Regierung von Argentinien kämpft gegen Wertverlust des Peso

Schwindelerregender Anstieg des US-Dollars am Devisenschwarzmarkt. Regierung ist gegen Abwertung und sieht politisch motivierten Angriff

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Der US-Dollar bringt die Wirtschaft von Argentinien unter Druck
Der US-Dollar bringt die Wirtschaft von Argentinien unter Druck

Buenos Aires. Der Kurs des US-Dollar auf dem argentinischen Devisen-Schwarzmarkt, des sogenannten Dollar Blue, ist zuletzt auf den Höchstwert von 195 Pesos gestiegen. Innerhalb nur eines Monats legte er damit um 50 Pesos oder fast 35 Prozent zu. Im selben Zeitraum stieg der offiziell gehandelte Kurs von 80 auf lediglich 84 Pesos. Die Regierung betont, dies entspreche in etwa dem Verfall der Kaufkraft der argentinischen Währung durch die Inflation.

Die immer weiter aufgehende Schere zwischen dem offiziellen Kurs des US-Dollar und seinem Handelswert am Schwarzmarkt bringt die nationale Währung unter Druck und könnte insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie eine ernsthafte Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität des Landes darstellen.

Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, schloss die Regierung von Präsident Alberto Fernández zuletzt mehrfach eine abrupte Abwertung des Peso aus. Eine solche hatte zuletzt in der Ära des konservativen Staatschefs Mauricio Macri (2015 – 2019) zu schweren sozialen Verwerfungen geführt.

Die Vizechefin des Ministerkabinetts, Cecilia Todesca Bocco, betonte, man müsse die Auswirkungen im Auge behalten, die eine etwaige Abwertung auf die argentinische Wirtschaft hätte, für die bereits eine Rezession von zwölf Prozent in diesem Jahr vorhergesagt wird. In diesem Kontext wäre die Folge nicht primär eine Steigerung der Exporte, sondern vor allem ein Verfall der Einkommen, der Renten und damit der Nachfrage.

Die Entwicklung eines illegalen, jedoch geduldeten Parallelmarkts für den US-Dollar geht zurück auf die Ära von Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner und ist eine Folge der 2011 eingeführten Beschränkungen für den Devisenhandel.

Kirchners Nachfolger Macri ließ die Maßnahmen zunächst wieder aufheben und lockte mit einem Leitzins von bis zu 60 Prozent zugleich ausländisches Spekulationskapital ins Land. Am Ende seiner Amtszeit sah er sich jedoch zur Wiedereinführung von Beschränkungen gezwungen. Dies kam dem Eingeständnis des Scheiterns seiner Wirtschaftspolitik gleich. Privatpersonen konnten ab September 2019 zunächst maximal 10.000 US-Dollar pro Monat erwerben. Im Oktober wurde das Limit auf 200 US-Dollar reduziert.

Unter Macris Nachfolger im Präsidentenamt, dem Peronisten Alberto Fernández, wurde der Devisenerwerb mit einer Solidaritätssteuer ("impuesto país") von 30 Prozent belegt.

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Seit September dieses Jahres schließlich ist für Devisenkäufe über Kreditkarte oder zum Zweck der Geldanlage eine zusätzliche Abgabe von 35 Prozent fällig, welche die Käufer jedoch später von der Einkommens- bzw. der Vermögenssteuer wieder abschreiben können. Außerhalb des Import/Export-Sektors müssen Privatpersonen beim Ankauf von US-Dollar somit 65 Prozent auf den offiziellen Nominalwert aufschlagen. Derzeit liegt der Wert dieses sogenannten "Touristendollars" mit 138 Pesos dennoch 46 Pesos unter dem der illegal gehandelten Schwarzmarkt-Devise.

Wirtschaftsminister Martín Guzmán führte diese Schere unter anderem darauf zurück, dass ausländisches Kapital, das in der Ära Macri unter dem Vorzeichen einer Hochzinspolitik ins Land kam, aufgrund der angespannten ökonomischen Situation vermehrt nach Fluchtwegen sucht. Dazu komme, dass der Exportsektor Waren bewusst zurückhält, um im Fall einer abrupten Peso-Abwertung einen höheren Verkaufsgewinn erzielen zu können. Etwas Ähnliches passiert im Bereich der Importwirtschaft, wo Waren vor einer etwaigen Abwertung in großen Mengen angekauft und für die Zukunft gehortet werden. All das erhöht die Nachfrage nach dem US-Dollar und bringt die nationale Währung gegenüber diesem in Bedrängnis.

Darüber hinaus vermuten die Regierung und ihre Unterstützer hinter der Kursexplosion des US-Dollar am Devisenschwarzmarkt jedoch auch einen konzentrierten politischen Angriff aus den Reihen ökonomisch einflussreicher Regierungsgegner, insbesondere der landwirtschaftlich orientierten Exportwirtschaft. Das politische Ziel dahinter sei die Destabilisierung der Regierung, das ökonomische ein erhöhter Gewinn durch eine erzwungene Abwertung des Pesos. In diesem Sinn äußerten sich zuletzt auch Präsident Fernández und die Vizepräsidentin Fernández de Kirchner.

Wirtschaftsminister Guzmán setzte indes auf wirtschaftspolitische Maßnahmen, die zu einer Entlastung des Devisenschwarzmarktes führen sollen. Zum einen wurden Bons in Pesos aufgelegt, deren Wert sich jedoch im Verhältnis zu jenem des US-Dollar entwickelt. Damit soll der Ablehnung einer Währungsabwertung seitens der Regierung zusätzlich Nachdruck verliehen werden.

Außerdem wird ausländischen Investmentfonds eine konkrete Möglichkeit angeboten, ihr Kapital auf legale Weise aus dem Land abzuziehen. Neben wirtschaftspolitischen ergriff die Regierung zuletzt aber auch polizeiliche Maßnahmen. So wurden vergangene Woche in mehreren illegalen Wechselstuben der Hauptstadt auf gerichtliche Anordnung Razzien wegen des Verdachts auf Geldwäsche durchgeführt.

Als Folge der Interventionen der Regierung gab der Wert des US-Dollar am Schwarzmarkt zwar zuletzt um fünf Pesos nach, die Währungsvolatilität wird Prognosen zufolge jedoch weiter anhalten.

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