Morde an Aktivisten nehmen in Kolumbien auch unter der Ausgangssperre weiter zu

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Marcos Rivadeneira, Mitglied des Vorstands des "Nationalen Agrarkoordinators", wurde am 19. März ermordet
Marcos Rivadeneira, Mitglied des Vorstands des "Nationalen Agrarkoordinators", wurde am 19. März ermordet

Bogotá. Während die Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit auf die Corona-Krise richtet, spitzt sich die systematische Mordwelle an sozialen Aktivisten in Kolumbien weiter zu.

Seit dem Beginn der landesweiten Quarantäne vor zwei Wochen zählte das kolumbianische Institut für Friedens- und Entwicklungsstudien Indepaz bereits 14 getötete Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger. Senator Iván Cepeda warnte indes vor einer Zunahme der Morde inmitten der Corona-Pandemie, die weder im Land noch in der Weltgemeinschaft die nötige Aufmerksamkeit erhielten.

Die Nationale Indigene Organisation Kolumbiens (ONIC) prangerte am vergangenen Dienstag die Ermordung zweier indigener Führer im Valle del Cauca an, die sich unter Einhaltung der verordneten Quarantäne in ihren Häusern aufhielten. Auch ONIC fordert, dass es während des Corona-Notstands kein Schweigen der Medien zu den anhaltenden Morden an sozialen Aktivisten geben dürfe. Das Wegsehen der Gesellschaft führe in einigen Teilen des Landes, wie in der Provinz Putumayo, zu einem erneuten Anstieg der Gewalt.

"In Putumayo sind in den letzten Tagen mehr Menschen getötet worden als durch Covid-19", so Wilmar Madroñero, ein Mitglied des Putumayo Menschenrechtsnetzwerks. Demnach wurden in den letzten Tagen vier Menschen getötet. Der jüngste Fall ist der von Juan Carlos Castillo, einem ehemaligen Farc-Kämpfer. Er wurde mit mehreren Schusswunden tot aufgefunden. Castillo hatte seine Waffen im Zuge des Friedensabkommens mit der Farc-Guerilla niedergelegt und am Wiedereingliederungsprogramm teilgenommen.

Die Gemeinden im südwestlichen Putumayo sind besonders betroffen von den Kämpfen verschiedener bewaffneter Gruppen um die territoriale Kontrolle in dem Gebiet. Die Region ist seit jeher einer der Hauptproduzenten von Kokapflanzen und durch die Nähe zum Pazifik strategisch wichtig. Viele multinationale Unternehmen bauen dort außerdem Rohstoffe ab und arbeiten mit bewaffneten Gruppen zusammen, die die lokalen Gemeinden von ihren rohstoffreichen Territorien zwangsvertreiben. Die Bemühungen der Gemeinden, Alternativen für die Kokaproduktion zu finden, stoßen auf extreme Gewalt. Dutzende von Führungskräften, die an Programmen zur Substitution von Kokapflanzen beteiligt waren, wurden umgebracht.

So wurde am 19.März auch einer der prominentesten Aktivisten aus Putumayo, Marcos Rivadeneira, von einer Gruppe bewaffneter Männer getötet. Rivadeneira war Mitglied des Vorstands des "Nationalen Agrarkoordinators" (CNA), einer der größten Kleinbauernnorganisationen des Landes, die zur Plattform der sozialen Bewegungen "Volkskongress" gehört. Er war auch Präsident des Kleinbauernverbandes von Puerto Asís.

Der CNA macht den kolumbianischen Staat für die Ermordung Rivadeneiras verantwortlich. Landesweit prangern Menschenrechtsorganisationen die rechtskonservative Regierung von Iván Duque wegen ihrer Komplizenschaft an und fordern Maßnahmen zum Schutz der Menschen, die für die Rechte marginalisierter Teile der Gesellschaft kämpfen. Duques Regierung hat bislang keine Maßnahmen ergriffen. Die Forderungen der Organisationen bleiben unbeantwortet, während die Zahl der ermordeten Aktivisten weiter steigt.

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