Kolumbien: Erneut Leichenteile in Slums von Bogotá aufgetaucht

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In Bogotá sollen rund 1,4 Millionen Slum-Bewohner durch paramilitärische Drogenbanden gefährdet sein
In Bogotá sollen rund 1,4 Millionen Slum-Bewohner durch paramilitärische Drogenbanden gefährdet sein

Bogotá. Nachdem seit Januar mehrmals Beutel mit menschlichen Körperteilen an verschiedenen Punkten der Metropolregion Bogotá aufgetaucht sind, läuten bei Menschenrechtlern wegen dieses neuen Gewaltphänomens die Alarmglocken. Der bislang zehnte zerstückelte Körper wurde am vergangenen Wochenende in dem südlichen Slum Ciudad Bolívar aufgefunden. Nach Aussage von Oberbürgermeister Enrique Peñalosa soll es keinen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Fällen geben.

Lokale Aktivisten versichern hingegen, es stecke eine Unterwerfungsstrategie paramilitärischer Banden gegen die Slum-Einwohner dahinter. Sie hätten in den letzten Monaten eine Zunahme der Gewalt in den Armenvierteln beobachtet, in denen die meisten zerstückelten Menschen auftauchten. Immer mehr Jugendliche würden dort ermordet, der Drogenverkauf und die Erpressungen lokaler Kleinhändler hätten zugenommen. Ebenso tauchen immer mehr Drohpamphlete paramilitärischer Strukturen wie der Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen (AGC) und der "Schwarzen Adler" (Águilas Negras) gegen Homosexuelle, Prostituierte und venezolanische Migranten auf.

Auch politisch und sozial Engagierte sind Angriffsziele solcher Gruppen. So erzählte ein Aktivist des Stadtviertels Kennedy, dass nicht identifizierte Männer Listen von Teilnehmern der Versammlungen der Nachbarschaftsräte (Juntas de Acción Comunal) verlangt hätten. In dieser Zone gebe es eine Zusammenarbeit zwischen den Mafias, der Polizei und lokalen Politikern.

In Soacha, einem armen Vorort im Südwesten Bogotás, wo Körperteile von zwei Menschen aufgefunden wurden, gebe es Einrichtungen zur Ausbildung von Auftragsmördern, informierte eine Vertreterin des Dachverbands von Basisorganisationen in Ciudad Bolívar (Coordinadora Cívico Popular de Ciudad Bolívar). Die dort trainierten Personen seien in anderen Slums von Bogotá aktiv. "Die Schulung hat Stufen, in denen das Stehlen, der Umgang mit Waffen und das Zerstückeln beigebracht werden", sagt die Aktivistin. Tatsächlich haben die Behörden in Soacha ein sogenanntes "Hackhaus" (casa de pique) entdeckt. Dort sollen Menschen zerstückelt worden sein, die später in anderen Stadtteilen auftauchten.

Mehrmals wurde die Stadtverwaltung bereits durch den zuständigen Ombudsmann vor der wachsenden Macht von Nachfolgegruppen der ehemaligen paramilitärischen Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC) in den Armenvierteln aufmerksam gemacht. Demnach seien mindestens 1,4 Millionen Menschen durch diese Gruppen gefährdet. Menschenrechtler und Anführer der sozialen Bewegungen in Bogotá werfen Bürgermeister Peñalosa vor, nichts dagegen unternommen zu haben und die Präsenz paramilitärischer Gruppen in Bogotá zu leugnen. Deshalb haben sie bei der Verwaltungsstaatsanwaltschaft beantragt, Peñalosa wegen Unterlassung zu sanktionieren. "Es gibt keine 'Hackhäuser' in Bogotá", hatte der Oberbürgermeister im Juli noch gesagt. Außerdem sei die Mordrate in diesem Jahr um zehn Prozent gesenkt worden.

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