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Brasilien: Bolsonaro streicht 50 Prozent des Etats für wissenschaftliche Forschung

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Seit den ersten Kürzungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich der Regierung Bolsonaro im Mai protestieren landesweit Tausende dagegen
Seit den ersten Kürzungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich der Regierung Bolsonaro im Mai protestieren landesweit Tausende dagegen

Brasília. Die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro hat massive Kürzungen bei den Ausgaben für den Bildungssektor angekündigt. Begründet wird dies mit der "Schieflage" von Brasiliens Staatshaushalt. Das Wissenschaftsministerium wurde bereits im April mit einer Haushaltssperre von 42 Prozent belegt. Weitere gravierende Etatkürzungen erfolgten nun für Studierende. Anfang September wurden über 5.800 Forschungsstipendien für Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter eingefroren. Neue Stipendien sollen dieses Jahr nicht mehr vergeben werden.

Die Verzweiflung unter jungen brasilianischen Wissenschaftlern ist groß, aus Mangel an finanziellen Mitteln können sie begonnene Forschungsarbeiten teilweise nicht zu Ende bringen. Für 2020 hat das Bildungsministerium soeben angekündigt, die Hälfte des Etats für wissenschaftliche Forschung an den staatlichen Hochschulen zu streichen.

Dieser neue Schnitt im Bildungsbereich ist Teil der ideologischen Bildungspolitik des ultrarechten Präsidenten: Staatliche Hochschulen sollen erneut der Elite vorbehalten sein. Er will die Universitäten "säubern", da er sie für Brutstätten des Marxismus hält. Grundlagenforschung gilt ihm und seinen konservativen Unterstützern der evangelikalen Pfingstkirchen ebenso als entbehrlich.

Ein aktuelles Beispiel: Bolsonaro hat Marcelo Recktenvald als neuen Rektor der Universidade Federal da Fronteira Sul (UFFS) ernannt, obwohl er in einer hochschulinternen Wahl nicht Erstplatzierter war, sondern lediglich auf den dritten Platz gekommen ist. Kein brasilianischer Präsident vor ihm hat das Vorschlagsrecht der Universitäten so missachtet. Die Studierenden an der UFFS in den Ablegern der zwei südlichsten Bundesstaaten protestierten gegen dieses Vorgehen und die Einsetzung Recktenvalds. Zudem kursiert in sozialen Netzwerken nun ein früheres Uni-Kursangebot des Wirtschaftsprofessors Recktenvald zum Thema: "Spiritualität und Führungskompetenz" aus den Jahren 2013 und 2014. In der Literaturliste zu seinem Seminar empfiehlt der konservative Christ und Baptisten-Pfarrer die Lektüre eines Textes mit dem Titel "Jesus Coach" sowie das Studium der Bibel. Einer der Posts hat bereits über 1,5 Millionen Reaktionen erhalten.

Die brasilianische Regierung versucht außerdem, mit Hilfe des Militärs staatliche Schulen zu disziplinieren. "Wir wollen nicht, dass diese Jugend so aufwächst, dass sie den Rest ihres Lebens an den Sozialprogrammen der Regierung hängt", so Bolsonaro. Deshalb plant er öffentliche Schulen zu militarisieren. Anfang September hat das Bildungsministerium das landesweite Programm "zivil-militärische Schule" vorgestellt: Pensionierte Militärangehörige greifen hier als Tutoren in die Verwaltung und die ethische Erziehung an "Problemschulen" ein. Bis 2023 sollen 216 Schulen im Land mitmachen.

"Man muss in die Köpfe der Kinder die zivil-militärischen Werte einpflanzen, die wir vor kurzem noch während der Militärregierung hatten. Es geht um moralische Bildung, bürgerliche Werte und den Respekt vor der Fahne", erklärte Bolsonaro bei der Zeremonie zur Ausweitung dieser Schulform.

Von der Militarisierung betroffene Mittelschulen sollen 500 bis 1.000 Schüler zählen und die Jahrgangsstufen sechs bis neun umfassen. Ziel der zivil-militärischen Ausrichtung bei der Schulbildung sei es, ein sicheres Schulambiente anzubieten, Kameradschaft zu fördern, Gewalt zu reduzieren, die schulischen Leistungen zu steigern und das Sitzenbleiben zu verhindern. Auch pensionierte Polizisten und Feuerwehrleute sind aufgefordert, Bolsonaros Schulmodell in prekären Stadtvierteln zu unterstützen.

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