Zu großes Risiko: Vicentín wird in Argentinien nun doch nicht verstaatlicht

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Vicentín wird nun doch nicht verstaatlicht, der Widerstand und das Risiko waren zu groß
Vicentín wird nun doch nicht verstaatlicht, der Widerstand und das Risiko waren zu groß

Buenos Aires. 60 Tage nachdem die argentinische Regierung die Übernahme der Kontrolle über das schwer angeschlagene Agro-Unternehmens Vicentín und damit dessen Verstaatlichung angekündigt hatte, hat Präsident Alberto Fernández diese Pläne nun wieder per Dekret zurückgenommen. Grund dafür seien die nach wie vor undurchsichtigen Hintergründe, die zu der immensen finanziellen Schieflage des Unternehmens geführt hatten.

Auch wenn dessen Bedeutung für die argentinische Wirtschaft sehr groß sei, könne die Regierung das Risiko einer Übernahme nicht eingehen, so Präsident Fernández in einer Stellungnahme. Er erklärte in einem Interview gegenüber der Zeitung El Destape außerdem, dass von Seiten der Unternehmensleitung in den vergangenen Wochen alles unternommen worden sei, um der Regierung so wenig wie irgendwie möglich preiszugeben. Man habe ihr "alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt". Was man jedoch einsehen konnte, sei "sehr beunruhigend" gewesen. So hätte man sich schlussendlich aufgrund der Verantwortung gegenüber den argentinischen Steuerzahlern nicht dazu entschließen können, die immensen Schulden des Unternehmens zu übernehmen.

Ein Grund dafür war auch, dass sich das Unternehmen weigerte, sein Führungspersonal auszutauschen. Trotzdem bleibe man von Seiten Vicentíns weiter verhandlungsbereit, wie aus einer Ende vergangener Woche veröffentlichten Erklärung hervorging. Man habe aber zunächst auch die Interessen seiner Aktionäre schützen müssen, so das Unternehmen.

Rechte Politiker und Medien hatten in den letzten Wochen die mögliche Übernahme mit dem Fall der Verstaatlichung des Erdölunternehmens YPF im Jahr 2012 gleichgesetzt und der Regierung eine kommunistische Politik vorgeworfen. Jedoch hatte Fernández bereits Anfang Juni klargemacht, dass es aufgrund der Bedeutung von Vicentín für die Exportwirtschaft einzig darum gehe, das finanziell in extreme Schieflage geratene Unternehmen zu retten. Trotzdem war es seit Anfang Juni wegen des Falls im Land immer wieder zu von der Opposition unterstützen Demonstrationen gekommen.

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Die Wirtschaftszeitung El Ámbito veröffentlichte am Wochenende dann Teile der Analyse über die Unternehmensfinanzen, die von der Kontrollbehörde der Regierung (SIGEN) durchgeführt wurde. Darin heißt es, Vicentín habe sich zu einer "Unternehmensgruppe mit einem undurchsichtigen Unternehmensnetzwerk entwickelt, mit gegenseitigen Krediten und Schulden zwischen den Firmen und dubiosen Übertragungen von Aktienkapital". Am 31.Oktober 2018 habe das Unternehmen noch einen Gewinn von etwa 26 Millionen US-Dollar (1,88 Milliarden argentinische Peso) ausgewiesen. Das Nettoeigenkapital betrug damals noch rund 280 Millionen US-Dollar bei Verbindlichkeiten von knapp 620 Millionen US-Dollar. Diese hätten sich bis zuletzt auf rund 1,4 Milliarden US-Dollar (99,5 Milliarden Peso) erhöht, das Nettovermögen sank derweil in den letzten 20 Monaten um 88 Prozent auf nur noch knapp 35 Millionen US-Dollar.

Bei diesen Zahlen muss auch die Rolle der Regierung von Mauricio Macri genauer betrachtet werden. Noch im Dezember 2019 und damit im letzten Monat von Macris vierjähriger Amtszeit hatte die staatliche Bank (Banco Nación) Vicentín einen Kredit in Höhe von 95 Millionen US-Dollar gewährt. Die Gesamtsumme soll sich sogar auf ca. 300 Millionen US-Dollar belaufen. Vicentín war im Übrigen der größte Einzelspender für den Wahlkampf von Macris Partei PRO bei den Senats- und Kongresswahlen 2017 sowie den Präsidentschaftswahlen 2019.

Vicentín exportierte 2019 ca. 8,4 Millionen Tonnen Soja- und Sonnenblumextrakte und damit mehr als jedes andere argentinische Unternehmen. Außerdem kontrollierte es rund 20 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes, das aufgrund eines extremen Mangels an Devisen und einer hohen Auslandsverschuldung momentan mit internationalen Gläubigern verhandelt, um einen drohenden Staatsbankrott doch noch abwenden zu können.

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