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Hilferuf von Kooperative in Argentinien nach Boykott der Regierung

Staatsführung verweigert ehemals besetzter Fábrica sin Patrones Kredite für Maschinen. Weiterführung der Produktion und 430 Arbeitsplätze gefährdet
Arbeiter in der selbstverwalteten argentinischen Keramikfabrik FaSinPat

Arbeiter in der selbstverwalteten argentinischen Keramikfabrik FaSinPat

Lizenz: CC by-sa 2.0

Neuquén. Die selbstverwaltete argentinische Keramikfabrik FaSinPat (Fábrica Sin Patrones, etwa: Fabrik ohne Chefs), ehemals Cerámica Zanon, hat eine Solidaritätskampagne gestartet, um das drohende ökonomische Aus des Betriebs zu verhindern. Die Verweigerung staatlicher Kredite für die Erneuerung der veralteten Infrastruktur bringt Arbeitsplätze in Gefahr, von denen der Unterhalt von rund 300 Familien abhängt. Der internationale Spendenaufruf soll der Kooperative dringend notwendige Investitionen ermöglichen, die die Zukunft der Fabrik sichern sollen.

Da die Maschinen zur Herstellung von Fliesen und anderen Keramikprodukten bereits mehr als 30 Jahre alt sind, sei es nicht mehr möglich, eine wettbewerbsfähige Produktion aufrechtzuerhalten, so die Kooperative. Die Belegschaft hat daher einen Innovationsplan über 140 Millionen argentinischer Pesos (etwa 8,2 Millionen Euro) ausgearbeitet. Ein Teil davon soll mittels staatlicher Kredite finanziert werden.

Beim Fonds für die Ökonomische Entwicklung Argentiniens (FONDEAR) des Wirtschaftsministeriums wurde ein Kreditantrag über knapp 50 Millionen Pesos (knapp drei Millionen Euro) gestellt. Dieser blieb bislang ohne Antwort. Gemeinsam mit der Einrichtung eines Spendenfonds richtet die Belegschaft daher nun einen Solidaritätsaufruf an die internationale Gemeinschaft, Gewerkschaften, soziale, studentische und Menschenrechtsorganisationen. Einzahlungen in den Fonds sind weltweit auch online über die Solidaritätsplattform möglich.

Die Keramikfabrik Zanon wurde 1979 von dem Unternehmer Pedrito Zanon mit Unterstützung der damaligen Militärregierung in der patagonischen Provinz Neuquén gegründet. Ein seitens der Provinz dafür bereitgestellter Kredit wurde nie zurückbezahlt. Im Jahr 2000 geriet das Unternehmen in ökonomische Schwierigkeiten, im Jahr 2001 wurde schließlich der Konkurs beantragt. Die aus 380 Mitarbeitern bestehende Belegschaft weigerte sich, auf die Straße gesetzt zu werden, besetzte die Fabrik, und gründete sie schließlich 2002 als Kooperative FaSinPat neu. Deren ökonomische Entwicklung verlief lange Zeit positiv. So wurde die Belegschaft innerhalb der ersten vier Jahre um 170 Mitarbeiter erweitert. Gegenwärtig bietet sie Arbeitsplätze für etwa 430 Personen. So wie die meisten selbstverwalteten Betriebe Argentiniens unterhält auch FaSinPat enge solidarische Beziehungen mit Anrainern und sozialen Organisationen der Region.

Seit dem Amtsantritt des konservativen Präsidenten Mauricio Macri im Dezember 2015 werden die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für selbstverwaltete Betriebe immer schwieriger. Darauf wiesen bereits im Mai Experten der Universität von Buenos Aires in einer Studie hin. So machen etwa die internationale Öffnung des Binnenmarktes, die aufgrund der Sparpolitik reduzierte Nachfrage und die Erhöhung der Tarife für Strom und Gas um oftmals mehrere Hundert Prozent besonders kleineren und mittleren Betrieben das Überleben schwer. Zudem kommen der Abbau staatlicher Förderprogramme und eine zunehmende Aggressivität gegen selbstverwaltete Betriebe seitens der Justiz und Gesetzgebung.

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