Kolumbien / Umwelt / Wirtschaft

Kiestagebau in Kolumbien bedroht Lebensgrundlagen der Anwohner des Rio Magdalena

Ein anstehendes Kiestagebau-Projekt hat die Anwohner des Rio Magdalena auf den Plan gerufen. Sie sehen ihre Lebensgrundlagen bedroht

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Das Wassereinzugsgebiet des Rio Magdalena ist Heimat für 80 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung
Das Wassereinzugsgebiet des Rio Magdalena ist Heimat für 80 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung

Cundinamarca, Kolumbien. Die Regionale Entwicklungsgesellschaft des Departamento Cundinamarca (Corporación Autónoma Regional de Cundinamarca, CAR) hat bekannt gegeben. dass ein Abbau von Baumaterialen durch die Unternehmen Proingecol und Proacol trotz schon erteilter Umweltlizenzen erst stattfinden könne, wenn mehrere Einsprüche in der Angelegenheit geklärt sind. Im Oktober hatte die CAR ihre Zustimmung für die großflächige Förderung von Baustoffen bereits ausgestellt. Anwohner und Experten befürchten schwere Umweltfolgen für den nahegelegenen Fluss Rio Magdalena. Wiederholt haben sie Unstimmigkeiten im Zuge des Lizenzverfahren kritisiert.

Im Vorfeld hatten verschiedene lokale Gemeinden Petitionen gegen das Projekt gestartet. Der Tagebau soll an einem Seitenarm des Rio Magdalena stattfinden, wofür dieser umgeleitet werden müsste. Auch droht eine Kontamination des Gewässers. Der Fluss trennt die beiden zentralen kolumbianischen Departamentos Tolima und Cundinamarca.

In den Ortschaften Girardot (Cundinamarca) und Coello (Tolima) hatte sich seit 2015 Widerstand gegen das Projekt gebildet. Bei öffentlichen Anhörungen, die die CAR im selben Jahr organisiert hatte, überwogen von Anfang an kritische Stimmen. 6.700 Protestunterschriften wurden in den beiden Gemeinden gesammelt. Wortführer des Widerstandes waren seitdem wiederholt bedroht worden – keine Seltenheit im Zusammenhang mit Bergbauprojekten in Kolumbien.

Im Zentrum der Kritik stehen die veränderten Pläne des Projektes, die laut Umweltschützern die ursprünglichen Umweltbelastungsstudien obsolet gemacht haben. Änderungen wurden lediglich mit der Bergbaubehörde ANM (Agencia Nacional de Minería) abgesprochen – nicht mit der Umweltabteilung der CAR, wie ihr Direktor Carlos Bello erklärt: "Die Modifizierungen in den Entwicklungsplänen, die die Gemeinde kritisiert, wurden tatsächlich vorgenommen, jedoch nicht im Einvernehmen mit der Umweltbehörde. Es handelt sich um Neuerungen der Bergbau-Raumplanung, die wiederum im Zuständigkeitsbereich der ANM liegen. Wir begutachten nur das, was uns rechtswirksam präsentiert wird und gemäß den Kriterien, die wir in diesem Antrag finden, stellen wir eine Umweltlizenz aus."

"Die CAR hat [in ihren Studien] die sozialen und ökologischen Faktoren nie berücksichtigt, der ordnungsgemäße Prozess wurde nicht eingehalten und die 6.700 Unterschriften, die 2015 gesammelt worden waren, wurden ignoriert", behauptet Julián Huertas Fernández, Gemeinderat von Girardot. Und weiter: "Wir haben immer wieder auf diese Unregelmäßigkeiten hingewiesen."

Die Gemeinden fürchten vor allem um ihre Fischgründe. Viele Bewohner beziehen ihr Einkommen durch die Fischerei. "Wenn es keine Fische gibt, gibt es kein Geld, um unsere Familien zu ernähren", so Jhon Fredy Arias, ein lokaler Fischer. Auch Kleinbauern und indigene Gemeinschäften im Gebiet wären von den negativen Folgen betroffen.

Das Wassereinzugsgebiet des Rio Magdalena ist Heimat für 80 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung. Der Fluss verläuft nahe der Hauptstadt Bogotá und fließt bei der Karibikmetropole Barranquilla ins Meer.

Infolge der Kritik versicherte die CAR, nun ein Experten-Team mit der technischen Überprüfung der Umweltbelastungsstudien zu beauftragen. "Die Umweltlizenz wurde vorläufig ausgesetzt", betonte Juan Camilo Ferrer, Leiter der Rechtsabteilung der CAR, am vergangenem Samstag.

Seit der Regierung Álvaro Uribes (2002-2010) und fortgesetzt durch seinen Nachfolger Juan Manuel Santos (2010-2018) forciert die kolumbianische Zentralregierung eine Wirtschaftspolitik, die auf Ressourcenausbeutung und den Export von Primärgütern setzt. Dabei spielt insbesondere der Bergbau eine Schlüsselrolle. Ziel ist es, Kolumbien durch die "Bergbaulokomotive" ("locomotora minera") – wie sie im nationalen Entwicklungsplan 2010 verankert worden war – ökonomisch zu entwickeln und - ähnlich wie in Peru und Chile geschehen - in eine Bergbaunation zu verwandeln.

Entwicklungsökonomen und Sozialwissenschaftler erheben regelmäßig Zweifel an der Effektivität dieses "Extraktivismus" genannten Entwicklungsmodells. Sie weisen gerade auf das hohe Konfliktpotenzial hin, das mit den Megaprojekten einhergeht. Dabei bringen diese den betroffenen Regionen in der Regel keinen ökonomischen Mehrwert.

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