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Positive Reaktionen auf Abkommen zwischen Deutschland und Chile zur Colonia Dignidad

Dieter Lamlé (mi.) und Chiles Botschafter Patricio Pradel (vo.)

Dieter Lamlé (mi.) und Chiles Botschafter Patricio Pradel (vo.)

Quelle: minrel.gov.cl

Berlin/Santiago de Chile. Die Unterzeichnung einer Absichtserklärung zwischen Deutschland und Chile über eine bilaterale Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der Foltersiedlung Colonia Dignidad ist bei Menschenrechtsaktivisten auf positive Resonanz gestoßen. Eine solche Erklärung war unlängst in Berlin von einem Vertreter des Auswärtigen Amtes und dem chilenischen Botschafter in Deutschland unterzeichnet worden. Unterschrieben wurde sie nach Angaben des Auswärtigen Amtes von dem Regionalbeauftragte für Lateinamerika und Karibik, Dieter Lamlé, und dem Botschafter Chiles, Patricio Pradel.

Die beabsichtigte Chilenisch-deutsche Gemischte Kommission setze "einen Rahmen für die Aufarbeitung des in der 'Colonia Dignidad' verübten Unrechts und die Integration der Opfer in die Gesellschaft, sowie die Einrichtung eines Gedenkorts. Die Regierungen beider Staaten bekräftigten damit ihr Ziel, auch bei dieser Thematik "eng und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten", hieß es vom deutschen Außenamt.

Der Gedanke zur Einrichtung gehe zurück auf Gespräche, die der Regionalbeauftragte im Jahr 2016 in Chile geführt hat. Bei Staatssekretärskonsultationen im April 2017 seien diese Pläne weiter konkretisiert worden.

Jan Stehle vom in Berlin ansässigen Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile Lateinamerika (FDCL) bezeichnete die Absichtserklärung und einen ihr zugrunde liegenden Bundestagsbeschluss von Ende Juni als "Ergebnis des jahre- bzw. jahrzehntelangen Kampfes von chilenischen und deutschen Opfern" der deutschen Sektensiedlung. Auch Angehörige, Menschenrechtsaktivisten, Juristen, Journalisten und "einige Abgeordnete" des Bundestags hätten zu dem Erfolg beigetragen. "Nach jahrzehntelangem Versagen beider Staaten im Menschenrechtsschutz könnte dieser Beschluss zum Ausgangspunkt einer umfangreichen Aufarbeitung der Verbrechen werden", so Stehle. Die Geschichte des Falls Colonia Dignidad zeige jedoch auch, dass es sich lohne, das weitere Verfahren aufmerksam zu begleiten. Schließlich habe der Bundestag bereits im Jahr 2002 "Hilfe für die Opfer der Colonia Dignidad" beschlossen, viele der damals von der Bundesregierung geforderten Maßnahmen seien jedoch gar nicht oder nicht im Sinne der Opfer umgesetzt worden. "Dies darf nicht noch einmal passieren", betonte Stehle.

Die Colonia Dignidad war 1961 von dem Nazi und Pädophilen Paul Schäfer rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile gegründet worden. Schäfer und seine Anhänger verübten in der Sektensiedlung systematisch Kindesmissbrauch, Körperverletzungen und zwangen Bewohner zur Zwangsarbeit. Während der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990) wurden dort Regimegegner gefoltert und ermordet. Schäfer wurde 2005 in der Siedlung festgenommen und in dem südamerikanischen Land unter anderem wegen Kindesmissbrauchs in mehreren Fällen verurteilt. Er starb fünf Jahre später in einem chilenischen Gefängniskrankenhaus. Inzwischen wurde die Siedlung in "Villa Baviera" (Bayerisches Dorf) umbenannt.

Einer der Verantwortlichen, der damalige Sektenarzt Hartmut Hopp, ist vor einigen Jahren nach Deutschland geflohen und konnte so bis heute eine Haftstrafe vermeiden. In Chile wurde er wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Seine deutsche Staatsangehörigkeit schützt ihn vor Auslieferung. Die chilenische Justiz hat daher die Vollstreckung der Strafe in Deutschland beantragt.

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