Leichen als "Kriegstrophäen" zur Schau gestellt: Kritik an Kolumbiens Präsidenten

Minderjährige unter den Toten. Vorwürfe von Nekropolitik. Tod als Machtdemonstration. Webseite führt Live-Ticker über getötete Gegner:innen

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Gefalteter Leichensack
Gefalteter Leichensack

Bogotá. Die Ombudsfrau Kolumbiens, Iris Marín, hat die öffentliche Vorstellung der Ergebnisse des Militäreinsatzes "Azarías" durch Präsident Abelardo de la Espriella scharf kritisiert. Es geht dabei um ein Video, in dem De la Espriella einen "entscheidenden militärischen Schlag" gegen eine bewaffnete Struktur des FARC-Dissidenten "Iván Mordisco" im Departamento Guaviare verkündet. Dabei spaziert er zwischen den in Weiß gehüllten Leichen von 23 mutmaßlichen Mitgliedern dieser Struktur.

"Der Staat und die Regierung dürfen sich nicht auf einen Wettstreit einlassen, bei dem es darum geht, wer grausamer sein kann. Sie dürfen sich nicht mit den bewaffneten Gruppen darüber messen, wer mehr Angst verbreitet, wer den Gegner stärker demütigt oder wer den Tod als Machtdemonstration nutzt", sagte Marín auf X.

Marín betonte, dass die Toten laut dem humanitären Völkerrecht (HVR) "respektiert und würdevoll behandelt werden müssen". In all den Jahren der bewaffneten Konflikte und der Bekämpfung der Kriminalität habe sie keinen anderen Präsidenten gesehen, der "zwischen den Toten spaziert und stolz auf deren Tod ist".

Die Ombudsfrau verwies darauf, dass das Leben im Rahmen der kolumbianischen Gesetzgebung und des HVR Vorrang vor dem Tod haben müsse, auch im Krieg. Dies führe dazu, dass die Tötung von Menschen durch Militäraktionen "möglich, in vielen Fällen notwendig, vielleicht unentbehrlich, aber niemals erwünscht" sein könne.

In diesem Sinne sei auch der Zählung der Toten als Teil militärischer Erfolge auf dem Portal "Las bajas del Tigre" ("Die Abschussbilanz des Tigers") problematisch. Auf dem Portal werden zeitnah zu Militärschlägen fast live Gefallene gezählt. "Tiger" ist der Spitzname, den sich De la Espriella selbst gibt.

Marín erinnerte an vergangene Militärpolitiken, die zu einem "systemischen Verbrechen" geführt hätten, den sogenannten "falsos positivos". Dabei wurden mindestens 7.837 Menschen, meist verarmte Jugendliche, von den Streitkräften getötet und als im Kampf gefallene Guerilleros präsentiert, um militärische Erfolge zu vermelden.

Marín regte die Regierung an, die Erfolge ihrer Sicherheitspolitik eher an "gewährleisteten Rechten und geretteten Leben" der Zivilbevölkerung zu messen, die den kriminellen Gruppen ausgesetzt sei. Die Macht des Staates lasse sich nicht nur "an seiner Fähigkeit beurteilen, sich mit Gewalt durchzusetzen". Dabei spielten die symbolischen Gesten und Bilder, die eine staatliche Stelle verwende, eine wichtige Rolle, sagte Marín. Es sollte nicht normalisiert werden, dass "der Tod zu einer Form wird, Autorität zur Schau zu stellen".

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Das Video vom 2. September zur Militäroperation "Azarías" war nicht das einzige Mal, dass De la Espriella Leichen bei einer Rede öffentlich präsentierte. Auch am 4. September verkündete der kolumbianische Präsident militärische Erfolge im Departamento La Guajira, während vor ihm vier umhüllte Leichen zu sehen waren.

Kritik an den Äußerungen von Marín kam von der aktuellen Regierung Kolumbiens. Der Innenminister Rodrigo Lara bedauerte, dass die Ombudsfrau "den Staat mit den Narcoterroristen gleichsetzt, als stünde er mit ihnen in einem Wettstreit um Grausamkeit". Dies sei ein "trauriger Irrtum". Der Staat komme seiner "verfassungsmäßigen Pflicht nach, gegen Kriminelle vorzugehen, die Terror ausüben". Die Regierung wolle dabei mit der Ombudsstelle zusammenarbeiten.

Kritik an De la Espriella kam dagegen auch von mehreren Mitgliedern der progressiven Oppositionspartei Pacto Histórico. Der Ex-Präsident Gustavo Petro und die Abgeordnete María Fernanda Carrascal sahen in dem Video des ultrarechten Regierungschefs eine Zurschaustellung von "Kriegstrophäen".

Der linke Ex-Präsidentschaftskandidat und Senator Iván Cepeda schrieb auf X: "Er spaziert zwischen den Leichensäcken umher. Beinahe tritt er voller Verachtung auf sie. Er bezeichnet sich als Christ." De la Espriella hat mehrmals seinen christlichen Glauben bekundet. Oft verwendet er wie in dem besprochenen Video die abschließende Formel: "Viva Cristo Rey" (Jesus Christus herrscht als König). Der Präsident sei jedoch "in Wirklichkeit ein Wesen ohne Skrupel und ohne den geringsten Sinn für Menschlichkeit", sagte Cepeda.

Für die Senatorin Alejandra Omaña sei der Vorfall ein Ausdruck von Nekropolitik. Die Regierung versuche, dem Tod eine ästhetische Form zu geben und ihn in Propaganda zu verwandeln. Unter Nekropolitik wird eine Politik verstanden, die den Einsatz politischer und sozialer Macht nutzt, um zu bestimmen, wer leben darf und wer sterben muss. 

Laut Gerichtsmedizin zählten zu den getöteten Personen bei der Militäroperation "Azarías" zwei Minderjährige. Bereits bei den ersten zwei Bombardierungen am 10. und 27. August in Zonen, wo Strukturen von Dissident:innen aktiv sind, hatten die Streitkräfte vier Minderjährige getötet. Auch diese Tötungen sorgten für Kritik. Die Regierung wies darauf hin, dass die Betroffenen Teil der bewaffneten Gruppe waren und daher als "legitimes Ziel" galten.

Inzwischen haben zwei Gerichte der Regierung angeordnet, keine Gebiete zu bombardieren, in denen es Hinweise auf Rekrutierung von Minderjährigen gibt.