Kolumbien: Militärs verkaufen Waffen an kriminelle Banden, darunter auch deutsche Pistolen

Offenbar systematische Geschäfte der Armee mit den Mafias. Auch deutsche Waffen im Angebot

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Indumil verfügt über Pistolen des Typs P99, obwohl in Deutschland keine Genehmigung für den Export dieser Waffe nach Kolumbien vorliegt
Indumil verfügt über Pistolen des Typs P99, obwohl in Deutschland keine Genehmigung für den Export dieser Waffe nach Kolumbien vorliegt

Bogotá. Enthüllungsjournalisten haben neue Beweisstücke einer engen Partnerschaft zwischen kriminellen Gruppen und Armeeeinheiten öffentlich gemacht. Es geht dabei um den illegalen Verkauf von Waffenscheinen und Waffen an die Mafia. Zu den Beweisen gehören Gespräche zwischen Vertretern krimineller Strukturen und Offizieren, die die Staatsanwaltschaft von Medellín im Rahmen von Ermittlungen gegen Drogenhändler abgehört hat. In einem der Mitschnitte verhandeln die Gesprächspartner auch über deutsche Pistolen des Typs Walther P99. In Deutschland gab es Ermittlungen wegen des Verdachts ungenehmigter Lieferungen dieser Waffensorte nach Kolumbien.

In dem Mitschnitt hört man, wie der illegale Käufer sich bei einem Militäroffizier der kolumbianischen staatlichen Rüstungsindustrie Indumil über die Auswahl an Pistolen erkundigt. "Ich will alles außer Jericho“, sagt er. Damit ist eine halbautomatische Pistole aus Israel gemeint. "Eine P99", schlägt dann der Indumil-Mitarbeiter vor und erzählt, dass sie um die 14 Millionen Pesos (circa 3.500 Euro) kostet. Er erklärt, sie sei aber teurer als eine Beretta, eine italienische Selbstladepistole. "Suchen Sie dann auch für mich eine Beretta“, entscheidet der Käufer.

Dass Indumil über Pistolen des Typs P99 verfügt, obwohl in Deutschland keine Genehmigung für den Export dieser Waffen nach Kolumbien vorlag, war bereits Thema von Ermittlungen in der Bundesrepublik. 2014 hatte das Bündnis "Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel" eine Strafanzeige gegen die deutsche Rüstungsfirma Carl Walther GmbH, Hersteller der Pistolen, wegen illegaler Lieferungen an Indumil erstattet.

Das Unternehmen war bereits 2006 wegen eines illegalen Umgehungsgeschäfts mit Pistolen nach Guatemala verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte jedoch 2017 die Ermittlungen gegen Walther im Fall Kolumbien "mangels hinreichenden Tatverdachts" eingestellt. Die Behörde bestätigte zwar, dass die Pistole P99, die ein kolumbianisches Waffenportal anbot, Teil einer Exportlieferung von Carl Walther war, sie soll aber nicht nach Kolumbien sondern nach Tschechien ausgeführt worden sein. Laut der Staatsanwaltschaft gebe es keine Hinweise auf strafrechtlich relevante Umgehungslieferungen der Waffenfirma über Tschechien nach Kolumbien.

Jedenfalls ging es in den abgehörten Gesprächen zwischen Indumil-Offizieren und Vertretern krimineller Gruppe um den illegalen Handel mit anderen Waffen, auch Gewehren, sowie um die Verhandlungen über Vermittlungsprovisionen. Zu den Geschäftspartnern der Armee gehören La Oficina (Das Büro) und die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens, AGC). Es sind Drogenhändlerstrukturen, die auch paramilitärisch agieren. La Oficina – früher La Oficina de Envigado genannt – verbreitet seit Jahrzehnten Terror in Medellín und der umliegenden Zone des Aburrá-Tals.

Nicht nur von der Staatsanwaltschaft stammen die Informationen über die Partnerschaft zwischen Armeeeinheiten und kriminellen Gruppen. Auch der kolumbianische Militärnachrichtendienst spürt seit 2016 korrupten Generalen im Rahmen der Operation "Kommandostab" nach. Das Politmagazin Semana hatte vor einigen Wochen über korrupte Strukturen der Medellíner 4. Heerbrigade informiert, die Waffenscheine an La Oficina auf Anordnung des Generals Jorge Romero verkaufte.

Die neuen Enthüllungen zeigen allerdings, dass die Kooperation mit kriminellen Gruppen über eine einzelne Armeestruktur in Medellín hinausgeht.

Sie belegen, dass Oberbefehlshaber der Armeeabteilung zur Waffenkontrolle von Bogotá, die zentral alle Waffenangelegenheiten in Kolumbien regelt, auch in das illegale Netzwerk zum Waffenhandel verwickelt ist. Laut den veröffentlichten Dokumenten beschränken sich diese Waffenlieferungen nicht nur auf Medellín sondern gehen auch in andere Städte wie Cali.

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