Chile: Präsident Piñera setzt weiter auf Militarisierung der Araucanía-Region

Sicherheitschef der Region und Oberbefehlshaber der umstrittenen Spezialeinheit nach Mord an Mapuche zurückgetreten. Landesweite Proteste gehen weiter

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Die Proteste gegen den Mord an Camilo Catrillanca gehen in ganz Chile weiter
Die Proteste gegen den Mord an Camilo Catrillanca gehen in ganz Chile weiter

Santiago. Zwei Wochen nach dem Mord an dem Mapuche Camilo Catrillanca hat Chiles Präsident Sebastián Piñera auf seiner Reise in die Araucanía-Region die Spezialeinheit der Militärpolizei "Dschungelkommando" verteidigt. Die Proteste halten unterdessen im ganzen Land an.

Vertreter der studentischen Mapuche-Organisationen in der Hauptstadt Santiago fordern "die Entmilitarisierung des Mapuche-Territoriums, den Rückzug der Spezialeinheit, den Rücktritt von Innenminister Andrés Chadwick und des Generaldirektors der Polizei, Hermes Soto, wegen ihrer politischen Verantwortung für den Tod von Camilo Catrillanca". Bei einem Protestmarsch am Montag versammelten sich hunderte Menschen mit Mapuche-Flaggen und skandierten: “Das geraubte Land wird zurückerobert werden”. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfen gegen sie vor.

Im ganzen Land, vor allem in der südlichen Araucanía-Region halten die Proteste seit dem Mord an Catrillanca an. Er war am 14. November in Temucuicui de Ercilla erschossen worden. Er fuhr mit einem Traktor von der Feldarbeit nach Hause, als das Dschungelkommando in die Gemeinde einfiel und das Feuer eröffnete. "Sie haben erst fünf Mal in die Luft geschossen, dann auf den Traktor und auf uns", berichtete ein 15-jähriger, der mit auf dem Traktor gesessen hatte. Eine der Kugeln traf Catrillanca von hinten in den Kopf. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Das in Kolumbien ausgebildete Kommando wurde 2018 von der Regierung des rechts-konservativen Präsidenten Sebastián Piñera geschaffen. Die Spezialeinheit soll nach offiziellen Angaben im Süden Chiles die Landkonflikte zwischen den Mapuche, den Großgrundbesitzern und Forstunternehmen "schlichten" und "den Terrorismus" bekämpfen. Hauptsächlich geht sie gewaltsam gegen die Indigenen vor.

Der Begleiter Catrillancas, der festgenommen und verprügelt wurde, sagte weiter aus, dass Unteroffizier Raúl Ávila Morales die Speicherkarte aus der GoPro-Kamera, die zur Grundausrüstung des Kommandos gehört, entfernt und zerstört hatte. Aus seiner Waffe sei der tödliche Schuss gekommen. Militärpolizei-Chef Soto hat die Vernichtung von Beweismaterial inzwischen bestätigt und vier Polizisten suspendiert. Der Sicherheitschef der Region, Mauro Victtoriano, und Oberst Iván Contreras, der Oberbefehlshaber der Spezialeinheit, traten zurück.

Nur wenige Stunden nach Catrillancas Tod hatte der Verwalter von Araucanía, Luis Mayol, erklärt, der Mapuche sei vorbestraft und in einen Autodiebstahl verwickelt gewesen, daher habe die Polizei ihn verfolgt. Beides stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Öffentlich wurde zudem infrage gestellt, warum eine Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung mit 200 Polizisten, Kriegswaffen und einem Hubschrauber wegen eines Autodiebstahls eingesetzt wurde. Mayol trat zurück. Die Familie Catrillancas und Unterstützer fordern auch den Rücktritt von Innenminister Chadwick. Die Abgeordnetenkammer hat ihn für den 11. Dezember zur Befragung geladen.

Inmitten dieser politischen Krise reiste Piñera in die Araucanía-Region. Anstatt sich mit der Familie des Ermordeten zu treffen und das fragwürdige Vorgehen des Kommandos zu kritisieren, verteidigte er es: "Die Spezialeinheit wird hierbleiben, weil ihre Präsenz gebraucht wird", sagte er zur Presse. "Auch wenn einzelne Polizisten Fehler machen, die bestraft werden müssen, ist es die Arbeit der Polizei, unsere Leben zu beschützen.“

Piñera bekräftigte zudem die weitere Umsetzung des Araucanía-Plans, der vier Punkte beinhaltet: "Erstens, ein Klima des Dialogs und der Kollaboration herstellen. Zweitens, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region stärken. Drittens, ihren multikulturellen Charakter anerkennen und unterstützen. Viertens, die öffentliche Ordnung, die Sicherheit der Bürger und den Rechtsstaat wiederherstellen". Weder eine verfassungsrechtliche Anerkennung der Mapuche, noch die Rückgabe von Land oder politische Autonomie sind geplant ‒ dagegen verschärfte militärische Maßnahmen: "Wir werden mit aller Kraft und Härte des Rechtsstaats und des Gesetzes die Terroristen verfolgen, die gewaltsam ihre Ideen aufdrängen wollen und nicht bereit sind, sich den Regeln der Demokratie zu unterwerfen“, so der Präsident.

Der Besuch und die Aussagen Piñeras sorgten für noch mehr Unmut und Proteste. "Der Plan Araucanía hat versagt", kritisiert etwa Marcelo Catrillanca, Vater von Camilo. Er sei zunehmend enttäuscht vom Staat: "Jede Regierung sagt, dass sie eine historische Schuld dem Volk der Mapuche gegenüber hat, aber wir sehen keine Lösungen. Sie töten weiter unsere Leute, zuletzt meinen Sohn".

Die Ermittlungen zu den Todesumständen von Camilo Catrillanca laufen. Weitere Proteste in ganz Chile sind geplant.

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