Weitere Eskalation der Gewalt: Neue Massaker erschüttern Kolumbien

2020 bereits 84 Angriffe mit jeweils mehreren Toten. UN-Menschenrechtskommission fordert Regierung zum Handeln auf

patronen.jpg

Auch im vierten Jahr nach dem Friedensabkommen hält die Gewalt in Kolumbien weiter an
Auch im vierten Jahr nach dem Friedensabkommen hält die Gewalt in Kolumbien weiter an

Bogotá/Genf. Gleich drei tödliche Angriffe sind am vergangenen Sonntag in Kolumbien verübt worden. In Cuturú in Antioquia wurden drei Menschen durch Paramilitärs ermordet. Noch am selben Tag kamen im Landkreis Maicao im Departamento La Guajira bei zwei weiteren Angriffen sechs Menschen ums Leben. Laut dem Nationalen Institut für Entwicklung und Frieden (Indepaz) steigen die registrierten Fälle von Mehrfachtötungen in diesem Jahr auf 84.

Am Sonntagmorgen trafen etwa 50 Uniformierte in der Landgemeinde Cuturú in Antioquia ein und eröffneten das Feuer auf mehrere Personen, als diese eine Veranstaltung verließen. Drei Menschen starben. Die Täter werden der paramilitärischen Gruppierung "Clan del Golfo" zugeordnet.

Andere Angriffe ereigneten sich im Karibik-Departamento La Guajira: In der Stadt Maicao erschossen vermummte Motorradfahrer vier Menschen. Nur wenig entfernt im selben Landkreis töteten bewaffnete Männer während einer Trauerfeier zwei Menschen, zwei wurden verletzt. Die Opfer gehörten der indigenen Wayúu-Gemeinschaft  an.

Senator Feliciano Valencia der MAIS-Partei verbreitete die Meldung der getöteten Wayúu am Montag per Tweet und forderte ein Ende der tödlichen Gewalt. Auch die Nationale Kommission indigener Territorien berichtete von dem Ereignis und appellierte an die staatlichen Behörden, das Leben der indigenen Völker zu verteidigen.

Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo reiste mit einer Delegation hochrangiger Militärs und Polizeivertreter nach Maicao, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Holmes ersten Vermutungen zufolge habe es sich im Fall der ermordeten Wayúu um eine Streitigkeit innerhalb einer Familie gehandelt. "Das Innenministerium wird einen Dialogtisch einrichten, um die friedliche Lösung innerhalb der indigenen Gemeinschaft zu erreichen", so der Minister. Für hilfreiche Hinweise zur Aufklärung des Falls wurden 20 Millionen Pesos Belohnung ausgesetzt, was in etwa 5.000 Euro entspricht.

Am Dienstag meldete sich UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet zu Wort und verurteilte die neue Gewaltwelle in Kolumbien. Sie verlangte von der Regierung unter Präsident Iván Duque, die Bürger besser zu schützen. "Es ist die Verantwortung des Staates, im ganzen Land präsent zu sein und umfassende Maßnahmen durchzusetzen, die nicht nur gegen die direkt Verantwortlichen der Gewalt gerichtet sind, sondern auch die öffentliche Grundversorgung und den Schutz der Grundrechte der Bevölkerung beinhalten", erklärte Bachelet in einer Stellungnahme. Menschenrechtsverletzungen müsse auf transparente Art und Weise nachgegangen werden.

Die Hochkommissarin wies auch auf das Leid der Hinterbliebenen hin: Opfer seien auch die, die nach einem Angriff ohne Schutz dastehen und in Angst leben müssen. Es sei tragisch zu sehen, dass so viele Menschen in Kolumbien zu Gewaltopfern werden.

Ein Beispiel hierfür sind Flucht und Vertreibung wie im Fall Miguel Tapi Ritos (amerika21 berichtete): Anfang Dezember war der indigene Anführer im Departamento Chocó ermordet worden. 900 Mitglieder seiner Gemeinde flüchteten daraufhin in ein benachbartes Dorf. 2020 stieg die Zahl der Vertriebenen in Kolumbien stark an. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden 16.190 Menschen vertrieben – die doppelte Zahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Zur Zielscheibe der Gewalt werden besonders historisch marginalisierte Gruppen wie Indigene oder Afro-Kolumbianer. Das Volk der Nasa litt dieses Jahr am meisten unter der Gewalt und beklagt 66 Todesopfer.

Auch die demobilisierten Ex-Guerilleros der Farc-EP finden keinen Schutz: Seit dem Friedensabkommen 2016 wurden 245 von ihnen getötet.

"Die Zahlen, die wir nennen, sind diejenigen die veröffentlicht wurden, aber wir befürchten, dass sie höher ausfallen, denn die Pandemie hat unsere Bemühungen behindert, Tötungen zu dokumentieren und zu bestätigen", sagte Marta Hurtado, Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros in Genf.

Und Bachelet stellte fest: "Traurigerweise ist die Gewalt in Kolumbien nach Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts zur Normalität geworden, und das sollte niemand akzeptieren."

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr