Regierung in Chile beginnt trotz breiten Widerstands mit Teilöffnung des Landes

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Immer unbeliebter: Chiles Präsident Piñera, hier bei seinem Rechenschaftsbericht vor dem Kongress am 31. Juli
Immer unbeliebter: Chiles Präsident Piñera, hier bei seinem Rechenschaftsbericht vor dem Kongress am 31. Juli

Santiago. Die chilenische Regierung setzt ihren Plan für eine "Rückkehr zur Normalität" weiterhin um. Die aufgrund der Corona-Pandemie verhängten Lockdowns werden in einigen Kommunen nach und nach gelockert.

Der von Präsident Sebastian Piñera und Gesundheitsminister Enrique Paris vorgestellte Plan "Paso a Paso, nos cuidamos" (Schritt für Schritt, wir achten auf uns) umfasst fünf Etappen, von Quarantänen zu Übergang, Vorbereitung und teilweiser Öffnung bis hin zu einer erweiterten Öffnung. Die Situation würde ständig evaluiert und man sei bereit, auf regionale Unterschiede adäquat zu reagieren und gegebenenfalls wieder verschärfende Maßnahmen einzuführen, so die Regierungsvertreter.

Die Phase des Übergangs erlaubt es der Bevölkerung, sich von montags bis freitags mit Mund-Nasen-Schutz innerhalb einer Kommune unbeschränkt zu bewegen. Kleinere Geschäfte sollen unter Einhaltung von Hygienestandards wieder öffnen dürfen und Ansammlungen von maximal zehn Personen erlaubt sein.

Seit vergangenem Montag wird diese Etappe in sieben Kommunen innerhalb der vom Virus besonders stark betroffenen Hauptstadt Santiago de Chile implementiert. Der Rückgang der Neuinfektionen in den vergangenen Wochen erlaube dies, so die Begründung.

Kritik kam von sozialen Initiativen, Gesundheitsorganisationen, Gewerkschaften und Oppositionsparteien. In einer gemeinsamen Stellungnahme verurteilten sie den Plan als "unvorsichtig und übereilt". Neben fehlender Transparenz über notwendige Daten zur Rückverfolgung von Kontakten kritisieren die Unterzeichner auch die bisherige Quarantäne-Politik der Regierung. Sie fordern, "die Politik der dynamischen Quarantäne und der kommunalen Beschränkungen" aufzuheben, da "diese kritisierte Strategie bereits Tausende Menschenleben im Land gekostet hat". Von den landesweit 346 Kommunen befinden sich aktuell noch 63 in Quarantäne, darunter die bevölkerungsreichen Stadtteile im Zentrum Santiagos und die Mehrheit der Hafenstadt Valparaíso.

Die Kritiker forderten Gesundheitsminister Paris auf, eine neue Regierungsstrategie gegen die Pandemie gemeinsam mit den Beschäftigten im Gesundheitsbereich und der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu erarbeiten.

Der Vorsitzende der Nationalen Ärztevereinigung, José Miguel Bernucci, warnte im Zusammenhang mit der Phase des Übergangs in den Kommunen der Hauptstadt vor einer zweiten Infektionswelle. Die internationalen Erfahrungen zeigten, dass das Wiederaufkeimen des Virus sehr wahrscheinlich sei, so Bernucci im Interview mit dem Radiosender Pauta. "Ein Wiederaufflammen mit 200 bis 300 Fällen ist zu handhaben. Wenn das allerdings mit einer Zunahme der Krankenhausbelegung und einer Zunahme der Ansteckungsgefahr einhergeht, bedeutet es, dass die Wahrscheinlichkeit, zu einer Welle zurückzukehren, die so groß oder größer ist als die im Juni, sehr groß ist“, so Bernucci weiter.

In den letzten Tagen lässt sich eine erneute Zunahme von mit Corona Infizierten feststellen. Die Anzahl betrug am Samstag 355.667 Personen. Nach Angaben der US-amerikanischen Johns Hopkins Universität vom Samstag verstarben seit Beginn der Pandemie 9.457 Menschen in Chile mit oder an dem Virus.

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