Mordanklage gegen Polizisten im Fall Amarildo

Bewohner von Favela in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro verschwand vor zwei Monaten im Polizeigewahrsam

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Transparent: "Wo ist Amarildo?"
"Wo ist Amarildo?"

Rio de Janeiro. Zehn Polizisten, die den Maurergehilfen Amarildo de Souza zu Tode gefoltert haben sollen, müssen sich in Rio de Janeiro vor Gericht verantworten. Der Fall des vor über zwei Monaten im Polizeigewahrsam verschwundenen Bewohners der Favela Rocinha sorgte landesweit, aber auch international für Empörung und die Aufmerksamkeit der Medien. Bewohnervereine, linke Gruppen und Teile der brasilianischen Zivilgesellschaft schlossen sich zur Kampagne "Wo ist Amarildo?" zusammen und fordern seitdem die Aufklärung des Falles.

Wie der Ermittlungsbericht der Mordkommission der Zivilen Polizei von Rio de Janeiro nun zeigt, sollen zehn Polizeibeamte einer Einheit der Befriedungspolizei UPP unter Leitung von Edson Santos für den Tod des 43-jährigen Familienvaters verantwortlich sein. Von der Leiche fehlt weiterhin jede Spur. Laut dem Leiter der Ermittlungen, Rivaldo Barbosa, wurde Amarildo in der Hauptwache der UPP von Rocinha gefoltert und ermordet, um an Informationen über Verstecke von Drogenhändlern zu gelangen. Nach der Tat sollen die Polizisten die Leiche des 43-Jährigen verschwinden lassen haben. Anwälte und die Familie des Opfers bestreiten eine Zusammenarbeit Amarildos mit Drogenbanden.

Mehrere Aussagen und Indizien belasten die Polizisten, die weiterhin ihre Unschuld beteuern. Die Angeklagten sagten aus, dass Amarildo nach nur fünf Minuten auf der Polizeiwache freigelassen wurde und diese über eine Treppe verließ. Eine im Viertel installierte Kamera kann diese Aussage jedoch nicht bestätigen. Die von den Angeklagten beschriebene Version, dass Mitglieder von Drogenbanden für Amarildos Verschwinden und Tod verantwortlich seien, wird laut Presseberichten von den Ermittlern als "Fantasieversion" bezeichnet. Zudem sagten Zeugen aus, dass die beschuldigten Polizisten Amarildo bei seiner Entführung mit seinem Spitznamen "Boi" (Stier) ansprachen und mit den Worten bedrohten: "Du hast verloren. Deine Zeit ist gekommen."

Wie die Tageszeitung Folha de São Paulo berichtet, hat der inzwischen suspendierte Chef der UPP-Einheit Santos außerdem einer Zeugin ein Haus dafür angeboten, ihre Aussage zu ändern. Die Frau und ihre Mutter wurden inzwischen in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Aussagen von Bewohnern Rocinhas belasten die Polizisten zusätzlich. Santos´ UPP-Einheit soll demnach in mindestens 22 weiteren Fällen Bewohner mit Elektroschocks und dem Überstülpen von Plastiktüten gefoltert haben, um Aussagen zu erzwingen.

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Laut Mordkommission waren die Entführung und Folter Amarildos der Versuch, das Scheitern der sogenannten Operação Paz Armada (Operation Bewaffneter Frieden) abzuwenden. Bei der Polizeioperation im Juli, unmittelbar vor dem Verschwinden des 43-Jährigen, versuchten Polizeikräfte erfolglos, Drogenhändler festzunehmen sowie Waffen und Drogen zu beschlagnahmen.

Der Fall von Amarildo ist der erste einer großangelegten strafrechtlichen Verfolgung gegen Polizeibeamte wegen eines Verbrechens gegen einen Favela-Bewohner. An die Unschuld der Angeklagten, die mittlerweile in Untersuchungshaft sitzen, glaubt kaum noch jemand. Ob die Beweise jedoch für eine rechtskräftige Verurteilung ausreichen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen müssen.

Das Verbrechen durch Angehörige der Befriedigungspolizei steht im Kontrast zu dem von der Stadt Rio de Janeiro im Zuge der Vorbereitungen auf die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele konstruierten Bild der UPP als "bürgernahe und konfliktlösende Polizei". Amarildos Tod ist jedoch kein Einzelfall. Aufgrund der Häufigkeit der Übergriffe von Polizeikräften, vor allem auf die sozial schwachen und in der Regel schwarzen Bewohner der Favelas, fordert der Abgeordnete des Bundesstaats Rio de Janeiro Geraldo Pudim nun die Einsetzung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses für Fälle von Polizeigewalt.

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