du dich auf die Ebene der Liebe, ihrer großen Schönheit und Macht, erhebst, trachtest du nur danach, bösartige Systeme zu besiegen. Die Menschen, die in diesem System gefangen sind, die liebst du, versuchst aber, das System zu besiegen [...] Hass gegen Hass steigert nur die Existenz des Hasses und des Bösen im Universum. Wenn ich dich schlage und du mich schlägst und ich dir den Schlag zurückgebe und du mir den Schlag zurückgibst und so weiter, dann ist klar, das geht ewig so weiter. Es endet einfach niemals. Irgendwo muss irgendjemand ein bisschen Verstand haben, und das ist der starke Mensch. Der starke Mensch ist derjenige, welcher die Kette des Hasses, die Kette des Bösen zerbrechen kann." Das sagte Luther King im Jahr 1957 (vgl. Amoris laetitia Nr. 118).

Noch einmal danke ich euch, dass ihr hier seid. Ich schätze Eure Arbeit. Ich möchte Gott unseren Vater bitten, euch zu begleiten und zu segnen, euch mit seiner Liebe zu erfüllen und euch auf dem Weg zu beschützen, indem er euch reichlich von jener Kraft gebe, die uns aufrecht gehen lässt und Mut macht, die Kette des Hasses zu brechen: diese Kraft ist die Hoffnung .

Betet bitte auch für mich. Und diejenigen, die nicht beten können, ihr wisst schon: denkt gut über mich und schickt mir einen guten Gedanken. Danke.

Aula Paul VI., Rom, 5. November 2016

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