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Arbeiter bei Stahlhersteller Sidor erfolgreich

Chávez und Beschäftigte unterzeichneten Tarifvertrag. Unternehmensvize soll von Arbeitern bestimmt werden
Arbeiter bei Stahlhersteller Sidor erfolgreich

zufriedene Gewerkschafter in der Pressekonferenz

Caracas. Nach monatelangem Arbeitskampf ist der Tarifvertrag für den Stahlkonzern Sidor in Kraft. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez unterzeichnete am vergangenen Dienstag gemeinsam mit Beschäftigungsvertretern die Endversion des Kontrakts. Am vorangegangenen Sonntag hatten sich die Gewerkschaft und der venezolanische Staat als Neueigentümer des größten Stahlherstellers des Landes über die genauen Modalitäten geeinigt.

Chávez hatte die Renationalisierung des Stahlwerkes in Ciudad Guayana zum 1. Mai offiziell in die Wege geleitet. Mitte April hatte der Staatschef die Verstaatlichung angekündigt, nachdem die Vertragsverhandlungen zwischen Arbeitern und Eigentümer trotz Vermittlungsbemühungen von Vizepräsident Ramón Carrizalez endgültig gescheitert waren. Mit der jetzigen Unterzeichnung haben 16 Monate Verhandlungen, Arbeitsniederlegungen, Repression gegen die Arbeiter und eine scharfe Medienkampagne ihr vorläufiges Ende gefunden.

"Die Arbeiter fühlen, dass wir einen großen Erfolg erreicht haben," kommentierte José Meléndez, Finanzsekretär der Vereinten Stahlarbeiter Gewerkschaft (SUTISS), welche mehr als 4000 Arbeiter von SIDOR vertritt, den Abschluss. Meléndez sagte weiter: "Dieser Arbeitsvertrag ist einer der besten Lateinamerikas und könnte ein Präzedenzfall für alle Arbeiter landesweit werden."

Der Vertrag garantiert eine sofortige Erhöhung des Tageslohnes um 33 Bolívares Fuertes (ca. 10 Euro) und zwei weitere Lohnerhöhungen um 10 Bolívares Fuertes (ca. 3 Euro) im nächsten Jahr. Außerdem werden die Forderungen der Arbeiter nach bezahlten Überstunden und Urlaub eingelöst. Des Weiteren verdoppelt er die Rentenansprüche und garantiert, dass das Unternehmen 90% der Krankenversicherung der Rentner und 80% der aktiven Arbeiter bezahlt.

Ein besonders großer Erfolg der Gewerkschaft ist die sofortige Einbeziehung von 800 der fast 10000 gewerkschaftlich nicht organisierten Vertragsarbeiter und die Zusage, die restlichen innerhalb der nächsten drei Monate zu integrieren. Die Vertragsarbeiter waren bis Ende April nicht in die Verhandlungen mit der Regierung einbezogen worden, bis diese ihren Platz am runden Tisch mit einer Arbeitsniederlegung einforderten. Danach waren sie mit fünf Sitzen neben den elf SUTISS Unterhändlern vertreten.

Verstaatlichung unter Dach und Fach

Eine letzte verbliebene Hürde für die Verstaatlichung von Sidor war am vergangenen Donnerstag genommen worden: Der Oberste Gerichtshof (TSJ) bestätigte das Präsidialdekret. Nach Artikel 115 der venezolanischen Verfassung hat der Oberste Gerichtshof bei solchen Beschlüssen das letzte Wort. Am gestrigen Montag hat Präsident Chávez das Dekret dann endgültig unterzeichnet und den Minister für Bergbau zum neuen Präsidenten von Sidor ernannt. Der Vizepräsident werde von den Beschäftigten bestimmt, kündigte Chávez an.

Nun können venezolanische Gerichte die Höhe der Entschädigung festlegen, um die es bis zuletzt Streit zwischen Regierung und Alteigentümer gegeben hatte. Die italienisch-argentinische Techint-Gruppe, welche bis zur Nationalisierung 60% der Aktien gehalten hatte, beharrte bis zuletzt auf einer Entschädigung "nach Marktwert" (3,6 Milliarden US-Dollar). Die venezolanische Regierung hatte 800 Millionen US-Dollar geboten. Bis zum 30. Juni soll der Konzern vollständig in die Hände des Staates übergegangen sein.


Quellen:

Bildquelle: Venezuelanalysis

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