Exodus von Minderjährigen aus Zentralamerika

Kontroverse um den Umgang mit unbegleiteten Kindern und Jugendlichen: Militarisierung der Grenzen oder Anerkennung als Flüchtlinge?

grenzfluss.jpg

Migranten überqueren den unbefestigten Grenzfluss Suchiate zwischen Guatemala und Mexiko
Migranten überqueren den unbefestigten Grenzfluss Suchiate zwischen Guatemala und Mexiko

Washington. US-Präsident Präsident Barack Obama hat unlängst mittelamerikanische Eltern aufgerufen, "ihre Kinder nicht in die USA zu schicken", um dem zunehmenden Leid minderjähriger Migranten entgegenzuwirken. Angesichts überfüllter Abschiebeeinrichtungen für Minderjährige entlang der US-mexikanischen Grenze sprach Obama von einer "humanitären Krise". Seit den Äußerungen ist um das Phänomen der minderjährigen Flüchtlinge eine Kontroverse entbrannt. Während Angehörige der Republikanischen Partei der USA wie der texanische Senator John Cornyn eine Militarisierung der grünen Grenze im Süden Mexikos im Rahmen der laufenden Mérida-Initiative fordern, sprechen sich zivilgesellschaftliche Organisationen aus Mexiko und Zentralamerika angesichts massiver Abschiebungen für die Anerkennung der Kinder und Jugendlichen als Flüchtlinge aus. Diese stünden in Guatemala, El Salvador und Honduras schutzlos Zwangsrekrutierungen und Morden der Jugendbanden gegenüber, heißt es von dieser Seite.

Ein Bericht des Hohen Flüchtlingsrates der Vereinten Nationen (UNHCR) im März bestätigte diese Position. Oft sichere nur die Flucht außer Landes das Überleben, heißt es darin. Die überbordende Gewalt mache auch vor den Familienstrukturen keinen Halt, wie hohe Zahlen von häuslicher und sexueller Gewalt zeigten.

Über 50.000 Kinder wurden seit Oktober 2013 an der US-amerikanischen Grenze aufgegriffen – doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des vorigen Jahres. Ein Großteil von ihnen kommt aus Honduras. Dort hat sich die Situation seit einem Putsch vor fünf Jahren dramatisch verschlechtert.

Ein Kommentar bei dem TV-Sender Aljazeera America stellt deshalb die direkte Verantwortlichkeit der USA für die heutige Lage von Jugendlichen in dem mittelamerikanischen Staat heraus. Heute zeigten sich die Folgen des Staatsstreichs, der mit den demokratischen Institutionen gebrochen und eine totale Straflosigkeit, die höchste Mordrate der Welt sowie Repression und Übergriffe gegen Oppositionelle, Journalisten und Anwälte nach sich gezogen habe. Nur eine Rückkehr zur Demokratie und ein Stopp der Militarisierung des Landes könnten den bestehenden Exodus beenden.

Stimmen aus Lateinamerika weisen darüber hinaus auf die Geschichte sozialer Säuberungen gegen marginalisierte Kinder und Jugendliche in Honduras durch Polizei und Todesschwadrone seit dem sogenannten "demokratischen Übergang" Anfang der 1980er Jahre hin. Die Vertreibung sei eine Fortsetzung dieser ultrarechten Politik von Repression und gesellschaftlichem Ausschluss. Der Nachrichtensender Telesur spricht von "einem Krieg niederer Intensität gegen eine kriminalisierte Jugend", der seit dem Putsch einen erneuten Höhepunkt gefunden habe. Die Nichtregierungsorganisation Casa Alianza gibt in diesem Sinne an, dass in Honduras eine Million der 3,7 Millionen Minderjährigen keine Schule besuche. Eine halbe Million Minderjährige seien zu Arbeit gezwungen und rund 8.000 Kinder lebten auf der Straße.

An der Südgrenze Mexikos machte sich indes eine Karawane von zivilgesellschaftlichen Aktivisten aus Mexiko und den USA sowie Kindern, Jugendlichen und Müttern aus Honduras für den Schutz und die Würde von Kindern in der Migration stark. Sie begann mit der Überquerung des Grenzflusses Suchiate zwischen Guatemala und Mexiko und passierte unter anderem die Herberge "Todo por ellos", die den zahlreichen Straßenkindern in der Grenzstadt Tapachula Essen und Unterschlupf bietet. Die Aktivisten besuchten auch das dort ebenfalls ansässige größte Abschiebegefängnis Lateinamerikas. Über die Installationen in Tapachula wurden im laufenden Jahr laut Angaben der Ausländerpolizei INM schon mehr als 10.000 zentralamerikanische Minderjährige abgeschoben. Die mexikanische Regierung zeigt sich hinsichtlich einer Militarisierung der Südgrenze zurückhaltend, gibt aber an, Polizeipräsenz und Kontrollposten im Landesinneren erhöhen zu wollen.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr