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08.04.2010 Bolivien

"Abkehr von neoliberaler Ausbeutung"

Geld aus Brasilien und Milliarden-Infrastrukturprogramm soll Boliviens Wirtschaft auf eigene Beine stellen

La Paz. Bolivien braucht dringend Geld, um seine Exportabhängigkeit von Bodenschätzen zu überwinden. Hilfe findet es nun beim Nachbarn Brasilien. Das boomende Schwellenland hat massive Investitionen im armen Nachbarland angekündigt. Kapitalkräftige Multis wie die staatliche Erdölfirma Petrobras, Treibstoffhersteller Braskem, Elektrounternehmen Eletrobras, Berbaugigant Vale und mehrere Baufirmen wollen Geld in Infrastruktur und Industrialisierung von Gas, Öl und Mineralien pumpen, gaben Boliviens Vizepräsident Álvaro García Linera und Brasiliens Sondergesandter Marco Aurelio García das vom Volumen einmalige Abkommen bekannt.

"Uns interessieren keine neuen Patiños, die große Vermögen in Bolivien machen ohne Jobs zu schaffen, den Reichtum außer Landes bringen und die Wirtschaft nicht diversifizieren", versprach García eine Abkehr von der "neoliberalen Ausbeutung". Zinnbaron Simon Patiño war Mitte des letzten Jahrhunderts einer der reichsten Männer der Welt, Bolivien aber blieb arm. Braskem könnte die bis heute fehlenden Treibstoffraffinerien bauen, Eletrobras Staudämme zur Stromgewinnung. Vale zockt mit im Poker um die größten Lithiumvorräte der Welt, wo eine Investition von zwei Milliarden US-Dollar vorgesehen ist.

Geplant ist zudem eine Bahnlinie von Bolivien zur brasilianischen Atlantikküste mit Anschluss an Chiles Pazifik, wobei Unternehmen aus Indien und China mit an Bord seien sollen. "Was uns interessiert ist ein Bolivien mit mehr Industrialisierung und mehr Entwicklung", unterstrich Vize Linera die wirtschaftstrategische Linie.

"Bolivien muss seine Produktion diversifizieren, um nicht ausschließlich vom Gas- und Mineralienexport abzuhängen", so Präsident Evo Morales anlässlich der Ankündigung eines Milliarden-Investitionsplans vor Ostern. In der Legislaturperiode 2010-2015 sollen 32 Milliarden US-Dollar in die Entwicklung gepumpt werden, eine "monströse, enorme Summe", findet Finanzminister Luis Arce von der Regierungspartei "Bewegung zum Sozialismus" (MAS). Der "Plan Patria" soll die Bodenschätze vor Ort industrialisieren, rund 50.000 neue Jobs schaffen und den Zugang zu Grundversorgung (Wasser, Strom) und Telekommunikation im ganzen 9-Millionen-Einwohner-Land ermöglichen.

Das Geld soll teils aus eigenen Reserven, teils durch Kredite etwa der "Interamerikanischen Entwicklungsbank" (BID) beschafft werden. Die Morales-Administration sieht sich in ihrer Wirtschaftspolitik bestärkt, im globalen Krisenjahr 2009 verzeichnete Bolivien als einzige Nation Südamerikas Wachstumsraten, selbst von der Weltbank kam Lob.

Boliviens bisheriges strukturelles Dilemma zeigen aktuelle Zahlen: Zwar stiegen die Einnahmen aus dem Außenhandel im Januar und Februar 2010 im Vergleich zu 2009 um erfreuliche 20 Prozent von 775 Millionen US-Dollar auf 905 Millionen US-Dollar, so das "Nationale Institut für Statistik" (INE). Doch im ärmsten Land Südamerikas wiegt das Erbe aus spanischer Kolonialzeit weiter schwer. Wichtigster Sektor ist auch 200 Jahre nach der Unabhängigkeit der Bergbau.

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