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Deutsche Botschaft in Chile hat Verantwortliche der Colonia Dignidad mit Absicht eingeladen

Joachim Gauck mit Filmemacher Florian Gallenberger in der Residenz des Botschafters. Im Hintergrund Reinhard Zeitner

Joachim Gauck mit Filmemacher Florian Gallenberger in der Residenz des Botschafters. Im Hintergrund Reinhard Zeitner

Quelle: fdcl.org

Berlin. Die Einladung von zwei führenden Mitgliedern der ehemaligen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile zu einem Empfang für Bundespräsident Joachim Gauck in der Residenz des deutschen Botschafters sorgt weiter für Kontroversen. Nun erklärte das Auswärtige Amt, die beiden Männer seien von der deutschen Botschaft mit Absicht eingeladen worden. Beobachter waren ursprünglich davon ausgegangen, dass der verurteilte Straftäter Reinhard Zeitner und der einstige Chef der juristischen Abteilung der Sekte, Hans Schreiber, am 13. Juli durch einen protokollarischen Fehler in die Botschafter-Residenz gelangt sind.

Der damalige Sicherheitsmann Zeitner war in Chile wegen Mittäterschaft in Fällen von Kindesentführung und Kindesmissbrauch zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Wie Schreiber gehörte er zum engsten Kreis um den langjährigen Sektenchef Paul Schäfer. Beide Männer bekleiden heute Posten in der Nachfolgeorganisation Villa Baviera (Bayerisches Dorf).

In der Antwort auf Nachfragen des Linken-Abgeordneten Jan Korte, die amerika21 vorliegt, stellte das Auswärtige Amt nun klar, dass die Einladung der beiden Mitverantwortlichen für Verbrechen in der Colonia Dignidad "nach einem Abwägungsprozess der Botschaft Santiago" erfolgte. Dabei seien die "Vergangenheit und gegenwärtige Positionen der betreffenden Personen einbezogen" worden. Die Botschaft habe damit auch dem Umstand Rechnung getragen, "dass Grenzen zwischen Tätern und Opfern in einem geschlossenen verbrecherischen System wie der Colonia Dignidad nicht mit letzter Trennschärfe zu ziehen sind". Viele frühere Bewohner der inzwischen in Villa Baviera (Bayerisches Dorf) umbenannten Sektensiedlung seien zur Täterschaft gezwungen worden und seien zugleich selbst Opfer gewesen.

Nach Protesten von Opferverbänden und Menschenrechtsorganisationen hatte das Bundespräsidialamt die Einladung der beiden Colonia-Funktionäre in die Residenz von Botschafter Rolf Schulze bedauert. Dem entgegen wagt das Auswärtige Amt eine Gratwanderung: den Erklärungen zufolge hat ein Diplomat der deutschen Botschaft sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit Zeitner, Schreiber und anderen ehemaligen Vertrauten von Sektenchef Schäfer getroffen.

Der Linken-Abgeordnete Jan Korte reagierte auf die Begründung des Außenamtes mit Fassungslosigkeit. Zeitner habe laut chilenischer Justiz an der Entführung eines Minderjährigen mitgewirkt, dessen Verschleppung fast zwei Jahre andauerte. "Die 'Abwägung' des Auswärtigen Amtes bestand wohl darin, festzustellen, dass manche der Colonia-Täter während ihrer Jugend auch Missbrauchshandlungen des Sektenführers Paul Schäfer erleiden mussten", so Korte. Dies treffe zwar zu, dennoch habe in der Colonia Dignidad kein Befehlsnotstand geherrscht. "Die Aussagen der Bundesregierung und die 'Abwägungen' des AA verharmlosen schwerste Straftaten und sind ein Schlag ins Gesicht der Opfer", so Korte weiter. Laut Bundesregierung habe es in der Colonia Dignidad im Prinzip nur den bösen Einzeltäter Paul Schäfer gegeben, der alle anderen zu ihren Taten gezwungen habe. Dies sei Geschichtsklitterung, so Korte: "Diese Argumentation führt letztlich zur Straflosigkeit."

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