Brasilien / Umwelt

Brasilien: Sprunghafter Anstieg von Pestizid-Neuzulassungen unter Bolsonaro

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Auf großen Latifundien werden mit Flugzeugen großflächig Pestizide versprüht
Auf großen Latifundien werden mit Flugzeugen großflächig Pestizide versprüht

São Paulo. In Brasilien hat es unter der Regierung des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro einen sprunghaften Anstieg von Pestizid-Neuzulassungen gegeben – das erklärt Larissa Bombardi, Professorin und Forscherin am Geographischen Institut der Universität von São Paulo, in einem kürzlich veröffentlichten Video. Bombardi gilt als eine der versiertesten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Pflanzenschutzmittel in Brasilien. In dem Video beschreibt sie einige der Hauptmerkmale von hochgefährlichen Substanzen, die in den ersten 18 Monaten der Bolsonaro-Regierung, also seit Anfang 2019, neu zugelassen wurden.

Der Anstieg der Pestizid-Zulassungen im Vergleich zu der 2016 durch einen kalten Putsch abgesetzten Regierung der Arbeiterpartei (PT), die seit 2003 jährlich rund 98 Pestizide neu registrierte, ist enorm. Die Hälfte der 680 Neuzulassungen im Zeitraum Anfang 2019 bis Ende Juni 2020, sind Herbizide, ein Drittel Insektizide und ein Sechstel sonstige Gifte. Von den in den 680 Produkten enthaltenen 113 Pestizid-Wirkstoffen sind ein Drittel aufgrund ihrer Toxizität für Menschen und Umwelt in der EU verboten.

Als Beispiel der sieben in Brasilien meistverkauften "Ackergifte" hebt sie den Wirkstoff Acephat hervor, ein seit 2003 in Europa unzulässiges Insektizid. Acephat ist nerven- und zelltoxisch und schädigt Embryonen im Mutterleib. Das Herbizid Atrazin der Chemiekonzerne Syngenta (Schweiz) und Bayer-Monsanto, das seit 2004 in der EU und seit 2007 in der Schweiz nicht mehr erlaubt ist, verursache Parkinson, Magen-, Prostata-, Eierstock- und Lymphdrüsenkrebs sowie das Non-Hogdkin-Lymphom (eine weitere Krebsart). Schließlich nahm die brasilianische Zulassungsbehörde ANVISA im August des vergangenen Jahres eine kuriose Re-Klassifizierung der Giftigkeit aller Pestizide vor, bei der die Toxizität vieler vorher als "hoch toxisch" bewerteter Stoffe erheblich herabgestuft wurde.

Das Problem besteht dem außerordentlichen Professor an der Universität des Norte Fluminense, Marcos Pedlowski, zufolge nicht nur für die Brasilianer, sondern für alle Länder, die die belasteten Produkte importieren, die Brasilien auf seinen exportorientierten Latifundien produziert.

Christoph Then von der auf Pestizide und Gentechnik spezialisierten deutschen Organisation Testbiotech kritisiert bereits seit langem, dass jährlich 30 bis 40 Millionen Tonnen Sojabohnen aus Ländern wie Brasilien, aber auch Argentinien und den USA in die EU importiert würden, die zum größten Teil gentechnisch verändert und massiv mit Herbizidmischungen gespritzt würden. Diese Herbizidmischungen enthielten Glyphosat und andere hoch toxische Herbizide. Die importierte Ernte ist regelmäßig mit entsprechenden Rückständen belastet. Sogar die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA habe festgestellt, dass die vorliegenden Daten nicht ausreichten, um die gesundheitlichen Risiken für Verbraucher in der EU zu beurteilen.

Die Bolsonaro-Regierung nutze Pedlowski zufolge auch im Bereich der Pestizidzulassung die Gelegenheit, "die Sau durchs Dorf zu treiben". Seit der Veröffentlichung des Videos von Professorin Bombardi vergangene Woche wurden bereits 29 weitere Pestizide vom Landwirtschaftsministerium unter Leitung der in der Zivilgesellschaft als "Giftmuse" bezeichneten Bundesagrarministerin Tereza Cristina zugelassen.

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