ARD-Berichte über Venezuela in der Kritik

Kommunikationswissenschaftler und amerika21.de-Mitarbeiter wendet sich an Chefredaktion. Ausführliche Auseinandersetzung

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ARD-Blick auf Venezuela: "Unruhen", "Niedergang", "Spaltung", "Nichts geht mehr"
ARD-Blick auf Venezuela: "Unruhen", "Niedergang", "Spaltung", "Nichts geht mehr"

Berlin. Die Berichterstattung zu den aktuellen Ereignissen in Venezuela bleibt auch in Deutschland nicht ohne Widerspruch. In einem offenen Brief an die ARD-Chefredaktion hat der Kommunikationswissenschaftler und Publizist Malte Daniljuk die Berichterstattung dieses öffentlich-rechtlichen Kanals kritisiert. Daniljuk, der auch zur Redaktion des Lateinamerika-Portals amerika21.de gehört, setzt sich in dem ausführlichen Schreiben mit inhaltlichen Auslassungen und Fehldarstellungen in der ARD-Berichterstattung zu Venezuela auseinander. Nach eigenen Angaben plant Daniljuk zugleich eine entsprechend Eingabe an den Deutschen Presserat.

"In Ihren Berichten über die Proteste nennen Sie immer wieder die Zahl der Toten", heißt es in dem Schreiben, das von amerika21.de heute in voller Länge dokumentiert wird. Die reine Nennung dieser Zahl erwecke den Eindruck, es handle sich dabei um durch Polizeimaßnahmen getötete Protestierende. "Tatsächlich kamen bisher meines Wissens drei Demonstranten durch Polizeigewalt ums Leben. Die Mehrheit der Todesopfer fiel den Gewaltaktionen der Protestierenden zum Opfer", so Daniljuk, der seinem Brief eine detaillierte Liste der Todesfälle mit Hintergründen anfügt.

Die ARD nenne in ihrer Berichterstattung über die Proteste zuletzt die Zahl von über 700 verhafteten Demonstranten, heißt es in dem Schreiben weiter. "Tatsächlich befinden sich aber nur 44 Personen in Haft. Alle anderen Festgenommenen wurden sofort wieder entlassen", konstatiert der Autor. Zum juristischen Umgang wäre zudem berichtenswert, dass die Staatsanwaltschaft bisher acht Angehörige des Geheimdienstes Sebin unter Mordvorwurf verhaften ließ, die sich im Umfeld der ersten tödlichen Auseinandersetzung am 12. Februar aufhielten. "Bemerkenswert ist dies deshalb, weil in Lateinamerika – aber, wie Sie wissen, nicht nur dort – für Angehörige der Sicherheitskräfte bei Ausübung ihrer Tätigkeit bisher komplette Straflosigkeit garantiert war", so Daniljuk weiter.

Er sei "extrem verwundert", welch hohe Akzeptanz militante Protestformen inzwischen unter Redakteuren der ARD genießen, schreibt der Kommunikationswissenschaftler und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge über Venezuela. "Aus Ihrer Bild-Ton-Berichterstattung gewinne ich den Eindruck, dass brennende Barrikaden, das Anzünden öffentlicher Gebäude, die Blockade von Autobahnen und öffentlichen Transportmitteln, die Belagerung öffentlicher Medien, handgreifliche Attacken auf Andersdenkende und Steinwürfe auf die Sicherheitskräfte zu den selbstverständlichen und akzeptierten Formen der politischen Auseinandersetzung gehören", kommentiert Daniljuk. Ignoriert werde dabei, dass von Seiten der Protestierenden regelmäßig auch mit scharfer Munition geschossen wird, schreibt der Autor, der die These hinterfragt, der zufolge es sich bei den Demonstrationen in Venezuela um reine Studentenproteste handele.

Der heute von amerika21.de dokumentierte Brief ist nicht die erste kritische Auseinandersetzung mit der Berichterstattung zu den aktuellen Protesten gegen die sozialistische Regierung in Venezuela. Nach der öffentlichen Kritik des US-amerikanischen Ökonomen und Venezuela-Experten Mark Weisbrot musste die US-Tageszeitung The New York Times unlängst Fehler in einer Meldung eingestehen und korrigieren.

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