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VW soll mit Diktatur in Brasilien kollaboriert haben

Schwarze Listen, Bespitzelung und Misshandlungen auf dem Werksgelände von VW do Brasil. Konzern weist Vorwürfe der Wahrheitskommission zurück
Gewerkschaftsakivisten bei einer Versammlung in São Paulo im August 1981

Gewerkschaftsakivisten bei einer Versammlung in São Paulo im August 1981

São Paulo. Dem deutschen Autobauer Volkswagen wird vorgeworfen, aktiv an der Repression zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) beteiligt gewesen zu sein. Es handelt sich dabei um einem von zahlreichen Fällen, bei denen große Unternehmen offenbar bereitwillig mit den Militärs zusammenarbeiteten. Der Konzern wiegelt ab und verspricht eine Prüfung der Vorwürfe, die Ende Februar vor der Wahrheitskommission des Bundesstaates São Paulo erhoben wurden. Die Recherchen der Kommission seien wichtig, doch "zu keinem Zeitpunkt hat sich VW einer Verletzung der Menschenrechte schuldig gemacht", erklärte Rogério Vargas, Gesandter der Rechtsabteilung von Volkswagen, vor der Kommission.

Der Kommissionschef Adriano Diogo reagierte ungehalten. Es sei nicht hinzunehmen, dass VW nicht kooperiere und die dokumentierten Vorwürfe einfach von sich weise. Er kündigte an, die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. "Irgendwann wird Volkswagen seine perverse Zusammenarbeit mit der Diktatur eingestehen müssen", so Diogo.

Immerhin war VW der Vorladung der Kommission gefolgt, die einer der vielen regionalen Ableger der Nationalen Wahrheitskommission ist. Diese hatte Ende vergangenen Jahres ihre Arbeit beendet. Die regionalen Kommissionen haben ebenfalls kein Mandat, mutmaßlich Verantwortliche vor Gericht zu stellen. Aber sie sollen Namen nennen und die Umstände von Folter und Unterdrückung untersuchen. In ihrem Abschlussbericht erhöhte die Nationale Kommission die Zahl der von den Militärs Getöteten auf 434. Die Zahl der damals Gefolterten beträgt knapp 2.000, wobei die Dunkelziffer demzufolge erheblich höher liegen dürfte.

Thema der Kommissionssitzung waren Vorwürfe, dass Unternehmen, darunter viele ausländische, die Repression des Regimes gegen unliebsame Gewerkschafter im Industriegebiet rund um die Metropole São Paulo unterstützt haben sollen. Ein Dokument, das aus dem Archiv des ehemaligen Folterzentrum Dops stammt, ist eine Liste von gewerkschaftlich organisierten Arbeitern, die VW an die Militärs weitergegeben hat. Ein anderes Dokument belegt, dass VW kritische Arbeiter bespitzelte. Unter diesen wird auch der spätere Präsident Luis Inácio Lula da Silva namentlich genannt.

Der ehemalige Metallarbeiter Lúcio Bellentani sagte vor der Kommission, er sei im Juni 1972 im VW-Werk festgenommen und schon im Beisein von Sicherheitsleuten der Firma geschlagen worden. Dann sei er in das Dops gebracht worden, wo er wochenlang "verschwand" und gefoltert wurde.

Die Listen mit den Namen von Aktivistinnen un Aktivisten kursierten offenbar in zahlreichen Unternehmen, die in der "ABC" genannten Industrieregion angesiedelt waren. Wer einmal auf dieser Liste stand, fand dort keine Arbeit mehr.

Laut dem Abschlussbericht der Nationalen Wahrheitskommission haben neben VW über 80 namhafte Unternehmen mit der Diktatur zusammengearbeitet. Unter ihnen viele Autobauer wie Mercedes Benz, Toyota, Ford und Scania, aber auch Firmen wie Siemens oder Kodak. Alle gaben Namen von Regimekritikern weiter, einige unterstützten die Militärs und ihre Folterzentren sogar mit großzügigen Geldspenden. Manchmal seien auch Arbeitsunfälle inszeniert worden, um das wirkliche Schicksal einiger Oppositioneller zu vertuschen, so der Bericht.

Es ist durchaus möglich, dass sich die Unternehmen für die Verfolgung der Oppositionellen eines Tages juristisch verantworten müssen. Denn anders als die Diktaturschergen sind weder die Firmen noch ihre Angestellten durch das Amnestiegesetz geschützt, das bislang die rechtliche Aufarbeitung der Repression verhindert. In den Prozessen kann es Experten zufolge um die Zahlung von Schadensersatz bis hin zu schwersten Menschenrechtsverletzungen gehen.

Volkswagen ist nicht das einzige deutsche Prestige-Unternehmen, dass diese Vorwürfe einfach ignoriert. Auch Siemens wurde im Januar dieses Jahres bei seiner Aktionärsversammlung in München von Aktivisten mit dem Kollaborationsvorwurf konfrontiert. "Das liegt jetzt 40 Jahre zurück! Uns interessiert Siemens heute", sagte Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme dazu.

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