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Papst Franziskus bezieht Stellung

Die Rede des Papstes hat politische Auswirkungen, die von außerordentlicher Bedeutung sind
Der Papst bei seiner Ansprache in Santa Cruz

Der Papst bei seiner Ansprache in Santa Cruz

Quelle: Jose LIrauze

Nach der Ansprache von Franziskus auf dem Treffen der Sozialen Bewegungen in Bolivien ließen die Stimmen nicht lange auf sich warten, die davor warnten, seine Worte angesichts der langen Geschichte der Kirche als Hüterin der kapitalistischen Ordnung und als Verantwortliche für unzählige Verbrechen allzu ernst zu nehmen.

Ungläubigkeit und sogar eine militante Wachsamkeit machte sich breit, um zu verhindern, dass die päpstliche Botschaft die ersehnte Entwicklung des kritischen Bewusstseins der unterdrückten Völker zunichte mache. Ich persönlich stimme nicht mit diesen Äußerungen überein. Ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass dies kein Thema darstellt, das uns beunruhigen sollte. Vom Gesichtspunkt der Bildung eines historischen kapitalistischen Blockes aus – wenn auch nicht von der Abstraktion einer ethischen Beurteilung – ist die Frage, ob Franziskus nun an seine eigenen Worte glaubt oder nicht, irrelevant und es ist sinnlos, dies hier zu diskutieren.

Sehr wohl von Interesse ist, dass diese Worte bei einem wichtigen Treffen sozialer Führungspersönlichkeiten geäußert wurden und sofort eine beeindruckende weltweite Resonanz erzielten.

Wenn der Papst sagt, dass der Kapitalismus ein erschöpftes System ist, das nicht mehr zu ertragen sei; dass sich die Anpassungen immer auf Kosten der Armen vollziehen; dass es so etwas wie eine Ausschüttung von Reichtum aus dem Becher der Reichen nicht gebe, die das gemeinsame Haus zerstörten und die Mutter Erde verdammten; dass die Monopole ein Unglück und dass das Kapital und das Geld "der Mist des Teufels" seien; dass man über die Zukunft der Großen Heimat 1 wachen müsse und vor den alten und neuen Formen des Kolonialismus auf der Hut sein müsse – dann hat dies politische und objektiv gesehen linke Auswirkungen, die von außerordentlicher Bedeutung sind.

Natürlich war all dies auch schon von Fidel, von Che, Camilo2, Evo3, Correa4, Chávez5 und so vielen anderen in der Theologie der Befreiung und im kritischen Denken Unseres Amerika zum Ausdruck gebracht worden. Aber deren Beurteilungen standen immer unter Verdacht, und die gesamte Kulturindustrie des Kapitalismus stürzte sich auf sie, um sich über die Gewissheit ihrer Einschätzungen lustig zu machen. Sie wurden als Produkte eines anachronistischen Radikalismus abqualifiziert, der aus dem 19. Jahrhundert stamme.

Die Technokraten im Dienst des Kapitals und die "strenggläubigen" Vertreter der Postmoderne sagten immer wieder, dass jene Nostalgiker nicht verstünden, dass die Zeiten des Kommunistischen Manifests vorbei seien, dass die Revolution eine gefährliche Illusion ohne Zukunft darstelle und der Kapitalismus unwiderruflich gesiegt habe. Nun aber erweist es sich, dass derjenige, der dies mit einer schlichten und entschiedenen Sprache in Frage stellt, Franziskus ist, und dass dieser Diskurs nun eine unerwartete und völlig neue Legitimität erhält, und dass sein Einfluss auf das öffentliche Volksbewusstsein unvergleichlich größer ist.

Mit seinen Worten hat sich zum ersten Mal seit langer Zeit ein enormer Spielraum eröffnet, um bei der Herausbildung eines in den Massen verwurzelten antikapitalistischen Diskurses voranzukommen. Diese Bemühung wurde bisher durch die vorherrschende Ideologie neutralisiert, die den Glauben verbreitete, dass der Kapitalismus die einzig vernünftige – und mögliche! – ökonomische und soziale Form sei. Und das gilt jetzt nicht mehr.

Die historische Rede von Franziskus in Bolivien setzte den Gedanken in der öffentlichen Vorstellungswelt fest, dass der Kapitalismus ein unmenschliches, ungerechtes, räuberisches System ist, das durch einen strukturellen Wandel überwunden werden müsse, und man deshalb vor dem Wort Revolution keine Angst haben müsse.

Überlassen wir es Philosophen, Theologen und Psychologen, sich mit der Erörterung zu vergnügen, ob Franziskus an das glaubt, was er gesagt hat oder nicht. Das Wichtige, das Entscheidende liegt darin, dass wir nun dank seiner Worte bessere Bedingungen dafür haben, den Kampf der Ideen zu führen, der alle unterdrückten Klassen und Schichten, all die hauptsächlichen Opfer des Systems davon überzeugt, dass man mit dem Kapitalismus Schluss machen muss, bevor dieses unwürdige System die Menschheit und die Mutter Erde vernichten kann.

  • 1. Anmerkung des Übersetzers: La Patria Grande -  so wird im linken Diskurs Lateinamerika bezeichnet, aber hier ist wohl auch der gesamte Planet gemeint
  • 2. Camilo Torres aus Kolumbien war katholischer Priester und Befreiungstheologe. Er war Mitglied der Guerillaorganisation "Armee der Nationalen Befreiung" (ELN) und wurde am 15. Februar 1966 bei einem Gefecht von Regierungstruppen getötet
  • 3. Boliviens Präsident Morales
  • 4. Rafael Correa, Präsident von Ecuador
  • 5. Hugo Chávez, am 5. März 2013 verstorbener früherer Präsident von Venezuela
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Kommentare

Historischer Unsinn

Die Kirche war nie die "Hüterin der kapitalistischen Ordnung", im Gegenteil. Nur weil man gegen den Kommunismus ist, muss man kein Kapitalist sein, das ist unsinniges Lagerdenken. Spätestens seit Leo XIII., der mit seinem Schreiben "Rerum Novarum" eine Alternative zu beiden Systemen entwarf, müsste das klar sein. Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich direkt und konkret gegen die neoliberale Form des Kapitalismus gewandt.

Ich in diesem Fall vermute eine - wohl in einigen Kreisen notwendige - Distanzierung von der Kirche, denn sonst würden nicht die "unzähligen Verbrechen", die meist bei näherem Hinsehen gegen den ausdrücklichen Willen - wie die Conquistadores in Amerika oder die Hinrichtung von Giordano Bruno - von staatlicher Seite passierten, herbeigezerrt werden.

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13.07.2015 Nachricht von Helge Buttkereit