Argentinien

Ehemalige Ford-Manager wegen Kooperation mit Diktatur in Argentinien verurteilt

Erstes Urteil gegen Vertreter eines multinationalen Unternehmens wegen Diktaturverbrechen. Haftstrafen für Ford-Sicherheitschef und Produktionsmanager

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Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude während der Gerichtsverhandlung: "Auf dem Werksgelände von Ford Motors Argentina wurde während der zivil-militärischen  Diktatur entführt und gefoltert"
Kundgebung vor dem Gerichtsgebäude während der Gerichtsverhandlung: "Auf dem Werksgelände von Ford Motors Argentina wurde während der zivil-militärischen Diktatur entführt und gefoltert"

San Martín, Argentinien. Zwei ehemalige Manager des US-amerikanischen Automobilkonzerns Ford sind in Argentinien wegen ihrer Kooperation im "schmutzigen Krieg" der zivil-militärischen Diktatur (1976-1983) verurteilt worden. Das Strafgericht von San Martín in der Provinz Buenos Aires sprach den damaligen Leiter des Ford-Sicherheitsdienstes Héctor Francisco Sibilla und den Produktionsmanager Pedro Müller wegen ihrer Rolle bei der Verfolgung von Gewerkschaftsdelegierten schuldig.

Es ist das erste Mal, dass in Argentinien Vertreter eines multinationalen Unternehmens wegen ihrer Rolle in der Diktatur verurteilt wurden. Unter der Militärregierung wurden zehntausende Oppositionelle inhaftiert und gefoltert. 30.000 Personen wurden ermordet und "verschwanden".

Im Fall der argentinischen Niederlassung von Ford wurden zwischen März und August 1976 24 Arbeiter entführt und auf dem Werksgelände gefoltert. Das Gericht macht im Urteil nun erstmals Führungskräfte der Firma für die Verbrechen verantwortlich. Es verurteilte Sibilla zu zwölf und Müller zu zehn Jahren Haft. Auch der ehemalige Beauftragte für Arbeitsbeziehungen bei Ford, Guillermo Galarraga, war in dem Prozess angeklagt worden, starb jedoch vor dem Ende der Gerichtsverhandlungen im Jahr 2016.

"Der Prozess hat klargemacht, dass Führungskräfte und hochrangige Mitarbeiter von Ford, von denen Müller und Sibilla nur zwei sind, Entscheidungen getroffen und Unterstützung geleistet haben, damit die 24 Arbeiter entführt und gefoltert werden konnten", sagte die Anwältin der Opfer, Elizabeth Gómez Alcorta. Die Anklage hatte 25 Jahre Haft für die beiden Ex-Mitarbeiter des Autokonzerns gefordert.

Konkret leisteten die Verurteilten den Sicherheitskräften Hilfe, indem sie Listen der zu entführenden Arbeiter erstellten und ihre Personalblätter und Fotos an die Sicherheitskräfte weitergaben. Den Militärangehörigen wurde völlige Bewegungsfreiheit in der Fabrik gewährt und ein Bereich des Werksgeländes für Folterungen überlassen. Zudem organisierten die Ford-Führungskräfte die Verpflegung der Militärs und stellten firmeneigene Lieferwagen zum Transport der Gefangenen zur Verfügung.

"Es gab eine Entscheidung der obersten Führungskräfte, die Infrastruktur der Firma zur Verfügung zu stellen, um die Verhaftung und Folterung der 24 Arbeiter durchführen zu können", so Gómez. Die Anwältin bezeichnete den Prozess und die Urteile als "historisch". Es müsse im Rahmen der Mitverantwortung der Unternehmen bei der Disziplinierung der Arbeiter durch das Militär verstanden werden. Das Urteil sende ein wichtiges Zeichen aus: "Egal, zu welchen Machtkreisen jemand gehört: Die Justiz wird ihn belangen, wenn er für schwere Verbrechen verantwortlich ist."

Das Verfahren gegen die Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen bei Ford zog sich über viele Jahre hin. Bereits im Zuge der argentinischen Wahrheitskommission im Jahr 1984 beschuldigten Arbeiter die Unternehmensleitung, systematisch an der Entführung, illegalen Internierung und Folterung von Angestellten mitgewirkt zu haben. Erst im Jahr 2002 wurden gerichtliche Untersuchungen eingeleitet, die in einer Anzeige durch die Staatsanwaltschaft mündeten. Seit 2006 befasste sich das Gericht in San Martín mit dem Fall. Das eigentliche Verfahren wurde erst im Juni 2014 eröffnet und ab Dezember 2017 fanden mündliche Befragungen von Opfern statt, die in der Öffentlichkeit auf große Aufmerksamkeit stießen.

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