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Soziale Kluft in Argentinien wird tiefer und breiter

Zahlen des Statistikamtes zeigen dramatische soziale Entwicklung. Gewerkschaften sprechen von Lohnverfall von bis zu sieben Prozent. Reiche immer reicher
Armenviertel rund zehn Minuten außerhalb von Buenos Aires, Argentinien

Armenviertel rund zehn Minuten außerhalb von Buenos Aires, Argentinien

Quelle: Roger Schultz
Lizenz: CC by 2.0

Buenos Aires. Nach Angaben des argentinischen Bundesamtes für Statistik und Bevölkerungszählung (INDEC) leben 50 Prozent der Bevölkerung in dem südamerikanischen Land von einem Einkommen unterhalb der Mindestlohngrenze von 8.060 Pesos (rund 480 Euro). Das geht aus den Zahlen zum dritten Quartal von 2016 hervor, die den täglichen Existenzkampf in Argentinien ebenso deutlich machen wie die massive soziale Ungleichheit: Zehn Prozent der Bevölkerung verfügen demnach über 31,5 Prozent der Totaleinkünfte. Dass die Schere zwischen Arm und Reich groß ist, zeigt auch eine weitere Zahl des INDEC: Der Lohnunterschied zwischen dem ärmsten Zehntel – durchschnittlich 1.369 Pesos (rund 80 Euro) – und dem reichsten beträgt 2.500 Prozent.

Obwohl das reichste Zehntel der Bevölkerung durchschnittlich ein relativ niedriges Monatseinkommen von 34.998 Pesos (rund 2.100 Euro) aufweist, sind die Unterschiede innerhalb dieser Gruppe extrem: Sie reichen von 22.500 Pesos bis zu 274.000 Pesos (rund 16.500 Euro). Von den 16,4 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmern Argentiniens verdienen etwas mehr als drei Millionen (rund 18 Prozent) mehr als die Hälfte der Gesamteinkünfte. Zum Vergleich: Der Anteil des ärmsten Zehntels beträgt lediglich 4,3 Prozent.

Die aktuelle INDEC-Publikation zum Bevölkerungseinkommen ist erst die zweite dieser Art unter Präsident Mauricio Macri. Aufgrund eines großen Stromausfalls beim INDEC Anfang 2016, wurden sowohl die Zahlen des dritten und vierten Quartals 2015 als auch die des ersten Quartals 2016 nicht veröffentlicht. Somit fehlt die Möglichkeit eines lückenlosen Jahresvergleichs. Vergleichen lassen sich jedoch die Zahlen des jeweiligen zweiten Quartals. Daraus geht hervor, dass einerseits die Einkommen der obersten beiden Zehntel, anderseits diejenigen des untersten Zehntels minimal angestiegen sind.

Dennoch stellt das INDEC beim Vergleich der Zahlen des zweiten Quartals von 2016 und 2015 fest, dass die Konzentration der Einkünfte insgesamt zugunsten der reichsten 20 Prozent zugenommen hat. Zahlen des Gewerkschaftsbundes CTA belegen zudem, dass im Jahr 2016 die Reallöhne der argentinischen Staatsangestellten unter Berücksichtigung der starken Inflation um acht Prozent gefallen sind. Auch im Privatsektor waren die Angestellten von einer durchschnittlichen Lohnreduktion um drei Prozent betroffen. Der andere große argentinische Gewerkschaftsbund, CGT, beziffert diese Zahl sogar auf sechs bis sieben Prozent.

Das Arbeitsministerium unter der Leitung von Jorge Triaca dementiert diese Zahlen hingegen. Dort wird davon ausgegangen, dass die Lohnverluste vieler Angestellter durch staatliche und unternehmerische Maßnahmen wie höhere Familienzulagen, Jahresboni und Steuererleichterungen kompensiert werden konnte. Dieser Darstellung stellt Héctor Daer, einer der CGT-Führer, den Verlust der Kaufkraft entgegen: "Es gab einen realen Verlust der Kaufkraft. Während sich die jährliche Inflation 2016 zwischen 20 Prozent und 25 Prozent bewegte, lag der Kaufkraftverlust bei 40 Prozent. Er ist im formellen Sektor sehr konkret und im informellen noch viel größer."

Viele Menschen arbeiten in Argentinien ohne Arbeitsvertrag bzw. in einem informellen Job. Im Hinblick auf Lohnstatistiken ist darum mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen. Ein politisch höchst kontroverses Thema ist vor diesem Hintergrund derzeit die polizeiliche Räumung der Straßenverkäufer rund um den Bahnhof Once in Buenos Aires. Den sogenannten Manteros, größtenteils peruanischer Herkunft, werden mafiöse Strukturen vorgeworfen. Gegner dieser Polizeiaktion sind jedoch der Ansicht, dass die Manteros Opfer eines organisierten Menschenhandels sind. Der Streit gipfelt momentan in täglichen Straßensperren und -protesten sowie zahlreichen Verhaftungen.

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