Bogotá. Kolumbien erlebt einen deutlichen Kurswechsel in seiner Politik gegenüber illegalen bewaffneten Gruppen. Der neue Präsident Abelardo de la Espriella setzt auf eine Strategie der militärischen Konfrontation und greift verstärkt auf die Rhetorik des "Krieges gegen den Terrorismus" zurück. Gleichzeitig arbeitet seine Regierung an einem Antiterrorgesetz, das eine offizielle Liste von Gruppen schaffen soll, die als terroristisch eingestuft werden.
Der Kurswechsel erfolgte, nachdem De la Espriella drei Dialogprozesse beendet hatte, die unter der Regierung von Gustavo Petro begonnen worden waren. Am 30. August erklärte der Präsident per Erlass die Verhandlungen mit den bewaffneten Gruppen Estado Mayor de Bloques y Frentes (EMBF) unter der Führung von alias 'Calarcá', der Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano (CNEB) und den Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada (ACSN) offiziell für beendet. Die Entscheidung formalisierte der Entzug der Ernennungen der Regierungsvertreter sowie die Aberkennung des Status der Delegierten dieser drei bewaffneten Organisationen.
Die Regierung begründete dies damit, dass bei diesen Gruppen kein "realer und überprüfbarer Friedenswille" erkennbar sei – weder im Hinblick auf eine Wiedereingliederung in das zivile Leben noch auf eine Unterwerfung unter die Justiz. Damit vollzieht De la Espriella einen deutlichen Bruch mit der Politik seines Vorgängers Gustavo Petro, der auf Dialog, die Unterstützung der Opfer von Gewalt sowie auf eine verhandelte Lösung für Frieden und nationale Versöhnung gesetzt hatte.
Nach dem Abbruch der Verhandlungen reaktivierte die Generalstaatsanwaltschaft 46 Haftbefehle gegen Mitglieder der drei Organisationen. Nach der veröffentlichten Aufstellung entfielen 27 dieser Haftbefehle auf Mitglieder des Estado Mayor de Bloques y Frentes, 13 auf Mitglieder der Coordinadora Nacional Ejército Bolivariano und sechs auf Angehörige der Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada.
Das Ende der Verhandlungen fiel mit einer Reihe von Luftoperationen des Militärs zusammen. In den ersten drei Wochen seiner Amtszeit führte das Militär drei Luftangriffe auf Strukturen der Guerillaorganisation Ejército de Liberación Nacional (ELN) sowie auf verschiedene Fraktionen der Dissidenten der ehemaligen FARC-EP durch. Die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia-Ejército del Pueblo (FARC-EP) waren eine seit 1964 bestehende Guerillaorganisation, die 2016 ein Friedensabkommen mit dem Staat unterzeichnete, einzelne Abspaltungen der Organisation sind aber weiter bewaffnet.
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Bei den drei Militäroperationen wurden nach Angaben der Defensoría del Pueblo mindestens vier unbeteiligte Zivilisten (Bauern) verletzt. Die Regierung meldet zudem rund 30 getötete Mitglieder der bewaffneten Gruppen, darunter vier Minderjährige: einer in der Region Catatumbo (Nordosten) und drei im Departamento Guaviare (Süden). Bislang wurde keiner der prioritär gesuchten Anführer unter den Getöteten bestätigt.
Die drei Operationen haben eine Debatte über den Einsatz von Luftangriffen und deren Folgen für die Zivilbevölkerung und insbesondere für Minderjährige ausgelöst. Die Opposition reagierte mit scharfer Kritik: Am 1. September reichten 19 Abgeordnete einen Misstrauensantrag gegen Verteidigungsminister Jorge Eduardo Mora ein. Sie argumentierten, die Minderjährigen seien "Opfer eines Verbrechens" und die "verfassungsrechtliche Antwort des Staates auf diese Minderjährigen könne sich nicht darauf beschränken, sie als Mitglieder einer bewaffneten Organisation zu identifizieren". Der Abgeordnete Oscar Benavides erklärte: "Diese Minderjährigen wurden zweimal zu Opfern: zuerst, als sie von den bewaffneten Gruppen rekrutiert wurden, und dann, als der Staat, der verpflichtet gewesen wäre, sie zu schützen, dies nicht tat."
Die Eskalation der Gewalt wird auch von der Organisation ACLED dokumentiert. Sie registrierte seit dem Amtsantritt De la Espriellas mindestens 84 Todesopfer bei Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und bewaffneten Gruppen. Damit war der August 2026 der tödlichste Monat seit 2018. Die bewaffneten Gruppen reagierten in den ersten drei Regierungswochen mit 30 Drohnenangriffen auf Sicherheitskräfte – mehr als viermal so viele wie im vorangegangenen Zeitraum. Gleichzeitig ging die Zahl der Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen im selben Zeitraum um rund ein Drittel zurück.
Präsident De la Espriella löste eine starke Kontroverse aus, als er öffentlich neben Leichensäcken posierte, die nach seinen Angaben die Körper von 23 getöteten Guerilleros enthielten – bei einer Operation, die er selbst als "erfolgreichen" Militäreinsatz bezeichnet hatte. Dieser Vorfall reiht sich ein in die wachsende internationale Kritik an seiner Regierung. Im Fokus der Kritik stehen seine angeordneten Luftangriffen, bei denen mehrere Minderjährige ums Leben kamen, sowie die Protestwelle von Studierenden in Bogotá, die gegen seine Sicherheitspolitik auf die Straße gegangen sind.
Inmitten dieser Eskalation bekräftigte der Präsident seine Position, das Verbrechen "mit Vernunft oder mit Waffengewalt" zu bekämpfen, und schloss jeden Dialog mit den bewaffneten Gruppen aus.

