Mexiko-Stadt et al. Unter dem Motto "Die Opfer stehen an erster Stelle. Jetzt handeln" ist am vergangenen Sonntag der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens begangen worden. An vielen Orten in Lateinamerika haben Demonstrationen, Kundgebungen und kulturelle Veranstaltungen stattgefunden.
Ein Schwerpunkt der Mobilisierungen war Mexiko, wo es am Sonntag zu 35 Demonstrationen gekommen ist. Allein in Mexiko-Stadt waren drei Demonstrationen und diverse Kundgebungen angemeldet. Auf dem Paseo de la Reforma, einer der Hauptverkehrsachsen Mexiko-Stadts, demonstrierten mehrere Hundert Personen mit Parolen wie "Wo sind unsere Kinder, wo sind sie?" und "Warum suchen wir sie? Weil wir sie lieben!"
Die Straße war gesäumt von mehr als 2.000 Fotos der Verschwundenen, die Angehörige und Organisationen dort angebracht hatten. Auch an anderen Orten der Stadt machten Angehörige durch Fotos auf ihre verschwundenen Familienmitglieder aufmerksam. Allerdings wurden zahlreiche dieser Erinnerungszeichen wieder entfernt.
"Die gleiche Gleichgültigkeit hat sich an anderen Orten der Stadt und in verschiedenen Städten dieses Landes wiederholt: Transparente mit Fotos, die entfernt, in den Müll geworfen oder von Fußgängerbrücken, Zäunen und Straßen entfernt werden, manchmal von Behörden, manchmal aber auch von Privatpersonen", kommentierte Volga de Pina, eine Mitarbeiterin der Menschenrechtskommission von Mexiko-Stadt (CDHCM).
Auf ein weiteres massives Problem wies die Organisation Movimiento por Nuestros Desaparecidos en México (Bewegung für unsere Verschwundenen in Mexiko, MNDM) hin: die Gefahren, denen Angehörige und andere Suchende ausgesetzt sind. Nur einen Tag zuvor wurde in Culiacán im Bundesstaat Sinaloa Alma Rosa Rojo Medina, Gründerin des Kollektivs Voces Unidas por la Vida (Vereinigte Stimmen für das Leben), und ihre Tochter mit Schusswaffen angegriffen. Beide wurden verletzt in ein Krankenhaus gebracht.
Auch Amnesty International warnt vor den Gefahren für Suchende in Mexiko: Seit 2010 sollen mindestens 45 von ihnen ermordet worden oder verschwunden sein.
In Kolumbien spielt der seit den 1960er Jahren andauernde bewaffnete Konflikt, an dem Staat, Guerillagruppen, paramilitärische und kriminelle Gruppen beteiligt waren und sind, eine zentrale Rolle bei Fällen gewaltsamen Verschwindens. Laut dem IKRK wurden von Januar bis Juli 2026 im Zusammenhang mit dem Konflikt 99 Fälle registriert, in mehr als einem Drittel davon verschwanden Kinder und Jugendliche.
Zu einer größeren Kundgebung kam es in Cúcuta, der Hauptstadt des Departamentos Norte de Santander an der Grenze zu Venezuela. In dem Departamento gelten mehr als 5.500 Menschen als verschwunden. Angehörige in weißer Kleidung versammelten sich an der Uferpromenade von Cúcuta und stellten Stühle auf, die symbolisch für ihre verschwundenen Familienmitglieder leer blieben.
Auch in der Hauptstadt Bogotá wurde der Verschwundenen gedacht, vor allem in künstlerischer Form. So wurde im Theater Casa E Borrero das Stück Los Escogidos (Die Auserwählten) im August und September zurück auf die Bühne gebracht, das sich als Hommage an die Opfer versteht.
In der Cinemateca de Bogotá, einem Kulturzentrum für audiovisuelle Künste, wurde vom 6. bis 30. August die audiovisuelle Ausstellung La búsqueda: un lugar de encuentro (Die Suche: Ein Ort der Begegnung) aufgebaut. Sie sollte es den Besuchenden ermöglichen, zu verstehen, wie jede Person eine wichtige Rolle für die Familien der Verschwundenen spielen kann.
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Im südlichen Südamerika lag der Fokus auf den Verschwundenen während der Diktaturen im 20. Jahrhundert. In Chile verschwanden während der Diktatur von Augusto Pinochet (1973–1990) zwischen 1.100 und 1.460 Menschen. In der Hauptstadt Santiago zogen Demonstrierende am Sonntag durch die Straßen, um daran zu erinnern und Rechenschaft zu fordern. Vor dem Präsidentenpalast brachten sie Schilder mit Fotos der Verschwundenen und der Aufschrift "Nein zur Straflosigkeit" an. Die Demonstration fand auch vor dem Hintergrund der Politik der rechtsgerichteten Regierung unter Präsident José Antonio Kast statt, der ein Kurswechsel in der Erinnerungskultur vorgeworfen wird (amerika21 berichtete).
Die Aktionen in Santiago beschränkten sich jedoch nicht auf die Zeit der Diktatur. Das Komitee Memorial Puente Bulnes (Gedenkstätte Bulnes Brücke), benannt nach einem wichtigen Erinnerungsort der Opfer der Diktatur, rief zu einer Mahnwache auf, um Solidarität mit den Mapuche, den Palästinenser:innen und dem Volk der Westsahara auszudrücken.
In Uruguays Hauptstadt Montevideo organisierte die Gruppe Madres y Familiares de Uruguayos Detenidos Desaparecidos (Mütter und Angehörige der in Uruguay Verhafteten und Verschwundenen) ebenfalls eine Veranstaltung, um Forderungen zur Aufarbeitung der Diktatur (1973–1985) zu stellen.
Karina Tassino, deren Vater während der Diktatur verschwand, wies darauf hin, dass noch immer 205 Menschen als verschwunden gelten. Dies mache deutlich, wie viel noch aufzuarbeiten sei. Tassino bekräftigte zudem die "unausweichliche Verantwortung des Staates". Die Gruppe fordert dementsprechend, "dass der Präsident der Republik die Streitkräfte anweist, alle Informationen herauszugeben, die sie über das Schicksal und den Verbleib unserer Angehörigen besitzen".
Ins Leben gerufen wurde der Gedenktag auf dem ersten Kongress der Lateinamerikanischen Föderation der Vereinigung von Angehörigen von Inhaftierten und Verschwundenen (FEDEFAM) 1981 in Costa Rica. Das Ziel war, das Verschwindenlassen von Menschen durch die damaligen Diktaturen der Region als ein Mittel des Staatsterrorismus anzuprangern und sichtbar zu machen.
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erkannte 2011 den 30. August offiziell als Gedenktag an. Laut UN wird das gewaltsame Verschwinden nicht mehr nur von Diktaturen genutzt, sondern als Mittel verschiedener Akteure in innerstaatlichen Konflikten, um Gegner:innen zu unterdrücken. Das Gefühl der Unsicherheit, das dadurch entsteht, betrifft nicht nur die nahen Angehörigen der Verschwundenen, sondern die gesamte Gesellschaft.
Unter dem gewaltsamen Verschwinden versteht die UN jegliche Form des Freiheitsentzugs durch einen staatlichen Akteur oder mit dessen Duldung oder Unterstützung sowie die Verschleierung des Schicksals der betroffenen Person.
Wie viele Personen weltweit verschwunden sind, ist unbekannt. Der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (IKRK) liegen fast 410.000 ungeklärte Fälle vor. Allein 2025 seien über 178.000 neue Suchanfragen gestellt worden, so die Organisation. Diese Zahlen seien aber vermutlich nur ein Bruchteil der tatsächlichen Fälle. Allerdings erfasst das IKRK nicht ausschließlich Fälle von gewaltsamem Verschwindenlassen, sondern einen wesentlich weiteren Kreis vermisster Personen und schließt beispielsweise auch Menschen ein, die im Zusammenhang mit Naturkatastrophen verschwunden sind.
Aufgrund fehlender zentraler Register in verschiedenen Ländern und unterschiedlicher Erfassungsmethoden liegen auch für Lateinamerika keine belastbaren Zahlen vor. Zusammengerechnet kommen jedoch allein die offiziellen Register Mexikos und Kolumbiens auf mehr als 270.000 verschwundene Personen.
In Mexiko gelten laut dem Nationalen Register für verschwundene und nicht aufgefundene Personen (RNPDNO) 132.844 Menschen als verschwunden. Amnesty International meldet weiterhin mehr als 72.000 bislang nicht identifizierte menschliche Überreste im Land. Aufgrund der anhaltenden Situation verlangen Kollektive und Fachleute, dass das Land die angebotene Hilfe von internationalen Organisationen annimmt.

