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Brasilien: Medienkonzern Globo und die Diktatur

Bislang geheimgehaltene Dokumente enthüllen die Rolle des größten Medienkonzerns Brasiliens während der Militärdiktatur

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Logo des "Rede Globo"
Logo des "Rede Globo"

São Paulo. Brasilien gedenkt in diesem Jahr des 50. Jahrestages des Militärputsches 1964. In diesem Zusammenhang rückt auch die Rolle des Medienkonzerns Organizações Globo

während der Zeit der Militärdiktatur (1964-85) in den Fokus.  Das Mediennetzwerk Globo, zu dem diverse Fernsehsender (Rede Globo TV) und mit O Globo auch eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes gehören, war damals zum mächtigsten Medienunternehmen des Landes aufgestiegen.

Die brasilianische Journalistin Helen Sthephanowitz hat nun bislang geheime Dokumente enthüllt, die eine enge Zusammenarbeit von Globo und Diktatur belegen. Es handelt sich um Depeschen des damaligen US-Botschafters in Brasilien, Lincoln Gordon, in denen dieser seine Vorgesetzten über Gespräche mit Roberto Marinho, dem Besitzer des Globo-Konzerns, unterrichtet. Demnach war Marinho sogar in Personalentscheidungen bis in die Staatsspitze involviert.

Im Kern geht es um ein Telegramm Gordons vom 14. August 1965, das - als "höchst vertraulich" eingestuft - in den Jahren danach geheim gehalten und nun freigegeben wurde. Der US-Botschafter spricht in dem Schreiben davon, dass Marinho "hinter den Kulissen" zusammen mit einer Gruppe hochrangiger Militärs und Geheimdienstler an der Verlängerung oder Erneuerung des Mandats des Diktators Humberto Castelo Branco gearbeitet habe. Zudem wird erwähnt, dass Marinho bei besagten Treffen die Bereitschaft auslotete, den damaligen brasilianischen Botschafter in Washington, Juracy Magalhães, zum Justizminister zu machen - eine Ernennung, die später auch tatsächlich erfolgte. "Ziel war es, Magalhães in der Nähe zu haben, als möglichen Nachfolger des Diktators und um die Schrauben im System anzuziehen, da der Minister Milton Campos als zu zahm für das Ministeramt angesehen wurde, wie es in dem Telegramm heißt", schreibt Sthephanowitz. Als Justizminister sorgte Magalhães später für eine Verschärfung der Zensur in den Medien und forderte von den Zeitungsverlegern, linke Journalisten mundtot zu machen.

Während der brasilianischen Militärdiktatur waren Todesschwadrone, staatliche Morde, Folter und Verschwindenlassen politischer Gegner an der Tagesordnung. Brasilien beteiligte sich auch an der Operation Condor, einer von den USA unterstützen Geheimdienstoperation mehrerer lateinamerikanischer Regierungen mit dem Ziel, linke und andere oppositionelle Kräfte zu verfolgen und auszuschalten. Seit November 2011 untersucht eine brasilianische Wahrheitskommission die Verbrechen während der Militärdiktatur. Der Bericht soll in diesem Jahr vorgelegt werden.

Rede Globo TV, ein Konglomerat verschiedener Fernsehsender, wurde ein Jahr nach dem Putsch im April 1965 von Robert Marinho gegründet und stieg in den Folgejahren zum wichtigsten Fernsehsender Brasiliens und drittgrößten weltweit auf. In den siebziger Jahren galt Marinho als reichster Mann Südamerikas und einer der mächtigsten Medienmogule der Welt. Die britische TV-Dokumentation "Beyond Citizen Kane" (1994) beleuchtet kritisch die Rolle Marinhos während dieser Zeit und seine engen Verbindungen zur Diktatur. Nach Marinhos Tod 2003 übernahmen seine drei Kinder den Konzern.

Im September vergangenen Jahres entschuldigte sich Globo überraschend in einem Leitartikel in der Tageszeitung O Globo für die Unterstützung der Militärdiktatur. Viele Beobachter sahen in diesem Schritt allerdings ein taktisches Manöver: Globo und die Verquickung des Medienkonzerns mit den staatlichen Eliten waren in den Fokus der landesweiten Sozialproteste geraten.

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